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Autorität versus Kompetenz Wer wählt dominante Politiker?

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Der türkische Präsident Erdogan und US-Präsident Trump: Warum können sie beim Wähler punkten?

(Foto: REUTERS)

Weltweit haben derzeit Politiker Erfolg, die als dominant oder aggressiv gelten, zudem mit oft zweifelhaften Moralvorstellungen oder Herrschsucht. Warum sind solche Machtmenschen wie Trump und Putin dennoch bei Wählern erfolgreich?

Ob Donald Trump, Wladimir Putin oder Recep Tayyip Erdogan: Rund um den Erdball feiern Politiker Erfolge, die als dominant oder gar aggressiv gelten – und das, obwohl ihnen gleichzeitig häufig ein Hang zum Narzissmus, zweifelhafte Moralvorstellungen oder Herrschsucht vorgeworfen wird. Warum derartige Volksvertreter dennoch beim Wähler punkten können, haben Wissenschaftler der London Business School untersucht. Ihr Ergebnis: Unter dem Druck wirtschaftlicher Unsicherheit und dem Gefühl, immer weniger Kontrolle über das eigene Leben zu haben, entscheiden sich Menschen eher für Politiker, die autoritär wirken, als für solche, die als kompetent gelten.

Evolutionär betrachtet können beim Menschen sowohl Dominanz als auch Kompetenz Wege in eine Führungsposition sein. Um herauszufinden, wann und warum insbesondere dominante Politiker erfolgreich sind, analysierten die beiden Verhaltenspsychologen Hemant Kakkar und Niro Sivanathan die Daten von über 140.000 Teilnehmern aus 69 Ländern nach der Frage, wie sich psychologische und situationsbedingte Faktoren auswirken. Ihr Ergebnis aus den insgesamt drei Längsschnittstudien haben sie in den "Proceedings" der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften (Pnas) veröffentlicht. In den ersten beiden Studien konzentrierten sie sich auf die USA, wo sie die politische Präferenz auf nationaler und kommunaler Ebene von über 2000 Teilnehmern abfragten, ebenso wie sozioökonomische Faktoren.

Ökonomische Unsicherheit

Die Resultate dieser ersten beiden Erhebungen legen nahe, dass vor allem ökonomische Unsicherheit zu dominanten politischen Führungspersönlichkeiten tendieren lässt. In der dritten Studie griffen die Forscher auf die internationalen Daten der World Values Survey (WVS) sowie der World Development Indicators (WDI) der Weltbank zurück: In der WVS-Datenbank finden sich Umfrageergebnisse zu Werten aus etwa 100 Ländern aus den Jahren 1981 bis 2014. Kakkar und Sivanathan kombinierten die Zahlen von 138.000 Teilnehmern aus 69 Ländern mit den Arbeitslosenraten aus der WDI-Datenbank. Hier stellten sie fest, dass mit höheren Arbeitslosenzahlen auch der Wunsch nach dominanten Politikern wächst.

Gleichzeitig steigt das Gefühl des persönlichen Kontrollverlusts. Insofern stelle die Wahl eines dominanten Führers eine Kompensationsstrategie dar und das vor allem bei Menschen, die sich stark mit einer Gruppe oder ihrem Land identifizierten.

"Gefühl, selbst Einfluss zu haben"

Für Siegfried Preiser, Rektor der Psychologischen Hochschule Berlin, eine nachvollziehbare These: "Durch Identifikation mit autoritären Führern bekommt der Einzelne das Gefühl, selbst Einfluss zu haben", erklärt er. Aus psychologischer Sicht sei die Arbeit von Kakkar und Sivanathan überzeugend, so Preiser, der auch Vorstandsmitglied der Sektion Politische Psychologie im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen ist. Tatsächlich verletze Unsicherheit das menschliche Bedürfnis nach Geborgenheit – kombiniert mit dem Eindruck des Kontrollverlusts entstünden so Stresssituationen für den Einzelnen. "Und in solchen Situationen ist die Bandbreite dessen, was man denken kann, eingeengt", kommentiert Preiser. "Umso überzeugender wirken Politiker, die einfache Lösungen versprechen."

Dieses Phänomen sei weltweit zu beobachten, denke man an die AfD und Pegida hierzulande, oder das Versprechen von Nigel Farange in Großbritannien vor dem Brexit, "Kontrolle im nationalen Rahmen" zurückzugewinnen. Tatsächlich helfen würden dem einzelnen solche Versprechen nicht, aber sie würden kognitive Lösungen anbieten und Schuldige benennen. "Das kann in einem Land die EU sein, in einem anderen sind es Migranten", erläutert der Experte.

Für Kakkar und Sivanathan ergibt sich aus ihrer Studie ein Zirkelschluss: Zum einen beeinflussen ökonomische Faktoren nicht nur die Einwohner eines Landes direkt, sondern bestimmen auch ihre Vorliebe für den politischen Führungsstil. Zum anderen trifft eben jene politische Führung wirtschaftspolitische Entscheidungen, die Einfluss auf die nächsten (Wähler-)Generationen hat. Eine normative Empfehlung geben die beiden Wissenschaftler in ihrer Arbeit indes nicht.

"Ein 'Wir schaffen das' reicht nicht"

Siegfried Preiser empfiehlt, dass Politiker überzeugende, übersichtliche und nachvollziehbare Lösungen anbieten sollten: "Ein 'Wir schaffen das' reicht nicht." Nur so würde den Menschen etwas von ihrer Unsicherheit genommen.

Gleichzeitig zeigten die Beispiele von Großbritannien, vor allem aber von Trump schon jetzt, dass dominante Lösungen bröckelten, wenn sie nicht mit Kompetenz verbunden seien. Preiser ist überzeugt: "Wenn Politik Unsicherheit abbauen kann, sind Menschen zu differenziertem Denken in der Lage."

Quelle: ntv.de, Alice Lanzke, dpa