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Schwarmbeben im Vogtland "Wir wissen nicht, wann sie aufhören"

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Aufzeichnung des am nächsten gelegenen Seismografen in Flechtingen, der die Schwarmbeben im Vogtland deutlich zeigt.

(Foto: dpa)

Deutschland gehört nicht zu den typischen Erdbebengebieten. Dennoch rüttelt auch hierzulande der Boden unter den Füßen immer mal wieder. Was es mit den jüngsten Schwarmbeben auf sich hat, erklärt Professor Torsten Dahm im Gespräch mit n-tv.de.

Die vielen kleinen Erdbeben im Vogtland sensibilisieren nicht nur Anwohner, sondern auch Forscher. Die wichtigsten Fragen zu den sogenannten Schwarmbeben stellt n-tv.de an Professor Torsten Dahm vom Deutschen Geoforschungszentrum des Helmholtz-Zentrums Potsdam. Dahm leitet dort die Abteilung Erdbeben- und Vulkanphysik

n-tv.de: Herr Professor Dahm, was sind Schwarmbeben?

Dahm: Bei Schwarmbeben gibt es viele, kleine Beben, die über einen längeren Zeitraum hinweg beobachtet werden können. Es gibt kein ausgesprochenes Hauptbeben. Ein typischer Mechanismus, der Schwarmbeben erzeugen kann, sind sogenannte magmatische Intrusionen. Das bedeutet, fließendes Gestein dringt in bereits existierende Gesteinskörper beziehungsweise in dessen Ritzen und Hohlräume ein. Wir finden Schwarmbeben oft in der Nähe von Vulkanen, die aktiv sind. Im Fall des Vogtlandes und Nordwest-Böhmen sind wir nicht ganz sicher, ob das die einzige Erklärung für die Entstehung der spürbaren Beben ist. Es existieren weitere Erklärungsmodelle. Eines zieht die massive Entgasungen vom Erdmantel, insbesondere von Kohlendioxid, als Erklärung heran. Ein drittes geht davon aus, dass sogenannte aseismische Rutschungen entlang von Verwerfungen in der Nachbarschaft die aktuellen Schwarmbeben auslösen könnten.

Werden in den nächsten Wochen noch mehr davon im Vogtland erwartet?

Das Typische an einem Bebenschwarm ist ja, dass er nicht abrupt beginnt und ebenso auch nicht abrupt aufhört. Unter Umständen können Schwarmbeben über Wochen oder sogar Monate hinweg beobachtet werden. Wir gehen im jüngsten Fall davon aus, dass die Aktivitäten auch in den nächsten Tagen anhalten werden. Ganz genau kann das aber niemand vorhersagen.

Müssen sich Anwohner im Vogtland vor stärkeren Beben ängstigen?

Die Historie zeigt, dass die Beben, die bisher im Vogtland gemessen wurden, nicht stärker als Magnitude 4,5 waren. Das heißt aber nicht, dass dies die maximal mögliche Erdbebenstärke in dieser Region ist. Wir denken, dass es dort in Zukunft durchaus auch stärkere Beben geben kann. Insofern sollten Anwohner sich nicht ängstigen, sondern eher darauf vorbereitet sein. Dazu gehört beispielsweise die Einhaltung von Baunormen bei Neubauten, aber auch die Kenntnis von typischen Verhaltensregeln bei Erdbeben.

Häufen sich in den letzten Jahren die Beben in Deutschland?

Also, wir können keine deutliche Häufung von Erdbeben in Deutschland beobachten. Der Erdbebenschwarm im Vogtland beispielsweise ist ein Phänomen, das bereits seit vielen Jahrhunderten auftritt. Da gibt es zwar immer wieder Zyklen, in den die Aktivität höher ist. Eine messbare Häufung in den letzten Jahren ist trotzdem nicht zu beobachten, auch nicht in anderen Regionen Deutschlands.  

Hängen die Beben im Vogtland mit denen zwischen Halle und Leipzig in irgendeiner Art und Weise zusammen?

Ganz spontan würde ich darauf mit Nein antworten. Die beiden Regionen sind weit voneinander entfernt und in der Region Halle-Leipzig finden wir gar keine Schwarmbeben. Bei näherer Betrachtung allerdings fällt auf, dass wir einen Erdbebengürtel mit Nord-Süd-Ausrichtung zwischen dem Vogtland und der Region Halle/Leipzig haben. Dieser zeigt eine hohe Schwarmbebenaktivität im Vogtland. Gleichzeitig lassen sich aber auch entlang dieses Gürtels immer wieder kleinere Erdbeben in Richtung Halle-Leipzig beobachten. Insofern wissen wir es also nicht so ganz genau, ob und wie diese beiden Prozesse miteinander verbunden sind. Man kann also nicht ausschließen, dass es geodynamisch in größerer Tiefe einen Zusammenhang gibt. Dieser müsste jedoch wissenschaftlich erst noch belegt oder eben widerlegt werden.

Mit Professor Torsten Dahm sprach Jana Zeh.

Quelle: n-tv.de

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