Fußball

Salihamidžićs düsteres Szenario Muss der FC Bayern wirklich Angst haben?

b9ad17aa1ef3e8f277386e4422e330a8.jpg

Der Sportvorstand sieht keine gute Entwicklung.

(Foto: FC Bayern Pool via EIBNER/Sascha)

Der Kader des FC Bayern hat in diesem Sommer reichlich Qualität verloren. Mit David Alaba und Jérôme Boateng sind die beiden gesetzten Innenverteidiger weg, mit Javi Martinez eine Legende. Die Liste der Neuzugänge ist dagegen überraschend kurz. Und sie wird es bleiben. Ein Problem?

Hansi Flick hätte das ganz sicher nicht gefallen. Die krachende Absage von Sportvorstand Hasan Salihamidžić an weitere Tätigkeiten auf dem Transfermarkt hätte dem ehemaligen Trainer des FC Bayern sicher heftig widerstrebt. Zwar war Hansi Flick kein Trainer, der Neuzugänge forderte, sagte Hansi Flick einst über Hansi Flick, aber den einen oder anderen neuen Mann hatte er sich ja doch schon häufiger mal gewünscht. Nun, Hansi Flick ist weg. Er hat den FC Bayern verlassen, weil ihm die Allmacht von Salihamidžić nicht passte. So hat man es sich im medialen Dunst des Rekordmeisters erzählt. Und auch wenn Hansi Flick das nie so sagte, diese Lesart dürfte sehr nah an der Wahrheit sein. Wirklich sehr nah.

Nun muss eben Julian Nagelsmann mit der krachenden Absage von Salihamidžić an weitere Tätigkeiten auf dem Transfermarkt klarkommen. Und nach allem, was man weiß, geht der junge Trainer sehr vernünftig mit der Entscheidung um. Bedeutet: Er hat akzeptiert, dass es keine weiteren Neuzugänge neben Dayot Upamecano, Omar Richards und Sven Ulreich geben wird. Nun wäre es auch reichlich vermessen, sich in seinen ersten Tagen hinzustellen und laut zu klagen. Aber gut, Hansi Flick hatte sich auch nicht allzu viel Zeit genommen, um auf große Defizite (natürlich seine Sicht der Dinge) in der Kaderplanung des FC Bayern hinzuweisen. Und er würde es nun wieder tun. Aber Hansi Flick ist halt nicht mehr da.

So viele Abgänge

Und mit ihm auch zwei seiner sportlich wichtigsten Vertrauten: Der Eine, David Alaba, ist nach bitter bis böse gescheiterten Verhandlungen mit dem Rekordmeister zu Real Madrid abgewandert und darf sich dort als Nachfolger der Abwehrchef-Legende Sergio Ramos ausprobieren, der wiederum, ebenfalls nach sehr bitter bis böse gescheiterten Verhandlungen, zu Paris St. Germain gewechselt ist und dort eine Monster-Mannschaft um sich schart. Der andere, Jérôme Boateng, sucht dagegen noch einen neuen Verein. Die AS Rom soll aktuell Interesse angemeldet haben. Auch die Tottenham Hotspur sind im Verteiler. Ein vereinsloser Weltmeister, der zwei starke Jahre hinter sich hat, da wird sich schon noch jemand (eine Top-Adresse) finden. Oder eben Hertha BSC.

Weggegangen ist auch Javi Martinez. Der Baske ist in München eine absolute Legende. Er war beim ersten Triple der Vereinsgeschichte der absolute Schlüsselspieler. Beim zweiten dagegen nur ein Mann, der den Druck auf die Stammkräfte im Training hochgehalten hatte. Seine Art des Spiels hatte den Körper weit über das gesunde Maß der Belastbarkeit getrieben. Martinez war ein Mann, der seinem Ende auf Top-Niveau entgegenhumpelte. Nun lässt er es sich noch ein bisschen in Katar gut gehen. Und auch seinem Konto. In Katar soll man als Fußballer ja nicht so schlecht verdienen. Und um die Liste komplett zu machen: Alexander Nübel hat sich verleihen lassen. Er möchte gerne spielen. Als Torwart ist das in München nicht möglich. Wegen Manuel Neuer. Man kennt das.

Nun, Nübel ist weg, Ulreich wieder da. Für die Stimmung ist das sehr gut. Nübel ließ seine Unzufriedenheit ja gerne mal mitteilen, Ulreich hingegen war immer die denkbar loyalste Nummer zwei. Kein Problem für Nagelsmann. Anders sieht es in der Abwehr aus. Die Stammbesetzung ist weg (siehe oben). Mit Upamecano ist nur ein Ersatz verpflichtet worden. Den allerdings kennt der neue Coach aus der gemeinsamen Zeit bei RB Leipzig. Der Franzose ist ein Bulle, ein Mann, der als Abwehrchef taugt. Aber immer noch jung, 22 Jahre, manchmal etwas ungestüm und noch völlig unerfahren in Titel-Schlachten. Ein Endspiel, im DFB-Pokal, hat er verloren. Erfahrener ist Niklas Süle. Der ist schon 25 Jahre, spielt nun seine fünfte Saison in München. Er spielt auf Bewährung, sein Vertrag läuft 2022 aus. Bislang hat er nicht das erreicht, für das er im Sommer 2017 aus Hoffenheim geholt worden war. Längst sollte Süle der Chef sein. Verletzungen haben das verhindert. Und womöglich eine nicht immer professionelle Einstellung zum Profitum. Im Herbst der vergangenen Saison wurde der "Fall Süle" unangenehm groß. Auch in der Nationalmannschaft.

So viele Verletzte

Süle muss es nun richten. Für sich. Und für den Klub. Denn die Auswahl an Innenverteidigern ist nicht groß. Und sie wird eben auch mehr nicht größer. Da ist noch Lucas Hernández, natürlich. Der Franzose ist aber verletzt. Wieder einmal. Seine Ausfallzeit soll einige Wochen betragen. Der 25-Jährige verpasst damit die komplette Vorbereitung. Gute Voraussetzungen für eine schnelle Rückkehr als Stammkraft sind das nicht. Salihamidžić sieht darin indes kein Argument für Aktivitäten auf dem Transfermarkt (schließlich gibt es noch das Talent Tanguy Nianzou, das bislang aber ebenfalls dauerverletzt war). Gleiches (wie bei Hernández) gilt für Alphonso Davies. Auch der Kanadier hat sich bei der Nationalmannschaft eine schwerwiegendere Blessur zugezogen. Er fehlt mehrere Wochen. Salihamidžić sieht indes auch darin kein Argument für Markt-Aktivitäten. Davies Rolle auf der linken Seite wird wohl Neuzugang Richards einnehmen. Der kommt aus der zweiten englischen Liga.

Das kann alles glattgehen. Richards begeistert den Trainer und die Bosse. Süle hat mit Nagelsmann bereits in Hoffenheim gut zusammengearbeitet. Aber es sind eben viele Fragezeichen. Die stehen auch hinter Benjamin Pavard. Kommt der nach einer schwachen Rückrunde wieder in Form? Als Ersatz steht nur Bouna Sarr bereit, für den hatte Flick überhaupt keine Verwendung. Sarr wollte den Klub eigentlich verlassen. Nun hat sich die Lage womöglich geändert.

Die Abwehr ist nicht die einzige Baustelle. Auch im Mittelfeld könnte es künftig knirschen. Joshua Kimmich und Leon Goretzka dürften im Zentrum gesetzt sein. Zu stark spielen die beiden Nationalspieler zusammen, als das Nagelsmann gut beraten wäre, da andere Optionen ernsthaft zu prüfen. Wobei prüfen ja eigentlich immer gut ist. Aber wer soll's richten? Die Hoffnungen liegen wieder einmal auf Corentin Tolisso. Doch der Franzose wird von einem kaum zu ertragendem Pech verfolgt. Wieder und wieder fängt er sich etwas ein, dass ihn wochen- oder monatelang außer Dienst stellt. Außerdem steht er weiterhin auf der Verkaufsliste. Und dann ist da noch Marc Roca, der war einst gehyptes Talent, spanischer U21-Nationalspieler und Kapitän bei Espanyol Barcelona, der 24-Jährige hat dem FC Bayern in seiner ersten Saison (der vergangenen) aber nicht entscheidend helfen können. Auch hier gilt: Das kann alles glattgehen. Muss aber nicht.

So viele Fragezeichen

Sollte Nagelsmann entgegen aller Erwartungen doch noch den fordernden Flick geben, dann ganz sicher nicht in seiner vordersten Reihe. Warum auch? Serge Gnabry, Kingsley Coman, Leroy Sané, Jamal Musiala, Thomas Müller und Robert Lewandowski, das ist prächtig. Zumindest von der Aufstellung. Der neue Coach wird aber vor allem Gnabry und Sané nach ihren schwachen Leistungen bei der EM aufbauen dürfen. Sie in Form zu bekommen wird die offensive Königsaufgabe des neuen Trainers werden. Noch eine andere Sache: Eine bessere Verteilung der Tore wäre ganz gut. Ob Lewandowski nämlich nochmal 41 Tore schießt? Eher nicht. Wobei zuzutrauen ist dem Polen natürlich alles. Und was ist mit Müller? Funktioniert der auch in den Plänen und im System des neuen Trainers so herausragend wie unter Flick? Oder läuft's wie einst bei Niko Kovac, also eher im Notnagel-Betrieb (aktuell ist das nicht vorstellbar!).

Bitter ist für Nagelsmann und den ganzen Klub übrigens noch etwas ganz anderes. Der gehegte Wunsch wieder mehr Talente in die Profimannschaft einzubinden, hat durch den überraschenden Abstieg der Reserve aus der 3. Liga in die Regionalliga mindestens einen Dämpfer erhalten. Vermutlich eher mehr. Aber uns fällt gerade keine Steigerung von Dämpfer ein. Eine gute Nachwuchsarbeit, die scheint allerdings ganz dringend Not zu tun. Denn Salihamidžić hat diese Woche ein äußerst düsteres Szenario für seinen Klub gezeichnet. Der Kampf mit stumpfen Waffen im Duell um die großen Talente und großen Spieler bereitet dem Sportvorstand gewaltige Sorgen. "Die Situation ist nicht einfach, wenn man sieht, wie einige Klubs investieren. Gegen manche finanziellen Kräfte ist im Moment nichts zu machen."

So viel Konkurrenz

Während sie in München durch die Umsatzverluste während der Corona-Pandemie eher defensiv (oder auch vernünftig und weitsichtig) agieren, fährt die internationale Konkurrenz einen aggressiven Kurs. Ganz vorne weg segelt etwa Paris St. Germain. Der Scheichklub erweitert sein ohne schon mächtiges Starensemble um Neymar und Kylian Mbappé (wenn er denn bleibt) etwa um Ramos (siehe oben), um Achraf Hakimi, Georginio Wijnaldum und den italienischen EM-Helden Gianluigi Donnarumma. In England investiert Manchester United 85 Millionen Euro in Dortmunds Top-Talent Jadon Sancho, während der FC Chelsea unbedingt mit Erling Haaland zusammenarbeiten möchte. Das soll ihnen 175 Millionen Euro wert sein, angeblich. 175 Millionen, die den BVB (noch) nicht jucken.

Weniger Kraft fürs Duell mit der mächtigen Konkurrenz sehen die Bayern derweil nicht. "Mir ist nicht bange", sagte der neue Bayern-Boss Oliver Kahn gerade erst. Der Gewinn des Henkelpotts sei mit dem aktuellen Kader "natürlich absolut" zu erreichen. Im Subtext schwang mit: Die Meisterschaft sowieso. Aber gut, darüber redet man nach neun Titeln in Serie eben nicht mehr. Ein Problem mit der Kadergröße (oder Kaderkleine, ganz wie Sie wollen) sieht Nagelsmann übrigens nicht. Die sei "völlig ausreichend", wie er bei seiner Vorstellung erklärte, 14 bis 15 Spieler würden ohnehin 90 Prozent der Spielzeit absolvieren. Es sind Sätze, die Hansi Flick nie gesagt hätte.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.