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Virologe über Astrazeneca "Wir machen uns zu viele Gedanken"

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(Foto: picture alliance/dpa/Stürmer/privat)

In Teilen der Bevölkerung herrscht Sorge über etwaige Nebenwirkungen einer Corona-Impfung. Der Virologe Martin Stürmer, Dozent an der Uni Frankfurt, erklärt im Gespräch mit ntv, warum wir uns zu viele Gedanken machen und wie die Impfkampagne in Deutschland nach dem schleppenden Start doch noch auf Touren kommen kann.

ntv: Warum impfen andere Länder so viel schneller als Deutschland?

Martin Stürmer: Wir haben letztendlich die ganze Organisation und die Bestellung des Impfstoffs mit der EU zusammen organisiert. Das heißt, wir haben nicht als Einzelstaat agiert, sondern uns im großen Verbund zusammengeschlossen. Das hat natürlich Vor- und Nachteile, wie man sieht. Nachteile haben wir aktuell, weil wir natürlich ganz anders auftreten könnten, was die Bestellung und Co angeht. Da müssen wir jetzt die Quittung zahlen. Ich denke, wir sind trotzdem gut dran. Natürlich könnte es immer besser sein. Wir haben aktuell die am schwersten zugängliche Population geimpft, also Menschen über 80, die nicht mobil sind. Das dauert naturgemäß länger. Für einige Aspekte bei Ausfällen von Impfstoffen kann auch die Regierung nichts.

Beispiel Ungarn: Die haben ja ganz schnell reagiert und Sputnik geordert. Ist das ein richtiger Weg?

Also, Sputnik an sich scheint nach dem, was wir jetzt wissen, kein schlechter Impfstoff zu sein. Im Gegenteil: Es ist ein sehr guter Impfstoff. Er war aber zu der Zeit nicht regulär zugelassen. Wir hatten das Problem, dass Russland damals auf die sogenannte Phase-3-Studie komplett verzichtet hat, und das entspricht nicht unseren Zulassungsstandards. Deswegen war es völlig legitim und richtig, diesen Impfstoff erstmal nicht zu berücksichtigen.

In Israel wurde direkt an sehr vielen unterschiedlichen Orten geimpft. Wäre das in Deutschland auch besser gewesen?

Es ist natürlich immer dann möglich, wenn man genug Impfstoff hat. Wir waren in der Situation, dass wir uns eine Strategie und Priorisierung überlegt hatten, die ich nach wie vor sinnvoll finde. Dann muss man natürlich mit dem, was man hat, haushalten. Es bringt nichts, eine Struktur mit Hunderten bereitwilligen Impfärzten zu installieren, wenn nur für 50 oder 20 tatsächlich Impfstoff verfügbar ist. Was man versäumt hat, ist frühzeitig den zweiten großen Kanal der Hausärzte zu aktivieren. Mit dem Biontech-Impfstoff ist die hausärztliche Versorgung allein wegen die erforderliche Kühllogistik nicht möglich gewesen. Insofern waren diese Impfzentren notwendig. Aber jetzt hat man mit Astrazeneca und dem nun auch zugelassenen Impfstoff von Johnson & Johnson zwei Substanzen, die man in die haus- und betriebsärztlichen Hände geben kann. Das sollte man jetzt tunlichst schnell machen, sonst verliert man sehr viel Zeit.

Die Impfstoffzulassung hat bei uns sehr viel länger gedauert als in England. Ist diese Vorsicht richtig gewesen oder kann man sagen, der englische Weg war besser?

Es kommt darauf an, in welcher Form man Impfstoffe zulässt. Es gibt die sogenannte Notfallzulassung, und es gibt das rollenden Zulassungsverfahren, die letztendlich in Europa angewandt wurden. Das dauert zwar länger als die Notfallzulassung. Aber es gibt ein besseres Gefühl, einen regulär zugelassenen Impfstoff zu haben, der auf soliden Daten beruht und nicht den Eindruck erweckt, schnell an den Behörden mehr oder weniger vorbei zugelasssen worden zu sein.

In Großbritannien sinken die Inzidenzzahlen. Ist das jetzt die Folge des harten Lockdowns oder bereits eine der Impfung?

Ich denke beides. Wenn wir die Bevölkerung immer weiter durchimpfen, verliert die Pandemie eine gewisse Dynamik. Zudem hat man in Großbritannien nach der Verbreitung der neuen Variante sehr stark auf die Bremse getreten und es damit geschafft, die Pandemie wieder gut in den Griff zu bekommen.

Gehen wir zu bürokratisch vor?

Ja. Auf der anderen Seite haben wir aber gewisse Regeln. Wir haben uns durchaus Gedanken über die Priorisierung des Impfstoffes gemacht. Die Schwächsten, also die am meisten unter einer Infektion leiden würden, muss man nach vorne holen. Wir sollten uns nun aber ein bisschen von diesem starren Konstrukt lösen. Wenn wir in den haus- und betriebsärztlichen Bereich gehen, dann wird das in der Form sicherlich nicht mehr möglich sein. Solange es aber an Impfstoff mangelt, bin ich dafür, die Priorisierung so weit es geht einzuhalten.

Würden Sie sagen, dass wir in Deutschland zu viel Sorge vor Nebenwirkungen haben?

Grundsätzlich ist die Zulassung ja nicht deutschlandweit, sondern europaweit erfolgt. Studien haben gezeigt, dass es Begleiteffekte gibt, die aber nicht über das hinausgehen, was wir von Impfungen grundsätzlich kennen. Wir machen uns zu viele Gedanken. Wir sollten uns davon lösen, immer die Auswirkung oder das, was wir nach der Impfung sehen, als Nebenwirkung zu bezeichnen. Das ist eine Impfwirkung und so gewollt. Das Immunsystem soll reagieren und dementsprechend fühlen wir uns einfach einen Tag oder mehrere Tage ein bisschen erschöpft und müde. Wenn wir von echten Nebenwirkungen reden, dann sind das Fälle, wie wir sie aus Österreich oder Dänemark berichtet bekommen. Die sollte man untersuchen und schauen, ob sie wirklich mit dem Impfstoff assoziiert sind. Bis dato sind sie das nicht, aber wenn es so wäre, dann gäbe es tatsächlich Nebenwirkungen.

Finden Sie es denn in Ordnung, dass Dänemark die Impfungen jetzt gestoppt hat?

Es ist eine nachvollziehbare Reaktion, wenn ein sehr schwerer Vorfall auftritt, der im zeitlichen Kontext mit einer Impfung steht. Auf der einen Seite verliert man wieder viel Zeit, weiter Risikogruppen zu schützen. Das muss eine Abwägung sein. Ich kann das nachvollziehen.

Sind andere Staaten flexibler im Krisenmanagement?

Uns Deutschen wird oft vorgeworfen, dass wir sehr bürokratisch und sehr unflexibel sind. Die Kritik kann man im Vergleich mit anderen Staaten durchaus nachvollziehen. Es gibt sicherlich einige Versäumnisse, die wir unserem Politikapparat zu verdanken haben. Auf der anderen Seite bin ich immer noch der Meinung, dass wir relativ gut auf die Krise reagiert haben und wir aus unseren Fehlern lernen werden.

Wäre denn ein zentralisiertes Impfmanagement besser?

Eine der Konsequenzen aus dieser Pandemie darf durchaus sein, dass bestimmte Strukturen aus dem Föderalismus in Bundeshände gelegt werden könnten. Dementsprechend wäre es wahrscheinlich auch besser gewesen, hier auch eine einheitliche Impfstrategie festzulegen.

Es handelt sich um den ersten Teil eines gekürzten und sprachlich leicht angepassten Videointerviews.

Quelle: ntv.de

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