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Enorm hohe Fallzahlen Wie häufig ist Long Covid bei Kindern?

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Die deutschlandweiten 7-Tage-Inzidenzen der Kinder liegen bei über 800 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner.

(Foto: picture alliance / Pressebildagentur ULMER)

In der vierten Corona-Welle stecken sich besonders viele Kinder an, vor allem bei den 5- bis 14-Jährigen sind die Inzidenzen erschreckend hoch. Sie kommen selten ins Krankenhaus, das weiß man. Aber wie viele von ihnen werden später an Langzeitfolgen leiden?

Angesichts der kritischen Situation in vielen deutschen Intensivstationen gelten Kinder bereits oft wieder nur als mögliche Verbreiter des Coronavirus, die ältere Erwachsene gefährden. Doch obwohl sie nur sehr selten im Krankenhaus landen oder gar sterben, können sie krank werden. Viele Eltern haben vor allem Sorgen, dass ihre Kinder an Long Covid leiden könnten, was auch nach einem leichten Verlauf möglich ist. Wie groß das Risiko von Langzeitfolgen einer Covid-19-Infektion tatsächlich ist, weiß die Wissenschaft allerdings bis heute bestenfalls ungefähr.

Die 7-Tage-Inzidenzen sind vor allem bei den 5- bis 9-Jährigen und 10- bis 14-Jährigen mit rund 830 beziehungsweise 920 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner extrem hoch. In einigen Regionen, besonders im Osten und Süden Deutschlands sind die Zahlen noch viel extremer. Im sächsischen Erzgebirgskreis liegt die Inzidenz der Kinder sogar bei über 3000 Fällen.

Trotz sehr hoher Inzidenzen wenig schwer Erkrankte

Entsprechend der rasant steigenden Werte hat das RKI auch mehr Hospitalisierungen bei sehr jungen Menschen registriert. In der dritten Novemberwoche kamen 115 Kinder bis vier Jahre ins Krankenhaus, bei den 5- bis 14-Jährigen waren es 146. Für ältere Jugendliche führt das RKI keine eigene Statistik, bei den 15- bis 34-Jährigen zählte es 490 Hospitalisierungen.

Im Vergleich zu den älteren Altersgruppen sind dies immer noch sehr niedrige Werte, von den 60- bis 79-Jährigen mussten beispielsweise mehr als 2000 Covid-19-Fälle zur Behandlung ins Krankenhaus. Sehr deutlich sieht man den Unterschied auch an den Inzidenzen, die bei den beiden jüngsten Altersgruppen bei 2,9 und 1,9 Hospitalisierungen pro Woche und 100.000 Einwohner liegen. Bei den 60- bis 79-Jährigen beträgt der Wert 11,2, bei den über 80-Jährigen sogar 33.

Einige Minderjährige müssen auf Intensivstationen behandelt werden, gestern waren es laut DIVI-Intensivregister 27, am Freitag 30. Das sind zwar neue Höchststände, aber der Anteil der minderjährigen Intensivpatienten ist mit 0,7 Prozent nach wie vor sehr gering. Das Sterberisiko von Kindern und Jugendlichen strebt sogar gegen null. Bisher hat das RKI im Laufe der Pandemie 35 Todesfälle unter 20 Jahren registriert, von denen mindestens 25 Vorerkrankungen hatten.

Langzeitfolgen schwer zu erfassen

Was man nicht so einfach in Zahlen fassen kann, ist das Risiko der Kinder, an Langzeitfolgen einer Infektion zu leiden, dem sogenannten Long Covid beziehungsweise Post-Covid. Wie das RKI in seinen FAQ zu den Impfungen von Kindern und Jugendlichen bemerkt, handelt es sich dabei nicht um ein einheitliches Krankheitsbild. Grundsätzlich zählen für die Behörde dazu Krankheitszeichen und Symptome, die mehr als zwölf Wochen nach Krankheitsbeginn bestehen beziehungsweise mehr als zwölf Wochen nach einer Infektion auftreten und für die es keine andere medizinische Erklärung gibt.

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Nur 0,6 Prozent der Corona-Intensivpatienten sind minderjährig.

(Foto: DIVI-Intensivregister)

Häufige Symptome sind anhaltende Erschöpfungszustände (Fatigue-Syndrom), Atembeschwerden, Geruchs- und Geschmacksstörungen, Konzentrations- und Schlafstörungen, Kopfschmerzen, depressive Verstimmung und Herzrhythmusstörungen.

Klinische Daten zu Long Covid bei Kindern und Jugendlichen gibt es kaum. Die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) hat im Sommer eine entsprechende Erhebung begonnen, bisher aber noch nicht ausreichend Daten gesammelt, um eine Auswertung zu veröffentlichen.

PIMS selten und meistens ohne Spätfolgen

Eine gute Datenlage hat das DGPI lediglich zu einer speziellen Form von Covid-Langzeitfolgen, dem Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome (PIMS). Dabei werden die Organe von einer Überreaktion des Immunsystems angegriffen. Hier hat das DGPI bisher seit Pandemiebeginn 468 Fälle von 167 an der Erhebung teilnehmenden Kliniken gemeldet.

Zwar mussten die meisten PIMS-Patienten intensiv behandelt werden, aber bisher forderte die Erkrankung keine Todesopfer. Auch Folgeschäden sind mit 6,2 Prozent (29 Fälle) selten. Hier kommen Herz-Kreislauf-Probleme (28) mit Abstand am häufigsten vor.

Etliche Studien, die Long Covid bei Kindern auf den Grund gehen sollen, basieren auf Befragungen. Dabei ergibt sich unter anderem das Problem, dass es für die Befragten bei vielen Symptomen schwer ist, zu unterscheiden, ob sie die Folge einer Infektion oder der allgemeinen Umstände der Pandemie sind (Lockdown, Schulschließungen, familiäre Spannungen, et cetera). Außerdem können die Fragen selbst das Ergebnis beeinflussen.

Alle Studien haben Schwächen

Ein weiterer Punkt ist, wie man Long Covid definiert, ob Symptome noch nach fünf, neun oder zwölf Wochen feststellbar sein müssen. "Je länger die Zeiträume sind, desto mehr verschwindet natürlich davon", sagte der DGPI-Vorsitzende Johannes Hübner ntv.de. Ein anderes Problem von Studien ist, dass ohne Kontrollgruppen gearbeitet wurde, dass also die Gruppe der infizierten Kinder und Jugendlichen nicht mit einer Gruppe von nicht infizierten verglichen wurde.

Die Studienlage ist also alles andere als eindeutig. Zwei Arbeiten aus Großbritannien und Deutschland zu Long Covid bei Kindern und Jugendlichen haben in den vergangenen Monaten allerdings besondere Beachtung gefunden.

Jedes siebte infizierte Kind betroffen?

Ende August veröffentlichte das University College London (UCL) ein Preprint, die bis dahin weltweit umfangreichste Studie zu dem Thema. Die Forscher befragten dafür 3065 11- bis 17-Jährige in England, die zwischen Januar und März positiv (PCR) auf SarsCoV-2 getestet wurden. Das Gleiche machten sie mit einer Vergleichsgruppe von 3739 Teilnehmern dieser Altersgruppe, die im gleichen Zeitraum negativ getestet wurden.

Sie fanden heraus, dass nach 15 Wochen in der positiv getesteten Gruppe 14 Prozent mehr als in der negativ getesteten Gruppe drei oder mehr Krankheitssymptome aufwiesen, darunter Erschöpfung und Kopfschmerzen. Die 14 Prozent entsprechen einer Long-Covid-Erkrankung von jedem siebten infizierten Kind oder Jugendlichen.

Das Ergebnis kann allerdings nicht eins zu eins in die Realität übertragen werden. So schrieben die Wissenschaftler fast 100.000 Betroffene an und baten sie um ihre Mitarbeit. Die freiwilligen Teilnehmer sind also nicht unbedingt repräsentativ. Trotzdem geht aus der Studie hervor, dass ein relevanter Teil mit Covid-19 infizierter Kinder und Jugendlicher Long-Covid-Symptome hat.

Symptome bei Betroffenen 30 Prozent häufiger?

Ende Oktober veröffentlichte die Uniklinik Dresden ein Preprint. Die Wissenschaftler werteten dafür unter anderem die Krankenkassen-Daten von rund 12.000 Kindern und Jugendlichen aus, die im ersten Halbjahr 2020 nachweislich eine Corona-Erkrankung hatten und drei Monate nach dem Testergebnis Symptome zeigten. Zur Kontrolle wurden pro Infiziertem die Daten von jeweils fünf Personen gleichen Alters und Geschlechts sowie mit entsprechenden Vorerkrankungen einbezogen.

Das Ergebnis: Bei der Gruppe mit Covid-19 wurde um rund 30 Prozent häufiger eine Long Covid entsprechende Diagnose gestellt als bei der Kontrollgruppe. Die häufigsten Symptome waren Unwohlsein, Erschöpfung, Husten, Hals- und Brustschmerzen sowie Angststörungen und Depressionen.

"Kein Alarmsignal"

Burkhard Rodeck, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), sieht in der Studie eine Bestätigung, dass Long Covid bei Kindern ein Thema ist. Sie sei aber kein Alarmsignal, bei dem man in Panik verfallen müsse, sagte er der "Apotheken Umschau".

Spätfolgen nach Viruserkrankungen seien nicht neu, man kenne das beispielsweise vom Pfeifferschen Drüsenfieber. Außerdem habe die Studie Schwächen. Unter anderem basiere sie auf Krankenkassen-Daten, die wiederum auf der Einschätzung von Ärzten und Psychotherapeuten beruhten, die gewusst hätten, dass ihre Patienten Covid-19 hatten. "Man kann aufgrund dieser Studie auch keine Inzidenzen berechnen, also sagen so und so viele Kinder werden im Schnitt nach einer Corona-Erkrankung auch Post Covid haben", sagte Rodeck.

Möglicherweise 1 Prozent betroffen

Jakob Armann war an der Arbeit der Uniklinik Dresden beteiligt. Zuvor leitete er schon eine Studie der TU Dresden, die im Mai als Preprint veröffentlicht wurde. Daran nahmen insgesamt 1560 Schüler der Klassenstufen 8 bis 12 teil, die im Mai 2020 per Antikörper-Tests auf eine überstandene Covid-19-Infektion untersucht wurden. 1365 waren seronegativ, 188 seropositiv. Rund ein Jahr später wurden sie gefragt, ob und wann sie Symptome wie Konzentrationsschwierigkeiten, Gedächtnisverlust, Antriebslosigkeit, Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Muskel- und Gelenkschmerzen, Müdigkeit oder Schlaflosigkeit hatten.

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Es stellte sich heraus, dass es keinen statistischen Unterschied zwischen den beiden Gruppen gab. Ob die Infektion dem Teilnehmer bekannt oder unbekannt war, hatte keinen Einfluss auf die Prävalenz der Symptome. Die Forscher schließen daraus, dass "Long Covid möglicherweise weniger verbreitet ist als bisher angenommen." Sie vermuten, dass die allgemeinen Pandemie-Folgen für das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen eine größere Rolle spielen.

Das bedeute nicht, dass Long Covid bei Kindern nicht existiere, sagte Studienleiter Armann dem Wissenschaftsmagazin "Nature". Aber statt 10 Prozent, wie andere Studien ergeben haben, läge der Anteil der betroffenen Kinder eher bei 1 Prozent.

Quelle: ntv.de

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