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Eine Wildbiene zu sehen, gelingt immer seltener.
Eine Wildbiene zu sehen, gelingt immer seltener.(Foto: dpa)
Donnerstag, 27. Juli 2017

Braucht kein Mensch - oder?: Insektensterben geht still vor sich

Die Autofenster von Insekten verklebt, der Garten voller Bienen und Hummeln - gibt es das seltener? Tragfähige Daten zum Insektenschwund gibt es kaum, aber dass er real ist, daran besteht kein Zweifel. Es fehlt nur an Geld für die entsprechenden Analysen.

Insekten, die unter Denkmalschutz stehen. Soweit ist es schon gekommen mit dem Insektenschwund? Es gibt sie tatsächlich, bundesweit wohl einmalig. "Unsere Sammlungen sind als bewegliches Denkmal eingestuft", sagt Martin Sorg vom Entomologischen Verein Krefeld. In Tausenden Flaschen und Glasröhrchen lagern in einem früheren Schulgebäude in Alkohol eingelegte Insekten. Seit 1905 sammeln Vereinsmitglieder Insekten, hinzu kommen Arbeitsgeräte und Büchersätze. "Die Sammlung hat nicht nur wissenschaftlichen, sondern auch kulturhistorischen Wert, daher der Denkmalschutz."

Krefelder Entomologen bei der Artbestimmung von Insekten.
Krefelder Entomologen bei der Artbestimmung von Insekten.(Foto: dpa)

Ein echter Schatz sind die Krefelder Flaschen für Experten, die dem Insektenschwund in Deutschland nachspüren. "Diese Sammlung ist einmalig für die Bundesrepublik", betont Axel Ssymank vom Bundesamt für Naturschutz (BfN). Sie reiche nicht nur Jahrzehnte zurück, sondern sei stets mit dem gleichen Fallentyp nach der gleichen Methodik zusammengetragen worden. "Wir können für weit über 100 Standorte 30 Jahre zurückgehen."

Eher Daten vom Rand des Universums

Ähnliche Langzeitreihen suche man in Deutschland vergeblich, betont auch Wolfgang Wägele vom Zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig in Bonn. "An keinem Institut oder Forschungszentrum wurde das gemacht. Ein 30 Jahre währendes Projekt - das kann sich einfach keine Universität finanziell erlauben." Für ein Teleskop hingegen werde schnell mal eine Milliarde Euro ausgegeben. "Wir kriegen Daten vom Rand des Universums, aber keiner dreht das Ding mal um und guckt, was hier auf der Erde passiert."

Viele Fakten über den Insektenschwund sind darum gefühlt: Früher war die Windschutzscheibe des Autos nach jeder Fahrt im Sommer verklebt von Insekten - heute kaum mehr. Am Sommerflieder tummelten sich Tausende Bienen, Hummeln und Schwebfliegen - heute haben etliche Kinder noch nie eine Schwebfliege gesehen. Lag man als Kind abends bei offenem Fenster mit Licht im Bett, kreisten bald Dutzende Motten um die Lampe - heute oft keine einzige.

Mensch nur eingeschränkt fähig, Wandel wahrzunehmen

Eine sogenannte Malaise-Falle in einem Naturschutzgebiet neben angrenzenden Ackerflächen.
Eine sogenannte Malaise-Falle in einem Naturschutzgebiet neben angrenzenden Ackerflächen.(Foto: dpa)

Viele Menschen nehmen den Schwund nicht wahr. Da greift das sogenannte Shifting-Baseline-Syndrom: Der Mensch ist nur eingeschränkt fähig, Wandel wahrzunehmen, weil sich seine Referenzpunkte verschieben. Ein alter Mensch mag sich noch an Schwärme von Schmetterlingen erinnern - für einen jüngeren aber ist der Mangel zum Normalwert geworden, an dem er sich orientiert. Das Fatale: Wer Wandel nicht bemerkt, erachtet es kaum als dringlich, etwas zu unternehmen.

Umso wichtiger sind konkrete Zahlen. In den Fallen der Krefelder Forscher werden fliegende Insekten gefangen und in Alkohol konserviert. Von etwa April bis Oktober werden sie alle ein bis zwei Wochen geleert. An weit über 200 Standorten seien Insekten über lange Zeiträume und über die gesamte Vegetationsphase gesammelt worden, sagt Sorg. "Überwiegend im Rheinland, aber auch in anderen Regionen Deutschlands und Europas."

"Es gibt starke Rückgänge"

Ssymank wertet derzeit einen Teil der Insektenfunde aus. Sein Zwischenfazit: "Es gibt starke Rückgänge, dieser Trend ist eindeutig." Im Wahnbachtal im Bergischen Land südöstlich von Köln wurden über die Saison in sechs Fallen 1989 noch 17.291 Schwebfliegen von 140 verschiedener Arten gefangen. Im Jahr 2014 waren es 2732 Tiere von 103 Arten. Die Artenvielfalt sei um 30 bis 70 Prozent zurückgegangen, die Zahl gefangener Schwebfliegen um 80 bis 90 Prozent, sagt Ssymank. Dass die Fallen - wie 70 Prozent der Sammelstellen - in einem Schutzgebiet lägen, mache das Ergebnis umso schlimmer.

Eine Analyse aus dem Orbroicher Bruch bei Krefeld zeigt, dass die Masse flugaktiver Insekten zwischen 1989 und 2013 dort um fast 80 Prozent zurückging. "Wenn du ein insektenfressender Vogel bist, der in diesem Gebiet lebt, sind vier Fünftel deines Futters weg binnen eines viertel Jahrhunderts", erklärte der britische Insektenforscher Dave Goulson kürzlich im Fachjournal "Science".

Kein Zweifel am Schwund

Es gibt etwa 30.000 unterschiedliche Wildbienenarten auf der Erde, in Deutschland sind es zwischen 500 und 600.
Es gibt etwa 30.000 unterschiedliche Wildbienenarten auf der Erde, in Deutschland sind es zwischen 500 und 600.(Foto: dpa)

Dass der Insektenschwund real ist, daran besteht kein Zweifel. "Das zeigen viele andere Untersuchungen auch", betont Sorg. Auch entomologische Sammlungen zeigten deutlich, dass sich etwas mächtig verändert hat, ergänzt Ssymank. "Man kann aus ihnen ablesen, dass viele Arten, die man in der jeweiligen Gegend heute gar nicht mehr sieht, da früher überall rumgefleucht sein müssen."

Ungewiss ist die Ursache des Rückgangs. "Die Liste der Faktoren ist lang", sagt Ssymank. Den Krefelder Daten zufolge sind offene Landschaften stärker betroffen als Wälder, Täler stärker als Bergregionen. Das weise auf einen Einfluss der Landwirtschaft auf benachbarte Flächen hin und darauf, dass über Luft oder Wasser übertragene Faktoren eine Rolle spielen, die das Bergland weniger erreichen.

Problem in den letzten rund 20 Jahren deutlich verschärft

"Außerdem lässt sich erkennen, dass sich das Problem in den letzten rund 20 Jahren offenbar deutlich verschärft hat", sagt Ssymank. "Da müssen neue Faktoren hinzugekommen sein." Der Insektenkundler reiht auf: Ackerflächen reichen heute oft bis an Straßen, es gibt kaum bunt bewachsene Randstreifen und die Felder sind riesig. "Gerade bei Insekten, deren Raupen andere Bedürfnisse haben, kann schnell Schluss sein mit dem Überleben, wenn in 500 Metern Umkreis passender Lebensraum fehlt."

Stickstoffdünger mindert das Wachstum von Pflanzen, die nährstoffarme Böden mögen. Gras lässt er rascher wachsen. Das wird in der Folge früher und häufiger gemäht - und viele Blühpflanzen schaffen es nicht zur Samenreife. Damit fehlen Futterpflanzen, wie Ssymank erklärt. Hinzu kämen Insektizide: Früher seien sie erst bei konkret drohender Gefahr aufgebracht worden, heute werde das Saatgut von vornherein mit giftigen Stoffen präpariert.

"Die Substanzen werden nur sehr langsam abgebaut, zudem gibt es akkumulierende Effekte mit anderen Wirkstoffen wie Halmverkürzern", erläutert Ssymank. Maiskörner würden heute mit Pressluft in den Boden geschossen, dabei werde ein Teil der giftigen Beize abgerieben, die zudem wasserlöslich sei. "Nur fünf Prozent schützen wirklich die Pflanze, der Rest gelangt in die Umwelt." Neonikotinoide verursachten schon in winzigsten Mengen Verhaltensänderungen etwa bei Bienen, so Ssymank. "Das ist nicht unmittelbar tödlich, aber wenn eine Biene ihren Stock weniger gut findet, stirbt sie langfristig auch."

Braucht kein Mensch - oder?

Die Doktorandin Isabel Kilian des Museums Koenig (Bonn) testet das Insektenfangnetz mit angebautem automatischen Probenwechsel. Das Gerät kann bis zu drei Monate lang autonom arbeiten und für jede Woche eine Insektenprobe konservieren.
Die Doktorandin Isabel Kilian des Museums Koenig (Bonn) testet das Insektenfangnetz mit angebautem automatischen Probenwechsel. Das Gerät kann bis zu drei Monate lang autonom arbeiten und für jede Woche eine Insektenprobe konservieren.(Foto: dpa)

Nun ja, mag mancher denken. Schmetterlinge sind ja hübsch und Hummeln auch. Ein paar zu haben, reicht doch. Und den sechsbeinigen Rest braucht eh kein Mensch. Oder? "Dass Ökosysteme wegen des Insektenschwunds schon längst schrittweise bestimmte Funktionen verlieren, bekommen wir gar nicht mit", sagt Wägele.

Der Brite Goulson vergleicht das Zusammenspiel von Artenvielfalt und Ökosystemen mit einem Flugzeug, bei dem sich Nieten lösen: Einige Zeit fliegt die Maschine weiter, doch bei irgendeiner Niete ist Schluss, und die Kiste stürzt ab. Wägele findet den Vergleich mit einem bösartigen Tumor passender: "Anfangs merkt man wenig, dann drückt es irgendwo, und irgendwann ist es nicht mehr heilbar."

70 Prozent aller Nahrungspflanzen seien darauf angewiesen, dass ein Tier sie bestäubt, darunter fast alle Obst- und Gemüsesorten, sagt Ssymank. "Kakaobäume zum Beispiel werden ausschließlich von kleinen Mücken bestäubt - ohne die hätten wir keine Schokolade." Die herbstlichen Laubberge in Wäldern würden zum großen Teil von Insekten abgebaut. Die Reinhaltung von Gewässern hänge maßgeblich von Insektenlarven ab. Mit den Insekten schwänden viele Vögel. Die Gefahr für Massenvermehrungen einzelner Arten steige, weil regulierende Fressfeinde wegfielen.

Menschheit müsste viel mehr wissen

Viele mögliche Folgen lassen sich noch nicht erahnen. "Das wirklich Erschreckende ist, dass wir so wenig wissen", betont Sorg. Um Risiken zu erkennen, müsste die Menschheit viel mehr wissen, vor allem über die artenreichsten Insektengruppen. "Das sind Unsummen von Individuen solcher Gruppen, die in einem Gebiet unterwegs sind - aber über ihre Funktion wissen wir oft kaum etwas", sagt Sorg.

Das Problem: "Spezialisten für die Bestimmung solcher Arten gibt es nur wenige", sagt Ssymank. Eine Lösung bieten Gen-Analysen. "Wir können über die DNA im Alkohol bestimmen, welche Insekten in den Krefelder Flaschen schwimmen." Für viele Arten gebe es genetische Marker zum Nachweis.

Allerdings fehle es am Geld, betont er, und sieht die Politik in der Pflicht, Langzeitbeobachtungen zu ermöglichen. "Was ist wirklich relevant?", fragt Wägele. "Wenn wir den Artenschwund nicht erfassen und unsere Nachkommen in 100 Jahren immense Probleme haben, weil wir eine Entwicklung nicht rechtzeitig erkannt haben? Oder wenn wir eine Galaxie erst in 100 Jahren entdecken statt jetzt gleich?"

Quelle: n-tv.de

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