Fußball

Zwischen Dummheit und Gesundheit Der Anpfiff. Die Angst.

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Der Kölner Birger Verstraete hat seine Angst vor Corona öffentlich gemacht.

(Foto: imago images/Uwe Kraft)

Samstagnachmittag, Zeit für Bundesliga. Nach der Corona-Zwangspause wird wieder angepfiffen. Die Liga-Lobbyisten haben mit ihrem Konzept alles getan, um die Freigabe für den Neustart zu erwirken. Es ist ein Neustart mit vielen Fragen.

Wenn man so will, dann ging es ja auch um Hygiene. Und die ist ja gerade sehr wichtig. So wichtig wie der Mundschutz und der Abstand (!) nämlich. Und so viel wichtiger als der Aluhut, der in diesen Corona-Zeiten ja ebenfalls eine schwachsinnige Renaissance erlebt. KenFM weiß warum. Nun, der Augsburger Trainer Heiko Herrlich hat am Mittwochabend etwas getan, was gesellschaftlich gerade trendet (außer bei Aluhüten). Er hat sich um die Hygiene gekümmert. Um die Mund- und Hauthygiene. Die Zahnpasta war am Ausgehen und wahrscheinlich galt gleiches auch für die Hautcreme. Dass er bei seinem Supermarkt-Ausflug ausgerechnet gegen das Hygiene-Konzept der DFL verstoßen hat. Mist.

Nun ging es dabei weniger um Mundschutz oder Abstand, sondern vielmehr um Quarantäne. Tja und da ist raus aus dem Hotel und rein in den Laden ein amtliches Foul. Quasi die Horrorgrätsche ins Hygiene-Konzept. Geahndet wird das mit freiwilligem Verzicht. Das Pflichtspieldebüt als Coach des FC Augsburg, es wird verschoben. Beim Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg (15.30 Uhr im Liveticker bei ntv.de) wird er von seinem Assistenten Tobias Zellner verteten. Eine eher belanglose Nachricht, aber eine sportliche. Und darum geht's ja jetzt wieder. Um den Sport, um den Fußball. Noch eben die Saison retten. Und damit auch ein paar Klubs vor dem finanziellen Ruin.

Neun Spieltage sind in der 1. und 2. Bundesliga noch zu absolvieren. Eine Frage von ein paar Wochen, sechs, vielleicht sieben. Es werden lange Wochen voller ungewohnter und bisweilen verstörender Bilder. Bankpersonal mit Mundschutz, Diskussionen auf Abstand, Jubel als individuelle Choreografie und ohne Kontakt. Und vielleicht sogar Rudelbildung über den langen Arm? Nun, die Deutsche Fußball-Liga hat alles getan, um die Freigabe für die Saisonfortsetzung zu erwirken. Ihre sehr demütig betriebene Lobby-Arbeit war ebenso überzeugend wie ihr (inter)national beachtetes und gelobtes Hygiene-Konzept.

Der totale Akzeptanzverlust droht

Nun geht es also wieder los. Um 13 Uhr mit der 2. Bundesliga, um 15.30 Uhr in der 1. Bundesliga. Alles also so wie immer. Die Samstagskonstante hat sich von ihrem Bruch erholt. Das Fernsehen sendet, das Radio überträgt. Aber es bleiben so unendlich viele Fragen. So viele Fragen, dass der Fußball und die Normalität so weit voneinander entfernt sind wie US-Präsident Donald Trump und das fiese Coronavirus in ihrem Selbstverständnis von gesellschaftlicher Gefahr.

Wie ernst nimmt der Fußball die Vorgaben der DFL, denen bei weiteren Verstößen der totale gesellschaftliche Akzeptanzverlust oder sogar das politische Saison-Aus droht? Der Berliner Salomon Kalou hatte da bereits tüchtig vorgearbeitet. Auch Jérôme Boateng und Armine Harit hatten ihre eigenen Interpretationen im Umgang mit Corona.

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Und die Akzeptanz, ja, die ist auch so eine Sache. Laut einer aktuellen Umfrage der ARD befinden 56 Prozent der Befragten den Start der Liga für falsch. Ob nun aus Gründen der Unsicherheit oder der Ungerechtigkeit - Konzerte, Kita-Öffnungen und Home-Schooling sind da die Stichwörter - spielt im Prinzip keine Rolle. 56 Prozent, das ist eine sehr stabile Masse. Ihr stehen 31 Prozent gegenüber, die für die Wiederaufnahme plädieren. Ob sie sich freuen? Bier und Bratwurst auf dem Balkon, Jubeln auf der Couch, Schimpfen gegen die digitale Fassade? Nun, normal ist nichts. Notbetrieb eben, so wie es DFL-Chef Christian Seifert auch sieht.

Was ist mit dem sportlichen Wert des Wiederanpfiffs? Die Team-Quarantäne inklusive Trainingsverbot von Dynamo Dresden hat eine intensive Diskussion entfacht. Nachteil? Schon, ja. Aufschrei? Eher Ist-halt-so-Stimmung. Aber was wäre eigentlich, wenn nicht der Tabellenletzte der 2. Liga betroffen wäre, sondern der FC Bayern? Wäre dann auch Ist-halt-so verbreitet? Oder würde plötzlich der Ruf nach Saisonabbruch fürchterlich laut?

Die größte Frage aber bleibt: Was macht Corona eigentlich mit den Fußballern? Die Antwort darauf liegt vermutlich irgendwo zwischen Kalou und Birger Verstraete. Der Kölner war der erste Profi aus der Bundesliga, der bemerkenswert offen über seine Ängste sprach und die Fortsetzungspläne vehement infrage stellte (was er später via Klubstatement bereuen musste). Ein paar andere Spieler folgten. Es waren allerdings allesamt Fußballer, die nicht den ganz großen Glamour-Faktor haben. Weder sportlich noch bei Instagram. Was sie aber sagten, es war so wichtig. Magdeburgs Sören Bertram bekannte: "Wir sind alle im Kopf nicht frei, weil wir nach einer Infektion für den Rest unseres Lebens Lungenprobleme haben könnten."

"Trotzdem ist es passiert"

Tatsächlich kann niemand diese Risiken ausschließen. Da hilft es auch nicht, wenn Rudi Völler den meinungsintensiven SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach wegen dessen in Dauerschleife wiederholten Warnungen als "populistisch unterwegs" abmahnt. Die Ängste sind da. Und niemand kann sie in Gänze nehmen. Kein Mediziner, kein Konzept. Und so findet sich die Wahrheit in vier, mittlerweile gelöschten Sätzen: "Nachdem ich fünfmal getestet wurde", postete Dresdens Simon Makienok, "seit wir wieder mit dem Training begonnen haben und jedes Ergebnis negativ war, bekam ich plötzlich einen Test zurück, der besagte, dass ich positiv auf Covid-19 getestet wurde. Keine Symptome, keine Indizien, nichts. Ich habe alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen, die ich konnte. Trotzdem ist es passiert."

Wenn es nun wieder losgeht, dann ist da nicht nur der Anpfiff, dann ist da auch die Angst. Die Angst vor dem Virus. Und die Angst vor der nächsten, der letzten Dummheit.

Quelle: ntv.de