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Warum der Mensch betroffen ist Eine Million Arten bedroht - na und?

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Exotische Frösche im Regenwald - warum sollte Menschen in Europa deren Erhalt wirklich kümmern?

(Foto: imago/blickwinkel)

Es gibt Millionen Arten von Lebewesen auf der Welt - ihre genau Zahl ist unbekannt. Doch der Weltbiodiversitätsrat warnt: Es drohen bald eine Million weniger zu sein. Aber angesichts der Masse von Lebewesen - wieso ist der Wegfall eines Teils der Arten so gefährlich?

Viele können sich noch erinnern: Heiße Sommertage in den 1980er-Jahren und lange Autofahrten übers Land hinterließen stets eindeutige Spuren - eine Windschutzscheibe voller toter Insekten. Doch ist das heute auch noch so? Die Zahl der fliegenden Insekten ist in den vergangenen drei Jahrzehnten hierzulande massiv zurückgegangen - um im Schnitt drei Viertel, wie Forscher jüngst in einer Studie feststellten. In den Sommermonaten sind es sogar mehr als 80 Prozent weniger Insekten.

Der drastische Schwund von Tieren, in ihrer Anzahl und ihrem Artenreichtum, ist also auch in Deutschland zu spüren. Der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) warnte Anfang der Woche in seinem jüngsten Report davor, die Menschheit lasse in rasendem Tempo die Natur von der Erde verschwinden. Eine Million Tier- und Pflanzenarten seien vom Aussterben bedroht, so die Autoren. Zugleich betonten sie, dass das Verschwinden von Arten kein reines Umweltthema, sondern auch der Mensch davon bedroht sei. Aber inwiefern eigentlich?

Ungefähr 1,7 Millionen Arten sind bisher bekannt - Forscher gehen jedoch von 8 bis 9 Millionen aus. Möglicherweise sind es sogar bis zu 100 Millionen. Was wäre also am Verlust von zehn oder sogar nur einem Prozent der Arten so schlimm? Schließlich gibt es ja genug andere, die ihren Platz einnehmen könnten.

Jeder Teil ist wichtig

Die einfache Antwort darauf ist, dass alle Lebewesen in einem großen Zusammenhang miteinander stehen. Alle Arten bilden lokale Ökosysteme, komplexe Netzwerke von Lebewesen, welches allen Teilnehmern das Leben überhaupt erst ermöglicht - den Menschen eingeschlossen. Wird nur ein Stück dieses Netzwerks entfernt, nur eine einzige Art, könnte diese kleine Veränderung enorme Folgen für das gesamte Ökosystem haben.

Aber wieso ist der Mensch, der sich ja immer mehr in künstliche Lebensräume wie Städte zurückzieht, überhaupt noch auf intakte Ökosystem angewiesen? Trotz allen Fortschritts: Ökosysteme sind unverzichtbar für den Menschen. Pflanzen und Wälder produzieren Sauerstoff zum Atmen, Waldböden speichern und filtern Trinkwasser - in Deutschland stammt ein Großteil des verbrauchten Wassers von dort.

Menschen und seine Nutztiere ernähren sich zudem von Pflanzen, die wiederum auf komplexe ökologische Prozesse vieler Arten im Boden angewiesen sind. In Zusammenhang mit all diesen zur Verfügung gestellten Ressourcen - Luft, Wasser, Nahrung - wird von sogenannten Ökosystemdienstleistungen gesprochen. Sie sind ein kostenloser Service der Natur für den Menschen.

"Ökologisches Armageddon"

Doch der Wegfall von Arten kann Ökosysteme gefährden - und damit die Versorgung des Menschen mit deren Dienstleistungen. Im Fall von Deutschland könnte etwa die Dezimierung fliegender Insekten massive Folgen haben: Fliegen, Motten und Schmetterlinge sind für die Bestäubung vieler Blütenpflanzen und auch mancher Getreidearten ebenso wichtig wie Honigbienen. Somit versorgen sie den Menschen und viele Tiere mit der notwendigen Nahrung.

Fallen die Insekten jedoch weg, hat das drastische Konsequenzen: Pflanzen bilden keine Früchte mehr, die Nahrung für viele Tierarten bleibt aus - das ganze Ökosystem gerät ins Wanken. Die an der Studie über das deutsche Insektensterben beteiligten Autoren sprechen daher auch von einem "ökologischen Armageddon". Der Biologe Dave Goulson von der Sussex University warnte: "Wenn wir die Insekten verlieren, wird alles in sich zusammenbrechen."

Auch das Verschwinden nur einer Art kann große Auswirkungen auf ein Ökosystem haben: Im Yellowstone-Nationalpark im Nordwesten der USA machte sich der Abschuss der letzten Wölfe in den 1920er-Jahren im Ökosystem deutlich bemerkbar. Denn nach dem Wegfall der Räuber vergrößerte sich die Zahl der Elche rasch und die Tiere fraßen ungehemmt die Triebe junger Bäume. Darunter litten die Wälder, aber auch Singvögel verloren Schutz und Nahrung. Das ganze Ökosystem geriet aus den Fugen – stabilisiert wurde es, als im Jahr 1996 die Wölfe wieder in dem Gebiet angesiedelt wurden.

Der Erhalt der Ökosysteme ist für den Menschen grundlegend. Aber nicht nur für sein blankes Überleben, auch für das Wohlbefinden spielt eine intakte Natur eine wichtige Rolle, wie Forscher herausfanden. Zu den Ökosystemdienstleistungen zählen daher auch Erholung, Ästhetik, Bildung sowie eine spirituelle Bindung zur Natur. Durch das Artensterben sind auch diese Dienste der Natur gefährdet.

Massive wirtschaftliche Auswirkungen

Auch wirtschaftlich spielt Artenreichtum und der Bestand der Ökosysteme eine Rolle: Er sichert Arbeitsplätze von Landwirten, Fischern, Holzarbeitern und natürlich auch in der Tourismusindustrie, die von intakten Landschaften und Naturräumen in hohem Maße profitiert. Für die Pharmaindustrie stellt die Artenvielfalt einen großen und immer wieder überraschenden Fundus an potenziellen neuen Medikamente dar - so wurden in Pilzen, die im Fell von Faultieren wachsen, Stoffe entdeckt, die bei der Bekämpfung von Krebs helfen könnten.

Zudem gehen Ökonomen davon aus, dass der Verlust der Artenvielfalt alleine in Europa die EU etwa drei Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung kostet. Experten schätzen den Wert des jährlich zerstörten "Naturkapitals" weltweit auf drei bis fünf Billionen Dollar. Nur ein Beispiel: In den vergangenen 20 Jahren investierte die Stadt New York rund zwei Milliarden Dollar in den Erhalt eines großen Naturraums, der die Metropole mit sauberem Trinkwasser versorgt. Der Bau einer Wasseraufbereitungsanlage hätten hingegen bis zu acht Milliarden Dollar gekostet, der Betrieb zusätzlich bis zu 500 Millionen Dollar jährlich. Das wären auch die Kosten, wenn der Naturraum zerstört würde.

Das Fatale am Artenschwund ist aber nicht nur der Wertverlust an sich. Im Gegensatz zum Klimawandel, dessen negative Auswirkungen potenziell umkehrbar sind, ist ein Verlust von Arten endgültig. Mit jeder Art stirbt ein Meisterwerk der Natur. Der Biologe Edward Wilson, der als "Vater der Biodiversität" gilt, schrieb im Jahr 1985: "Jeder höhere Organismus ist reicher an Informationen als ein Gemälde von Caravaggio, eine Fuge von Bach, oder jedes andere große Werk."

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Quelle: n-tv.de

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