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Ökologischer, fairer, günstiger Von wegen blaues Blut

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Mit Baumwoll-Stoffbinden wird die Monatsblutung ökologischer und unterm Strich günstiger als mit Wegwerf-Produkten.

(Foto: WaterAid/Billy Barraclough)

Rund 500 Mal menstruiert jede Frau während ihres Lebens - und braucht dafür über 10.000 Tampons und Binden. Das schafft nicht nur ein immenses Umweltproblem, sondern auch finanzielle und soziale Ungerechtigkeiten. Doch es geht auch anders.

Die Hälfte aller Menschen blutet etwa einmal im Monat, rund 40 Jahre lang. Während ihres Lebens menstruieren Frauen demnach insgesamt 500 Mal - das wären zusammengerechnet sechs bis sieben Jahre am Stück. Im Durchschnitt fließen dabei alle 28 Tage knapp eine Woche 50 bis 80 Milliliter Blut; das landet meist in einer Binde oder einem Tampon.

Davon brauchen Frauen pro Monatsblutung also eine ganze Menge. Alle vier bis acht Stunden sollte ein Tampon gewechselt werden. Berechnungen zufolge nutzt eine menstruierende Frau in ihrem Leben 10.000 bis 17.000 Tampons und Binden.

Claire, 40, uses a menstrual cup during her period to reduce waste. 'The one thing with the Mooncup is that it is more hassle. It needs boiling to clean it properly. We have a ‘Mooncup pan’ in which I boil it and sometimes I have to rush into the kitchen to stop someone from boiling an egg in it.' Manchester, UK, April 2019

Menstruationstassen aus Silikon fangen das Blut innerhalb der Vagina auf und sind jahrelang wiederverwendbar.

(Foto: WaterAid/ David Severn)

Extrem viele Ressourcen landen in Perioden-Produkten - und häufig nach wenigen Stunden im Müll. Tampons und Binden bestehen großteils aus energieintensiv hergestellter Viskose aber auch aus Baumwolle, einem besonders wasserintensiven Rohstoff, der meist konventionell und unter dem Einsatz von Unkrautvernichtern angebaut wird. Zusätzlich zu einer Plastikverpackung hindern weitere Schutzschichten aus dem Material das Blut am Durchsickern.

Doch es gibt Alternativen zu den Wegwerf-Artikeln. Und die werden immer beliebter, mittlerweile stehen manche davon sogar in Drogeriemärkten. So zum Beispiel Menstruationstassen aus Silikon. Sie fangen das Blut im Körper der Frau auf, werden nach ein paar Stunden entleert, ausgewaschen und zwischen den Zyklen abgekocht. Sie sind jahrelang wiederverwendbar. Perioden-Unterwäsche, also Unterhosen mit eingearbeiteten, mehrschichtigen Einlagen zwischen ein und zwei Millimetern, oder Baumwoll-Stoffbinden kosten unterm Strich etwas mehr, dabei gilt jedoch: Einfach in die Waschmaschine packen und mehrere Jahre nutzen. Dementsprechend kann sich der Kauf auch finanziell lohnen.

Müll reduzieren, Wasser sparen, Plastik vermeiden

Je nach Berechnung kommen für Menstruations-Produkte im Leben einer Frau bis zu 5000 Euro zusammen - Schmerztabletten oder Wärmekissen nicht eingerechnet. Zwar sind wiederverwertbare Produkte langfristig günstiger als die Wegwerf-Varianten: Dennoch entfallen bis zu mehr als 1000 Euro allein auf die Kosten für Steuern.

Sogenannte "Hygieneartikel", zu denen Tampons, Binden und Menstruationstassen zählen, werden in Deutschland als "Luxusartikel" mit einem höheren Steuersatz von 19 Prozent belegt. Bei Schnittblumen und Münzsammlungen sind es hingegen nur 7 Prozent Umsatzsteuer, die eigentlich für Produkte des Grundbedarfs gilt. In manch europäischem Nachbarland wird es sogar noch teurer. In Ungarn werden beispielsweise 27 Prozent Steuern fällig; in Kroatien, der Schweiz und Dänemark sind es 25 Prozent. Dabei hat die Europäische Union bereits 2007 zugelassen, die sogenannte "Tampon-Steuer" auf ein bestimmtes Minimum zu senken.

In Großbritannien zahlen Frauen immerhin nur 5 Prozent Steuern auf Perioden-Produkte. Die Regierung will diese ab dem kommenden Jahr sogar kostenlos an Schulen bereitstellen. Denn auch dort kann sich eines von zehn Mädchen keine Tampons oder Binden leisten, wie eine Studie der Kinderhilfsorganisation Plan 2017 feststellte. Fast die Hälfte von ihnen verpasste wegen ihrer Periode außerdem bereits den Schulunterricht.

"Unfaire Besteuerung"

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Aktivistinnen wehren sich gegen den erhöhten Steuersatz auf Tampons.

(Foto: imago images / Panthermedia)

Manche Länder wie Australien, Indien, Kanada, Kenia und Tansania haben eine solche Steuer bereits abgeschafft. Auch hierzulande wächst immer mehr Widerstand gegen die Tampon-Steuer. So etwa bei Nanna-Josephine Roloff und Yasemin Kotra. Zum Frauentag im März 2018 starteten die beiden eine von bereits mehreren Online-Petitionen. Ihr Ziel: auf die "unfaire Besteuerung unserer Monatsblutung" aufmerksam machen. Diese steuerliche Ungleichbehandlung rühre mitunter daher, "dass zu wenige Frauen in den Parlamenten sitzen und mitentscheiden", sagt Roloff zu n-tv.de. "Diese Steuer ist Ausdruck von einem Geschlechterungleichgewicht."

Noch drastischer zeigt sich diese strukturelle Ungerechtigkeit am globalen Gefälle: Während sich Frauen in Deutschland zwischen Tampon und Tasse entscheiden können, ist das anderswo nicht immer möglich. Frauen in Ländern des Globalen Südens haben oft nur eingeschränkt Zugang zu sauberem Wasser und vor allem nicht ausreichend Geld für Perioden-Produkte. Sie behelfen sich etwa mit alten Stoffresten, selbst genähten Binden oder lassen das Blut direkt in ein Loch im Boden fließen.

*Datenschutz

Häufig bedeutet Menstruation somit, vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen zu werden, nicht zur Arbeit oder in die Schule zu gehen. Das bestärkt die Aktivistin Roloff darin, dass Perioden-Produkte letztlich "lebensnotwendig" seien. "Wenn Frauen während ihrer Periode zu Hause bleiben, ist das nicht nur ökonomisch fatal. Frauen werden dadurch auch von der demokratischen Teilhabe ausgeschlossen."

Um das zu ändern, setzt sich beispielsweise die Wohltätigkeitsorganisation WaterAid weltweit für sauberes Wasser und hygienische Sanitäranlagen ein. Und manche Hersteller werben damit, beim Kauf einer Menstruationstasse eine weitere an ein Mädchen etwa in Nepal, Kenia oder Tansania zu spenden.

Gesellschaftliches Tabuthema

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In der Werbung ist "Blut" meistens blau.

(Foto: imago/CHROMORANGE)

Noch immer ist die Periode ein gesellschaftliches Tabuthema. Dabei ertragen viele Frauen während ihrer Menstruation starke Schmerzen - circa 20 bis 40 Prozent leiden sogar an einem leichten Prämenstruellen Syndrom (PMS). Monatlich schlagen sie sich in den Tagen und Wochen zwischen Eisprung und der Regelblutung mit psychischen und körperlichen Beschwerden herum: Kopfschmerzen, Stimmungsschwankungen, Probleme beim Schlafen.

Darüber im Großraumbüro oder in der Schule zu reden, trauen sich nicht alle. Schließlich sollen Frauen trotz ihrer Menstruation "funktionieren". Laut der Studie von Plan International UK schämt sich fast die Hälfte der Mädchen für ihre Periode.

Doch es deutet sich ein Wandel an, der auch in der Werbung sichtbar wird: Rot war Menstruationsblut dort lange nicht. Blau tropfte es auf Binden, jegliche Flüssigkeit verschwand prompt - alles trocken, alles sauber. Den ersten Spot mit realistisch dargestelltem Blut produzierte die britische Firma Bodyform erst im Jahr 2016.

In sozialen Medien sprechen Menschen mittlerweile stolz über das Thema unter Hashtags wie #endperiodshame, #menstruationmatters, #periodpositive, #periodproud oder #happytobleed. Bald soll es auch in Deutschland einen Menstruations-Emoji geben. Durch den neuen Emoji in Form eines Blutstropfens könnte das Sprechen über "die Tage" dann immerhin im Digitalen leichter werden.

Am heutigen Montag, 16.09.2019, sendet n-tv um 16.30 Uhr das News Spezial "Nachhaltigkeit - Packen wir's an!" mit dem Themenschwerpunkt Plastik.

Quelle: n-tv.de

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