Wissen

Käfertourismus bedroht Bestände Glühwürmchen - bestaunt und vertrieben

ACHTUNG Frei nur im Zusammenhang mit der Berichterstattung über die Studie.jpg

Männliche Blaue Gespensterglühwürmchen (Phausis reticulata) in North Carolina auf der Suche nach Partnerinnen.

(Foto: Spencer Black/dpa)

Leuchtkäfer sind faszinierend, aber dass es Glühwürmchen-Tourismus gibt, dürfte viele überraschen. Er hat in Ostasien bereits eine lange Tradition und boomt inzwischen sogar weltweit. Das bedroht die Bestände, mahnen Forscher - und geben Verhaltenstipps, wie man die Insekten schützen kann.

Manche Menschen beobachten im Urlaub Großwild, andere halten nach Vögeln Ausschau - und wieder andere ziehen los, um Leuchtkäfer (Lampyridae) zu suchen. Tatsächlich ist es ein beeindruckendes Naturerlebnis, wenn Tausende Glühwürmchen die Nacht erhellen. Inzwischen gebe es in vielen Ländern der Welt einen regelrechten Glühwürmchen-Boom, der die Bestände der Leuchtkäfer mancherorts bedrohe, berichten Forscher um Sara Lewis von der Weltnaturschutzunion (IUCN) im schweizerischen Gland. Im Fachblatt "Conservation Science and Practice" beschreiben sie die Licht- und Schattenseiten dieses Trends und geben Tipps für einen naturverträglichen Tourismus.

Mit weltweit etwa 2200 Arten - drei davon in Deutschland - zählten Leuchtkäfer zu den charismatischsten Insekten der Erde, schreibt das Team. Larven sämtlicher Arten können demnach Licht erzeugen und bei jenen Spezies, die das noch im adulten Stadium können, diene das Leuchten der Partnerwerbung. Je nach Art verbringen die Tiere wenige Monate bis mehrere Jahre als Larven, wogegen die adulten Tiere nach der Paarung meist nur noch einige Wochen leben.

Glühwürmchen-Tourismus hat jahrhundertelange Tradition

In Ostasien - etwa Japan und Korea - ziehen traditionell Tausende Menschen zu Orten mit besonders hoher Glühwürmchen-Dichte. In Japan hat der Glühwürmchen-Tourismus demnach eine jahrhundertelange Tradition: Schon im frühen 20. Jahrhundert fuhren Menschen zu Tausenden in Zügen aus Kyoto und Osaka in die Stadt Uji, um dort bei nächtlichen Bootstouren bei Käferleuchten zu speisen.

ACHTUNG Frei nur im Zusammenhang mit der Berichterstattung über die Studie.jpg

Auch in Mexiko ziehen die Balzrituale des Glühwürmchens Photinus palaciosi jedes Jahr mehr Besucher an.

(Foto: Francisco Israel Herna·ndez Alcantara/dpa)

Aus Thailand gibt es Überlieferungen aus dem 17. Jahrhundert, die beschreiben, dass Tausende Tiere synchron blinken - dieses Aufleuchten im Gleichtakt kommt nur bei wenigen Arten vor.

Inzwischen werden Glühwürmchen-Events in den USA - etwa in den Staaten Tennessee und North Carolina - ebenso angeboten wie in Mexiko, Indien, Portugal oder Italien. Schätzungsweise eine Million Menschen reise jährlich, um solche Phänomene zu bestaunen, schreibt das Team.

Das Phänomen sei zwar für Besucher ein denkwürdiges Erlebnis und könne auch den Menschen vor Ort Verdienstmöglichkeiten bieten, betonen die Forscher. Allerdings habe der Trend auch Schattenseiten und bedrohe manche Glühwürmchen-Populationen. Als warnendes Beispiel beschreiben die Forscher die Entwicklung im thailändischen Ort Amphawa südwestlich von Bangkok. Dort versammeln sich die Männchen der Art Pteroptyx malaccae auf den Bäumen der Mangrovenwälder und blinken synchron, um Weibchen anzulocken.

Hunderte Touren pro Nacht

ACHTUNG Frei nur im Zusammenhang mit der Berichterstattung über die Studie.jpg

Die Weibchen vieler Glühwürmchen-Arten sind flugunfähig, was sie besonders anfällig für versehentliches Zertreten macht.

(Foto: Radim Schreiber/dpa)

Als die Behörden den Tourismus ankurbelten, stieg die Zahl der Ausflugsboote dem Artikel zufolge zwischen 2004 und 2010 von 7 auf 180. Nachts gab es teils mehr als 200 Touren in die Zone, wobei manche Bootsführer die Bäume anstießen, um die Insekten aufzuscheuchen. In den folgenden Jahren schrumpfte die Population um schätzungsweise 80 Prozent.

Generell könnten Glühwürmchen sehr empfindlich auf Besucherströme reagieren, mahnt das Team und nennt mehrere Gründe:

- Der Bau etwa von Straßen, Parkplätzen, Wegen und Restaurants zerstört den Lebensraum der Tiere.

- Die Besucher verdichten den Boden und zertreten die dort lebenden Eier, Larven und Puppen sowie die bei vielen Arten flugunfähigen Weibchen.

- Die Tiere reagieren empfindlich auf Lichtverschmutzung etwa durch Taschenlampen, Smartphones oder Blitzlicht.

Mehr zum Thema

- Auch Lärm kann die Insekten stören, ebenso Rauchen und Parfüms, da viele Arten auf Duftstoffe reagieren.

Die Corona-Pandemie habe den Leuchtkäfer-Tourismus unterbrochen, aber nur vorübergehend, schreibt das Team. Künftig sei es für Organisatoren wie auch für Touristen wichtig, sich verantwortungsvoll zu verhalten, sagt Lewis: "Mit diesem Überblick über den derzeitigen Stand des Glühwürmchen-Tourismus und die sich verschlechternden Lebensräume rufen wir Ortsgemeinschaften und Regierungen und auch die Touristen selbst dazu auf, sich als Schützer der Glühwürmchen zu verhalten."

Quelle: ntv.de, Walter Willems, dpa

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen