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Studie bestätigt Tocilizumab Rheuma-Mittel senkt Covid-19-Sterblichkeit

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Tocilizumab alias RoActerma kann wohl die Sterblichkeit schwer kranker Covid-19-Patienten senken, ist aber sehr teuer.

(Foto: REUTERS)

Die weltweit größte Studie zur Wirksamkeit bekannter Mittel gegen Covid-19 zeigt, dass das Rheuma-Mittel Tocilizumab bei schwer kranken Covid-19-Patienten die Sterblichkeit senken kann. Das gilt vor allem in Kombination mit einem bereits erprobten Wirkstoff. Es gibt allerdings noch Fragezeichen.

Die britische Recovery-Studie der Oxford-Universität sucht seit März 2020 nach bereits bekannten Medikamenten, die bei der Behandlung von Covid-19 eingesetzt werden können. Der bisher wichtigste Erfolg des Projekts war die erfolgreiche Erprobung des entzündungshemmenden Kortikosteroids Dexamethason. Jetzt hat sich in der Studie ein weiterer Entzündungshemmer als wirksam gegen die Krankheit herausgestellt. Es handelt sich um das Rheuma-Medikament Tocilizumab, das unter dem Namen RoActemra verkauft wird. In Versuchen mit mehr als 4000 Covid-19-Patienten, die beatmet werden mussten, stellte sich heraus, dass das Mittel die Sterblichkeit senkt, die Notwendigkeit einer Beatmung verringert und die Zeit bis zur Genesung verkürzt.

"Wir wissen jetzt, dass sich der Nutzen von Tocilizumab auf alle Covid-Patienten mit niedrigem Sauerstoffgehalt und signifikanter Entzündung erstreckt", zitiert Reuters Peter Horby, Studienleiter der Recovery-Studie. Für die Studie wurde das monoklonale Antikörper-Medikament 2022 Patienten verabreicht, deren Krankheitsverläufe mit denen einer etwa gleich großen Gruppe verglichen wurden, die kein Tocilizumab erhielten.

Kleine, aber feine Wirkung

Die Ergebnisse zeigten, dass die Behandlung mit dem Rheuma-Mittel die Zahl der Todesfälle signifikant senken konnte, aber keine Wunder vollbringen kann. 596 (29 Prozent) der Patienten in der Tocilizumab-Gruppe verstarben innerhalb von 28 Tagen, in der Vergleichsgruppe waren es 694 (33 Prozent). Dies bedeute, dass für jeweils 25 mit Tocilizumab behandelte Patienten ein zusätzliches Leben gerettet würde, heißt es im Recovery-Bericht.

Verglichen zu der Wirkung von Dexamethason, das die Sterblichkeit schwer erkrankter Covid-19-Patienten um bis zu einem Drittel senken kann, ist das nicht viel - 82 Prozent aller beteiligten Patienten erhielten auch Kortikosteroide. Trotzdem sind die Oxford-Wissenschaftler begeistert. Man könne sich Dexamethason als eine Art Schrotflinten-Methode vorstellen, zitiert das Wissenschaftsmagazin "Science" Recovery-Forscher Peter Horby. "Wir suchen jetzt nach Medikamenten, die sehr zielgerichtet sind."

Tocilizumab ist sehr zielgerichtet. "Science" zufolge wird es zur Behandlung von rheumatoider Arthritis und anderen Autoimmunerkrankungen eingesetzt und blockiert das Protein, das als Rezeptor für Interleukin-6 (IL-6) dient, ein Signalmolekül im Immunsystem. Dies dämpft die Immunantwort, die im späten Covid-19-Stadium häufig überaktiv ist und schwere Krankheiten und manchmal den Tod verursacht.

Zuvor wurden bereits mehrere Studien mit Tocilizumab durchgeführt. Eine (REMAP-CAP) ergab, dass das Medikament die Sterblichkeit von Corona-Patienten auf Intensivstationen klar senken kann, in der anderen Studie (TOCIBRAS) schien das Rheumamittel allerdings sogar zu mehr Todesfällen zu führen.

Zu teuer für weltweiten Einsatz

Bill Anderson, Leiter der Medikamentensparte von Hersteller Roche, sagte laut Reuters, die bisherigen gemischten Ergebnisse seien wahrscheinlich auf Unterschiede in der Art der untersuchten Patienten, dem Zeitpunkt der Behandlung und dem Endpunkt - dem Punkt, an dem Erfolg oder Misserfolg gemessen wird - zurückzuführen.

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Stefan Kluge, der Leiter der Intensivmedizin am Hamburger Uniklinikum Eppendorf (UKE), ist trotzdem noch vorsichtig. Er gehört zu den Autoren, die regelmäßig die Leitlinie zur Behandlung von Covid-19-Kranken nach dem Stand der Wissenschaft aktualisieren. In den nächsten Tagen sei das Ergebnis einer weiteren großen Tocilizumab-Studie zu erwarten, sagte Kluge der "Welt". Erst danach will er mit seinen Kollegen darüber entscheiden, ob sie die Gabe den anderen deutschen Intensivmedizinern empfehlen. "Im Moment sind wir von dem Mittel jedenfalls noch nicht vollständig überzeugt."

Weltweit wird Tocilizumab so oder so keine entscheidende Rolle spielen können. Das Medikament ist enorm teuer, eine einzelne Dosis kostet rund 200 Euro. Dexamethason dagegen kostet nur ein paar Euro, ist also "fast schon ein Pfennig-Artikel", wie der Arzt und Medizinjournalist ntv.de sagte.

Quelle: ntv.de