Fußball

Salihamidžić gerät ins Schwärmen Julian Nagelsmann kennt keinen Druck

Der FC Bayern München ist wieder da. Während in England noch die Finalspiele der Europameisterschaft ausgetragen werden, geht es an der Säbener Straße bereits um die Zukunft. Nach Neu-Boss Oliver Kahn wird nun auch der neue Trainer Julian Nagelsmann vorgestellt.

Oliver Kahn macht gleich Druck. Aber Julian Nagelsmann spürt keinen Druck. Er hat sich auf seiner ersten Pressekonferenz kaum hingesetzt, da fliegen ihm direkt die Ansagen um die Ohren. "Die Erwartungen beim FC Bayern sind nicht klein", sagt der neue Bayern-Vorstandsvorsitzende. "Es geht immer darum, erfolgreichen Fußball zu spielen. Ich gehe davon aus, dass Julian die Qualität hat Mannschaften weiterzubringen, sie auf die nächste Stufe zu bringen, die Spieler auf die nächste Stufe zu bringen. Das sollte einhergehen mit Titeln." Okay für mich, wird sich Nagelsmann gedacht haben.

Deswegen ist er zu den Bayern gekommen, dem Verein, dem er schon als Kind sein Herz schenkte, und bei dem er seit seinem Durchbruch als "der 28-jährige Trainer Julian Nagelsmann" bei der TSG Hoffenheim im Februar 2016 immer wieder im Gespräch war. Bald 34-jährig ist er nun mit dem Zwischenstopp beim Rasenballsport Leipzig, von dem er für wohl über 20 Millionen Euro losgeeist wurde, an der Säbener Straße angekommen. Er soll den neuen FC Bayern München in eine sportlich ebenso erfolgreiche Zukunft führen, wie es seine Vorgänger im vergangenen Jahrzehnt getan haben. Alles andere als die zehnte Meisterschaft in Folge wäre ein Misserfolg, würde seinen Fünf-Jahres-Vertrag infrage stellen. Das sind die Regeln des Geschäfts. Aber ernsthaft will darüber niemand nachdenken. Hier ist jetzt Aufbruchstimmung.

Nagelsmann ist "Fußball pur!"

Nagelsmann sagt: "Wir sind beim Leistungssport, wir sind beim FC Bayern München." Er hat überhaupt keine Zweifel: Diese Herausforderung wird er meistern. Es ist eine neue Welt, in die er eintauchen muss. Während er in Leipzig fernab einer breiten Öffentlichkeit Talente wie die spanische EM-Überraschung Dani Olmo entwickeln konnte, arbeitet er in München mit den großen Namen zusammen. Mit Spielern, die, wie Manuel Neuer, nicht nur älter sind, sondern auch zu den eifrigsten Titelsammlern im Fußballgeschäft gehören. "Natürlich bin ich noch jung", sagt Nagelsmann darauf angesprochen. "Aber wir werden das hinbekommen. Es ist kein Problem, dass Manuel ein paar Tage älter ist. Es ist immer eine Frage der Art und Weise, wie man mit den Spielern spricht. Es geht darum, sich in ihre Lage zu versetzen. Jeder Spieler beim FC Bayern will sich entwickeln."

Nagelsmann ist selbstbewusst, er redet schneller als sein Schatten, es sprudelt aus ihm heraus, er ist einer, den Fußball in sich aufsaugt, er ist, wie es der mit dem auf Podium sitzende Hasan Salihamidžić zusammenfasst "Fußball pur!" und die "1-A-Wunschlösung der Bayern". Er ist einer, der den erfolgreichen Hansi-Flick-Weg der vergangenen zwei Jahre weiter beschreiten soll - und einer, der die im Verein im ersten Halbjahr offen aufgetretenen Machtkämpfe vergessen machen soll. Einer, der trotz des Verlustes erfahrener Kräfte wie David Alaba und Jérôme Boateng sofort abliefern soll, und dem das auch zuzutrauen ist. "Wir haben Julian in den letzten Jahren verfolgt und geschaut, wie er gearbeitet hat. Egal, wen wir gefragt haben, alle haben von Julian geschwärmt", sagt Salihamidžić.

Warum, das zeigt auch sein einnehmender erster Auftritt beim FC Bayern. Es geht um sportliche Dinge, darum, anders als das deutsche Team bei der Europameisterschaft, "die Spieler auf ihren besten Positionen spielen zu lassen", um verschiedene Grundordnungen (nicht mehr als drei), sein Auftreten an der Seitenlinie (wird sich nicht verstellen), die EM (Italiens Mentalität!), Leroy Sané (er braucht jetzt Ruhe) und seine eigene Motivation (Titel gewinnen). Oliver Kahn erzählt von der neuen Ära, die jetzt beginne und die beileibe kein "Buzzword" sei, obwohl er es so häufig benutze. Die Stimmung ist gelöst.

"Wir werden auch wieder verrückte Sachen machen"

Immer wieder streut Nagelsmann ein paar Anekdoten ein, die die Journalisten auf der digitalen Pressekonferenz aus ihm herauskitzeln. Er erzählt von seiner neuen Bayern-Bettwäsche (noch nicht benutzt, aber sicher gut), seiner neuen Trainingskleidung (die Hose ist nicht wasserdicht) und seinem Schäferhund (hat er nicht, anders als Jupp Heynckes) erzählt. Auch Salihamidžić gerät ins Plaudern. "Ab und zu kommt der Uli Hoeneß zu uns in Büro, unterhält sich mit uns. Dann…", erzählt er und zeigt auf Nagelsmann, "…kam gestern auch Julian hoch. Ich habe eine neue Espressomaschine im Büro. Haben uns auch einen Kaffee gemacht. Wir wollen eine 1-A-reine-Kommunikation haben. So wollen wir in die Zukunft gehen."

Denn dann, sagt der Sportvorstand der Bayern, "werden sich die Titel und die Ära auch ergeben". Auch die Bayern wurden von der Pandemie getroffen. Sie rechnen mit einem Umsatzrückgang von 150 Millionen Euro. Mehr Umsatz als ein Großteil der anderen Bundesligisten überhaupt machen. Aber trotzdem ein Problem. Neben dem Hochkaräter Dayot Upamecano, der für 40 Millionen Euro aus Leipzig verpflichtet wurde, sind momentan keine Top-Transfers im Gespräch. Irgendwann aber wird die Pandemie überwunden sein, und dann "werden wir auch wieder verrückte Sachen machen", sagt Salihamidžić. Bis dahin bleibt die einzige Verrücktheit an der Säbener Straße die neue Espressomaschine im Büro des Sportvorstands.

Julian Nagelsmann hat es jetzt eilig. "Fragen Sie mich bitte in einem Jahr nochmal", antwortet er auf die Frage, ob es denn jetzt seine beruflich glücklichste Zeit sei. Erst will er etwas gewinnen. "Damit sollten wir dann jetzt auch einmal anfangen. Ich habe jetzt irgendwann mein erstes Training. Da möchte ich präsent sein, damit wir ein paar Titel gewinnen. Dann ist es die beruflich glücklichste Zeit." Es gibt ein gemeinsames Foto, ohne Maske, Kahn macht die Merkel-Raute, Nagelsmann strahlt und Salihamidžić stellt sich ins Profil. Das Trio ist das Gesicht des neuen FC Bayern München. Sie werden liefern müssen. Sie werden liefern. Und, wenn es die Zeit zulässt, gemeinsam Kaffee trinken.

Quelle: ntv.de

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