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Sorge ja, Panik nein Omikron: Ansteckender oder Immunflucht-Mutante?

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Forscher entdecken rund 50 Mutationen bei der neuen Omikron-Variante von Sars-CoV-2.

(Foto: imago images/Science Photo Library)

In Südafrika steigen die Corona-Fallzahlen sprunghaft, was dem Auftauchen der Omikron-Variante zugeschrieben wird. Doch was macht die Mutante so erfolgreich? Noch gibt es wenig Gewissheit. Forscher begeben sich jedoch bereits auf Indiziensuche - und werden fündig.

Die Aufregung um die neue Coronavirus-Variante Omikron ist groß. Doch noch weiß man wenig über sie. In der Provinz Gauteng in Südafrika häufen sich jedoch Fälle und Krankenhauseinweisungen. Der südafrikanische Epidemiologe Salim Abdool Karim rechnet noch in dieser Woche mit mehr als 10.000 neuen Infektionsfällen pro Tag. Mitte November waren es noch 300 Neuinfektionen pro Tag, der bisherige Tiefstwert in der Pandemie.

Warum sich Omikron in Südafrika derzeit so stark ausbreitet, ist umstritten. Experten bringen zwei Möglichkeiten ins Spiel: Entweder ist die neue Variante deutlich ansteckender als bisherige. Oder ihr gelingt es besser, das Immunsystem von Geimpften und Genesenen auszutricksen. Der Charité-Virologe Christian Drosten hatte am Sonntag bereits die Befürchtung geäußert, dass es sich bei Omikron um die erste echte "Immunflucht-Mutante" handeln könnte.

Doch was ist wirklich das Geheimnis von Omikron? Im Verlauf der Pandemie hat man bereits viele Corona-Varianten kommen und gehen sehen. Manche, wie Alpha, verdrängten andere im großen Stil, um schließlich selbst verdrängt zu werden. So konnte sich Alpha im Frühjahr 2021 in vielen Ländern zunächst durchsetzen, da die Variante ansteckender war als ihre Vorgänger. Im folgenden Sommer jedoch breitete sich die zuerst in Indien entdeckte Delta-Variante weltweit aus, was auf eine abermals erhöhte Infektiosität zurückgeführt wird. Mittlerweile ist Delta in vielen Ländern die vorherrschende Mutante.

Was macht Varianten erfolgreicher?

Laut einer Studie von US-Forschern lag der Erfolg von Alpha an Mutationen am Spike-Protein, die es ihr ermöglichten, einfacher an Zellen anzudocken. Die Vorteile von Delta, das gegenüber Alpha noch ansteckender ist, sehen Forscher in einer weiteren Verbesserung beim Sprung von Zelle zu Zelle. In Südafrika hatte Delta im Sommer die bis dahin vorherrschende Beta-Variante verdrängt. Deren Stärke lag nach Ansicht von US-Forschern vor allem an jenen Mutationen am Spike-Protein, durch die sie für Antikörper schlechter zu erkennen war. Deutlich ansteckender war sie demnach jedoch nicht - in Europa hatte Beta womöglich deshalb nie richtig Fuß fassen können.

Omikron wurde zuerst von Forschern in Botswana entdeckt. Bei einer Gensequenzierung wurden etwa 50 Mutationen identifiziert, die in so einer Kombination bei anderen Varianten nicht beobachtet worden waren. Ihre Bedeutung ist nicht in allen Fällen klar. Allein rund 30 Mutationen treten ebenfalls am wichtigen Spike-Protein auf. Einige davon könnten aus Sicht von Wissenschaftlern eine leichtere Übertragung ermöglichen, wie bei Alpha und Delta. Möglich ist aber auch ein besserer Schutz vor Antikörpern wie bei Beta. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Omikron deshalb als "besorgniserregende Varianten" ("variants of concern") eingestuft.

Viermal so ansteckend wie Delta?

Der Epidemiologe Christian Althaus von der Universität Bern hat sich auf Twitter dem Omikron-Rätsel gewidmet. Dafür rechnet er vor, wie viel ansteckender Omikron - in Bezug auf die Delta-Variante - sein müsste, um ihre schnelle Ausbreitung in Südafrika allein durch eine höhere Infektiosität erklären zu können. Ergebnis: in etwa viermal so ansteckend. "Das ist nicht unmöglich, aber ein solcher Sprung scheint eher unwahrscheinlich", schreibt Althaus.

Seine Einschätzung: "Ich gehe davon aus, dass die partielle Umgehung des Immunsystems die Hauptursache für die beobachtete Dynamik ist", schreibt Epidemiologe Althaus auf Twitter. Allerdings könne auch eine erhöhte Übertragbarkeit "bisher nicht ausgeschlossen werden", so Althaus. Er schränkte zudem ein, dass seine Einschätzung vorläufig sei und auf sehr wenigen Daten beruhe. Erst die kommenden Wochen würden mehr Licht ins Dunkel bringen.

Der US-Epidemiologe Michael Mina macht auf einen anderen möglichen Zusammenhang aufmerksam: Untersuchungen des Abwassers in Südafrika zeigen einen starken Anstieg der Viruslast in dem Gebiet der Stadt Pretoria, die ebenfalls in der Provinz Gauteng liegt. Laut der Analyse hat die Viruslast bereits jetzt ein Niveau erreicht, wie es zuletzt auf dem Höhepunkt der Delta-Welle im Sommer im Abwasser beobachtet worden war. "Dies deutet darauf hin, dass die Übertragung bemerkenswert schnell erfolgen kann", schreibt Mina auf Twitter.

Was jedoch auffällt: Die Fallzahlen sind in der Region immer noch deutlich unter jenen zum Höhepunkt der zurückliegenden Delta-Welle. Eine Hypothese sei, so Mina, dass dies mit einer hohen Zahl unentdeckter, weil milder Infektionen zusammenhänge. Oder aber, die Abwasser-Daten seien ein Leitindikator - sie könnten also einem Anstieg der Fallzahlen vorauseilen. "Die Zukunft wird es zeigen", so der Wissenschaftler.

"Besser, wenn man geboostert ist"

Sorge bereitet zudem, dass die Mutationen von Omikron die bisher eingesetzten Impfstoffe in ihrer Wirkung abschwächen könnten. Zwar liegt die Vermutung nahe, mit Sicherheit sagen lässt sich das aber ebenfalls noch nicht. Virologe Drosten geht davon aus, dass die verfügbaren Impfstoffe grundsätzlich auch gegen die neue Variante schützen, insbesondere gegen schwere Krankheitsverläufe. Und aus seiner Sicht ist es "noch besser, wenn man geboostert ist."

Biontech hat bereits eine Prüfung seines Impfstoffs eingeleitet und will ihn gegebenenfalls anpassen. Erste Ergebnisse sollen demnach in spätestens zwei Wochen vorliegen. Das US-Unternehmen Moderna kündigte an, eine spezielle Auffrischungsimpfung gegen die Omikron-Variante zu entwickeln.

Bleibt noch die Frage: Könnte Omikron womöglich schwerere Erkrankungen auslösen? Die südafrikanische Ärztin Angelique Coetzee, die erste Infizierte behandelte, berichtete zunächst nur von leichten Symptomen. Der französische Infektiologe Yazdan Yazdanpanah warnt allerdings vor voreiligen Schlüssen: Um den Krankheitsverlauf zu bewerten, gebe es noch gar nicht genug Daten. Auch der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach mahnte zur Vorsicht. Ein Todesfall im Zusammenhang mit einer Omikron-Infektion wurde laut WHO bislang jedoch noch nicht festgestellt.

Quelle: ntv.de, mit AFP

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