Wirtschaft

Riesenbatterie für grünen Strom Wunsiedel, Testlabor für die Energiewende

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Der "kleine Bruder" des geplanten Großbatteriespeichers steht seit 2018 im Energiepark Wunsiedel.

Die Zukunft der erneuerbaren Energien liegt in Bayern. Das kleine Städtchen Wunsiedel in Oberfranken wird ausschließlich durch Sonne, Wind und Biomasse versorgt. Das neueste Projekt: einer der größten Batteriespeicher Europas.

Im Nordosten Bayerns, im Fichtelgebirge, liegt Wunsiedel. Die 9000-Einwohner-Stadt ist Vorbild für Energie-Experten aus aller Welt. Denn Wärme und Strom bekommt der oberfränkische Ort komplett aus erneuerbaren Energien aus der Region - Sonne, Wind und Biomasse. "Wir sind seit 2001 auf dem Weg, unsere Energieversorgung auf erneuerbare und nachwachsende Rohstoffe umzustellen", erzählt Marco Krasser, Chef der Wunsiedeler Stadtwerke, im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Krasser hat sich vor 20 Jahren das Energiekonzept der Stadt ausgedacht. Wunsiedel setzt auf dezentrale Energieversorgung aus regenerativen Quellen, also mit kleinen Kraftwerken, die zusammenarbeiten.

Seit drei Jahren steht bereits der größte Batteriespeicher Bayerns im Energiepark von Wunsiedel, mit einer Leistung von 8,3 Megawatt und 10,3 Megawattstunden Kapazität. "Wir haben festgestellt, dass diese Systeme und auch die Businessmodelle dahinter sehr gut funktionieren", berichtet Krasser. Nun soll sein noch größerer Bruder dazukommen. Siemens will ihn nächstes Jahr bauen. 5000 Quadratmeter groß soll er werden, so groß wie ein kleiner Fußballplatz. Mit einer Leistung von 100 Megawatt und einer Speicherkapazität von 200 Megawattstunden wäre er dann einer der größten Batteriespeicher Europas. Er könnte ganz Wunsiedel für mehrere Stunden mit Strom versorgen.

Marco Krasser

"Nichts ist beständiger als der Wandel", sagt Wunsiedels Stadtwerke-Chef Marco Krasser.

Krasser vergleicht den Speicher mit vielen aneinandergelöteten Handy-Akkus. "Sie stecken eine Energiequelle an, diese Zellen nehmen die elektrische Energie auf, halten diese elektrische Energie und geben sie bei Bedarf eben wieder ins Netz zurück." Der Großbatteriespeicher soll regional erzeugten Strom speichern, der gerade nicht gebraucht wird. "Großkraftwerke sind eher grundlastfähige Kraftwerke, die können nicht so schnell nachfahren. Somit wird der Speicher überwiegend erneuerbar erzeugte Energie aufnehmen", sagt Krasser. Wenn wieder Bedarf ist, kann man sie wieder einfach und schnell nutzen.

Anreize für Bau von Großbatteriespeichern fehlen

Speicher sind wichtig für die Sonnen- und Windenergie. Denn man kann weder die Sonne noch den Wind ein- und ausschalten. Wenn es mal für längere Zeit sonnig ist oder der Wind tagelang kräftig weht, kann mehr Strom da sein, als das Netz aufnehmen kann. Normalerweise werden die Anlagen dann abgeschaltet. Mit Speichern aber geht die Energie nicht verloren. Marco Krasser: "Wenn wir am Ende des Tages nur noch Sonne und Wind und ein Stück weit Biomasse oder Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen haben, dann müssen wir überschüssige Energien jetzt ganz speziell von Photovoltaik, von Tag in die Nacht transformieren und noch viel mehr vom Sommer in den Winter transportieren."

Es gibt immer mehr Energiespeicher in Deutschland für Wind- und Sonnenstrom, sowohl kleine für den Heimgebrauch als auch Großbatteriespeicher wie in Wunsiedel. Der Vorteil gegenüber anderen Speichermöglichkeiten: Sie können sehr schnell sehr große Energiemengen aufnehmen und auch wieder abgeben. Die Technik, die Lithium-Ionen-Batteriespeicher, sind in den vergangenen Jahren immer leistungsfähiger und auch immer günstiger geworden. Trotzdem lohnt es sich für die Erzeuger von erneuerbaren Energien, zum Beispiel Windparkbetreiber, bisher kaum, solche Speicher für ihre überschüssige Energie zu bauen. Sie bekommen durch die EEG-Umlage nämlich eine feste Vergütung für ihren Strom, egal, wie hoch oder niedrig die Nachfrage ist.

Die derzeit einzige Möglichkeit für Betreiber, mit Batteriespeichern Geld zu verdienen, ist, die Netzstabilisierung. Sie können den Netzbetreibern dabei helfen, das Stromnetz stabil zu halten. Wenn es Netzschwankungen gibt, kann mithilfe der Speicher schnell Strom eingespeist oder wieder "abgezweigt" werden. "Das System ist so aufgebaut, dass wir eine Frequenz von 50 Hertz haben, die nur im Promillebereich abweichen darf, damit die dahinterliegenden Systeme nicht außer Tritt geraten", erläutert Krasser.

Wunsiedel baut Bayerns größte Wasserstoffanlage

Eine weitere Möglichkeit, Strom aus regenerativen Energien zu speichern, ist grüner Wasserstoff. Der gilt als Energieträger der Zukunft, weil er klimaneutral ist. In Wunsiedel soll neben dem Batteriespeicher auch Bayerns größte Wasserstoffanlage entstehen. Die Anlage soll pro Jahr bis zu 1350 Tonnen grünen Wasserstoff erzeugen. Grün deshalb, weil dafür ausschließlich Strom aus regenerativen Quellen genutzt wird. Damit sollen Nordbayern, ganz Thüringen und ein Teil Tschechiens versorgt werden.

"Wieder was gelernt"-Podcast

"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Bekommt die Deutsche Bank ihr Geld von Donald Trump zurück? Warum bezahlen manche Berufspiloten Geld für ihren Job? Warum ziehen Piraten von Ost- nach Westafrika? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

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Der Wasserstoff wird per Elektrolyse erzeugt. Dabei wird Wasser unter Strom gesetzt. Dadurch spaltet es sich in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff. Die eingesetzte elektrische Energie wird im Wasserstoff gespeichert. Auch der Sauerstoff geht in Wunsiedel nicht verloren. Er wird im Klärwerk genutzt. "Die Wärme geht dann in eine industrielle Trocknungsanlage und der Wasserstoff, das ist interessant, der geht derzeit in industrielle Anwendungen", beschreibt Krasser.

Wunsiedel ist quasi ein Testlabor dafür, wie die Energiewende funktionieren könnte. Die Stadt versucht, alles miteinander zu vernetzen und Energie immer im Kreislauf zu halten. Zum Beispiel gehen die Reste aus der Holzproduktion direkt in ein großes Biomasse-Heizkraftwerk. Dort wird daraus Strom gemacht - und außerdem noch Holzpellets, mit denen in anderen Kraftwerken Teile des Ortes beheizt werden. Dieser Mix aus regionalen Ressourcen und neuen Technologien weckt auch in anderen Ländern Interesse. Delegationen aus Japan und Polen zum Beispiel waren bereits zu Besuch und haben sich vom "Wunsiedler Weg" inspirieren lassen.

Stromnetze nicht für erneuerbare Energie ausgelegt

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Die Menschen vom Nutzen und der Notwendigkeit der Windenergie- und Photovoltaikanlagen zu überzeugen, sei wichtig, meint Marco Krasser.

Der Stadtwerke-Chef macht anderen Städten und Kommunen Mut, es einfach mal zu probieren, und auch auf erneuerbare Energien zu setzen. Eine Strategie überlegen und einfach loslegen, sagt Krasser. "Nicht große Folien malen und dann erst beginnen, sondern erst beginnen und dann die Folien malen, wenn es beendet ist. Photovoltaik und Windenergieanlagen, aber auch Elektrolyseanlagen sind Bauwerke. Man muss die Menschen von der Notwendigkeit und vom Nutzen überzeugen. Deshalb ist der Tipp: die Bürger mitnehmen, die Bürger aktiv beteiligen und dann am Ende des Tages Projekt für Projekt umsetzen."

Dafür braucht es nicht nur Gründergeist, sondern auch die richtigen Voraussetzungen. Batterien und Kraftwerke sind ein wichtiger Baustein. Experten fordern aber auch, die Stromnetze auszubauen, sowohl in Deutschland, als auch in Europa. Sie sind nicht für die massiven Energieströme der erneuerbaren Energien ausgelegt. Marco Krasser wünscht sich von der neuen Bundesregierung, dass sie sich klar zu den erneuerbaren Energien bekennt und eine übergreifende Strategie entwickelt. Das würde Investitionsentscheidungen etwas leichter machen.

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Es ist möglich, Deutschland in rund 25 Jahren komplett mit erneuerbaren Energien zu versorgen, sagt der Thinktank Agora Energiewende. Dafür müssen aber in den nächsten Jahren viel mehr Windräder und Solaranlagen gebaut werden, vor allem im Süden. Ausgerechnet in Bayern, wo auch Wunsiedel liegt, passiert zu wenig in Sachen Windenergie. Gerade mal rund 1200 Windräder stehen in ganz Bayern. Zum Vergleich: in Niedersachsen gibt es fünfmal so viele - rund 6400. Es gibt im Freistaat nur wenige sinnvolle Windkraftstandorte. Das liegt nicht an zu wenig Platz, sondern an dem großen Abstand zu Siedlungen, den Windkraftbetreiber einhalten müssen. Viele fordern deshalb, diese Regelung abzuschaffen. Wunsiedel allein wird die Energiewende in Bayern nicht schaffen können.

Quelle: ntv.de

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