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Zurück in die Schule Wie riskant ist Präsenzunterricht jetzt?

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Mit geöffneten Fenstern, Tests und AHA-Regeln scheint Präsenzunterricht bei niedrigen Inzidenzen nicht allzu riskant zu sein.

(Foto: picture alliance/dpa)

Mit sinkenden Inzidenzen soll in Schulen wieder der vollständige Präsenzunterricht stattfinden. Viele halten das für bitter nötig, andere für verfrüht. Die Frage ist, wie hoch das Risiko für Schüler, Lehrer und Eltern ist. Studien sprechen eher für eine Rückkehr zum Präsenzunterricht.

Deutschlandweit sinken die Sieben-Tage-Inzidenzen, in den meisten Regionen liegen die Werte bereits unter 100. Damit fällt auch zunehmend die Begründung weg, Schulen Präsenzunterricht ganz oder teilweise zu verweigern. Etliche Bundesländer haben deswegen bereits konkrete Pläne, wann die Klassenzimmer wieder gefüllt sein sollen, in NRW soll es beispielsweise ab 31. Mai für alle Schüler so weit sein.

Manchen geht das jetzt viel zu schnell, sie fürchten um die Gesundheit von Schülern, Eltern und Lehrern und dass das Infektionsgeschehen so wieder an Fahrt aufnehmen könnte. Aktuelle Studien zeigen aber, dass Schulen zwar keine Null-Risiko-Gebiete, aber auch keine Pandemietreiber sind, wenn man die Sache richtig angeht.

Gegen eine vollständige Rückkehr zum Präsenzunterricht sprechen die nach wie vor überdurchschnittlich hohen Sieben-Tage-Inzidenzen in den entsprechenden Altersgruppen. Bei den 5- bis 9-Jährigen zählte das RKI in der vergangenen Woche 109 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner, bei den 10- bis 14-Jährigen 122 und bei den 15- bis 19-Jährigen 124.

Allerdings sind die Inzidenzen bei den 20- bis 44-Jährigen ebenfalls noch klar über 100, und auch die 45- bis 49-Jährigen liegen mit einem Wert von 96 nur knapp darunter. Diese Altersgruppen haben sich kaum in Schulen angesteckt, es sei denn, es handelt sich um Lehrkräfte. Man kann also aus den hohen Fallzahlen der Kinder und Jugendlichen nicht schließen, dass sie sich überwiegend in der Schule angesteckt haben.

Kein Anstieg nach Schulöffnungen in England

Im Gegenteil: Aktuelle Studien legen nahe, dass sie sich eher bei ihren Eltern oder in anderen Situationen angesteckt haben. Das sieht auch Virologe Christian Drosten mit einem Blick nach Großbritannien so. Dort wurden schon so viele Erwachsene geimpft, dass sie jetzt als Infektionsquellen weitgehend ausfallen.

"Und wir sehen erstaunlicherweise, nachdem jetzt ein Monat oder in einigen Teilen sogar noch länger die Schulen offen sind, mit Testbetrieb, zweimal wöchentlich Abstrich und Testung, also wirklich strenge Regeln, aber ein offener Schulbetrieb: Die Zahlen in den Schulen kommen jetzt nicht hoch", sagte er vor zehn Tagen dem ZDF. "Und das ist ganz anders als im Dezember, wo wir vier-, fünfmal so hoch in der Inzidenz lagen wie bei den Erwachsenen."

Drosten bezieht sich dabei offensichtlich auf eine staatlich unterstützte Studie der London School of Hygiene & Tropical Medicine, die am 4. Mai veröffentlicht wurde. Für sie wurden zwischen dem 15. und 31. März 7.271 Schüler der Sekundarstufe (etwa 11 bis 15 Jahre alt) und 2.744 Schul-Mitarbeiter auf Covid-19 getestet. Im Vergleich zu früheren Ergebnissen im November und Dezember 2020 sind die Infektionen deutlich zurückgegangen: Der Prozentsatz der positiv getesteten Schüler sank von 1,42 im November auf 0,33 Prozent im März, der der Mitarbeiter von 1,64 auf 0,32 Prozent.

Klare Ergebnisse für unter 10-Jährige in Israel

Zu einem differenzierten Ergebnis kommt eine israelische Studie, die am 26. April publiziert wurde. Sie untersuchte die Dynamik der Infektionsraten bei Kindern und Jugendlichen von 0 bis 19 Jahren im Vergleich zu anderen Altersgruppen. Mit insgesamt rund 150.000 unter 19-Jährigen und mehr als 320.000 Erwachsenen ist die Datenbasis wesentlich breiter als bei der britischen Studie.

Für die Kinder bis 9 Jahre ist das Ergebnis der Studie eindeutig: Sie steckten sich rund dreimal seltener an als die Erwachsenen. Selbst die über 60-Jährigen hatten noch doppelt so viele Infektionen.

Dass Kinder und Jugendliche über 10 Jahre praktisch ebenso hohe Infektionsraten wie die Erwachsenen aufwiesen, ist für die israelischen Forscher zwar kein Beweis dafür, dass sie sich an den Schulen angesteckt haben, sie könnten auch Sekundärkontakte anderer Infektionsquellen gewesen sein, schreiben sie. Trotzdem empfehlen sie, den Schulbetrieb für 10- bis 19-Jährige erst dann aufzunehmen, wenn die Pandemie unter Kontrolle ist und eine Ausbreitung des Virus in den Einrichtungen durch Maßnahmen verhindert werden kann.

Geringes Infektionsrisiko an rheinland-pfälzischen Schulen

Auch in Deutschland gibt es aktuelle Studien zu Schulöffnungen und der Infektiosität von Kindern und Jugendlichen. Eine rheinland-pfälzische Forschung analysierte 441 zwischen September und Dezember 2020 den Gesundheitsämtern gemeldete Covid-19-Erstfälle (Indexfälle) an Schulen und Kitas. Zu diesen Fällen lagen auch genaue Zahlen der Kontaktpersonen sowie deren Anzahl an PCR-Tests vor.

360 der Infizierten steckten überhaupt niemanden an, 81 Indexfälle führten zu insgesamt 196 weiteren Infektionen. Mit Bezug auf die insgesamt 14.591 Kontaktpersonen mit hohem Infektionsrisiko (Kontaktpersonen der Kategorie I) ergibt sich daraus ein Übertragungsrisiko von durchschnittlich 1,3 Prozent. Das bedeutet, dass sich von 100 engen Kontaktpersonen im Schnitt etwa 1 bis 2 Personen infizierten. Dabei geben die Verfasser zu bedenken, dass die Ergebnisse eher zu hoch ausfallen, da nicht zwischen Ansteckungen in Schulen und Kitas und Infektionen in der Freizeit unterschieden werden könne.

Die Studie ergab auch, dass in Kindergärten Infektionen vor allem durch und unter dem Betreuungspersonal stattfinden. Und es stellte sich heraus, dass es an Schulen deutlich seltener Ansteckungen als an Kitas gab. Eine Infektion in den Reihen des Lehrpersonals rief laut Studie im Schnitt 0,50 Folgefälle hervor, während eine Infektion unter Schülerinnen und Schülern zu 0,17 Folgefällen führte, davon lediglich 0,004 in den Reihen des Lehrpersonals.

Die aktuellen Zahlen der Kultusministerkonferenz (KMK) geben unter den aktuellen Bedingungen nicht allzu viel her, sind aber doch interessant. Demnach waren in der ersten Maiwoche 14.250 Schülerinnen und Schüler mit Covid-19 infiziert, was lediglich einem Anteil von 0,14 Prozent entspricht. 0,52 Prozent befanden sich in Quarantäne. Bei den Lehrkräften sind Werte mit 0,15 und 0,44 Prozent ähnlich niedrig.

Sequenzierung schließt Ansteckung in Klassen aus

Die wahrscheinlich interessanteste deutsche Forschung zu der Schul-Thematik ist die B-FAST-Studie, ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördertes Projekt des Nationalen Forschungsnetzwerks der Universitätskliniken in Deutschland. Denn dabei werden positive Tests sequenziert, das heißt, die genaue Virusvariante ermittelt. So kann man Infektionsketten viel genauer nachverfolgen als über Befragungen et cetera.

Die Studie ist zwar bereits abgeschlossen, allerdings wurde sie noch in keinem Journal veröffentlicht. Daher wurden noch keine detaillierten Ergebnisse veröffentlicht. Studienleiter Jörg Dötsch sagte dem BMFG aber kürzlich: "Wir sehen die Kinder und Jugendlichen in den Schulen als Teil der Pandemie und auch als Teil der dritten Welle - aber nicht als Treiber."

Die B-FAST-Studie habe gezeigt, "dass alle Kinder, die wir identifizieren konnten, unterschiedliche Varianten des Virus in sich trugen. Das bedeutet, dass sie sich nicht gegenseitig, zumindest nicht im Testzeitraum, in der Schule angesteckt zu haben scheinen", so Dötsch.

Außerdem wisse man aus einer ganzen Reihe von Untersuchungen, dass Kinder, sofern sie die geltenden AHA-Regeln einhielten, nicht ansteckender seien als Erwachsene - "im Gegenteil: Sie sind höchstwahrscheinlich sogar weniger ansteckend." Mittlerweile lägen Daten vor, die zeigten, dass auch die britische Variante unter Kindern weniger ansteckend ist als unter Erwachsenen.

Dötsch weist außerdem auf Studien hin, die ergeben hatten, dass die Anzahl der Superspreader mit Alter und Body-Maß-Index zunähmen. Er bezieht sich dabei auf eine Harvard-Studie, die festgestellt hat, dass die Menge der ausgestoßenen Aerosole unter anderem von Gewicht und Alter eines Menschen abhängt.

Charité-Studie findet keine Schul-Superspreader

Mit Spannung darf man auch die Resultate einer Charité-Forschung erwarten. Die Berliner Corona-Schulstudie (BECOSS) begleitete über rund ein Jahr asymptomatische Schülerinnen und Schüler, Kitakinder, Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher sowie sonstiges Schul- und Kitapersonal.

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Ein Zwischenergebnis ergab Ende Januar laut "Tagesspiegel", dass im November an 24 Schulen insgesamt zehn Covid-19-Fälle in acht Klassen gefunden wurden: "Sechs Betroffene waren jeweils Einzelfälle in ihrer Klasse, in zwei Klassen fanden sich je zwei Infizierte. Sieben der zehn Infektionen verliefen asymptomatisch. Nur einige der von Corona betroffenen Schüler infizierten Angehörige ihres Haushaltes."

Wann das Endergebnis der BECOSS-Studie zu erwarten ist, teilte die Charité bisher nicht mit. Es deutet aber alles darauf hin, dass sie das Resümee von Jörg Dötsch stützen wird: "Kinder sind Teil der Pandemie, aber keine Treiber."

Quelle: ntv.de

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