Panorama

Bundesländer bereiten sich vor Corona-Impfung von Schülern rückt näher

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Der einzige Impfstoffhersteller, der bald die Impfung von Kinder ab 12 Jahren anbieten könnte, ist das Mainzer Unternehmen Biontech im Verbund mit seinem US-Partner Pfizer.

(Foto: picture alliance / Laci Perenyi)

Schülerinnen und Schüler könnten sich noch vor den Sommerferien gegen Corona impfen lassen. Der nötige Impfstoff steht kurz vor der Zulassung. Erste Bundesländer tüfteln bereits an einem Impfkonzept. Dabei bleibt die Frage: Sollten Kinder dem Risiko möglicher Nebenwirkungen ausgesetzt werden?

Das Impftempo in Deutschland zieht zuletzt deutlich an - und bald soll es auch für die jüngsten Menschen ganz schnell gehen mit der Impfung gegen das Coronavirus. Wohl noch im Mai will die europäische Arzneimittelbehörde (EMA) über die Empfehlung zur Zulassung des Impfstoffs von Biontech/Pfizer ab 12 Jahren entscheiden. Bislang gibt es in der Europäischen Union für das Vakzin eine Zulassung erst ab 16 Jahren, für jüngere Kinder gibt es noch keinen zugelassenen Covid-19-Impfstoff.

Doch gerade die jüngeren Altersklassen haben Experten zufolge besonders viele Kontakte. Ein schnelles Impfen von Schülern sei daher das beste Mittel, um die Infektionszahlen dauerhaft zu senken und weitere Schulschließungen zu verhindern, sagte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach dem "Tagesspiegel" mit Blick auf die indische Corona-Variante. Denn B.1.617 sei noch einmal rund 50 Prozent ansteckender als die britische Mutante, die hierzulande die dritte Welle ausgelöst hatte, so Lauterbach. "Wir brauchen eine sehr hohe Impfquote, um mit der indischen Virusvariante klarzukommen."

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel betonte am Dienstag in einer Sitzung der Unions-Bundestagsfraktion: Je aggressiver eine neue Virusvariante sei, desto mehr Menschen müssten geimpft sein, um eine Herdenimmunität zu bekommen. Das beziehe auch Kinder und Jugendliche mit ein. Daher wollen Bund und Länder mit einem Impfgipfel am 27. Mai eine möglichst rasche Impfung von Kindern, Berufsschülern und Studenten einleiten.

Bundesländer entwickeln Impfkonzepte

Derweil tüfteln bereits die ersten Bundesländer an Impfkonzepten für ihre jüngsten Bewohner. So sollen in Hessen die Erstimpfungen der Jugendlichen vom 28. Juni an bis zum Beginn der Sommerferien am 19. Juli erfolgen. Wann es losgeht, will die Landesregierung noch bekannt geben. Grundsätzlich sollen die Schüler in den Impfzentren immunisiert werden, dies kann aber auch in den Arztpraxen geschehen. Um eine möglichst große Zahl an Personen zu erreichen, sollen auch Eltern ein Angebot bekommen. Wenn ein Kind nicht geimpft ist, braucht es laut Landesregierung im nächsten Schuljahr weiterhin negative Corona-Testergebnisse, um am Unterricht teilnehmen zu können.

Auch in Hamburg will man vorbereitet sein: Wenn die EMA den Impfstoff für Kinder ab 12 Jahren freigibt, soll es möglichst sofort mit dem Impfen in der Hansestadt losgehen, erklärte Sozialsenatorin Melanie Leonhard. Bis Ende August sollen sie die erste Impfdosis bekommen. Neben Impfungen bei Kinderärzten könnte es möglicherweise auch Impftage exklusiv für Kinder und Jugendliche im Impfzentrum in den Messehallen geben. Unklar ist in Hamburg noch, ob es für die Schülerinnen und Schüler eine Impfreihenfolge wie bei den Erwachsenen geben wird, um kranke Kinder schneller zu schützen.

Das bayerische Gesundheitsministerium tüftelt ebenfalls an einem Logistikkonzept für die Schülerimpfungen. "Wir wollen die Impfzentren einbinden und prüfen, ob auch an den Schulen selbst geimpft werden kann", sagte Gesundheitsminister Klaus Holetschek der "Augsburger Allgemeinen". Er hat sich zum Ziel gesetzt, dass jeder Schüler bis zum Ende der Sommerferien mindestens ein Angebot für die erste Impfung erhält. "Dann wäre wieder mehr Präsenzunterricht möglich."

Impfaktion an bayrischem Gymnasium scheitert

In Planegg nahe München wollte man so lange nicht warten. Am dortigen Gymnasium sollten Schülerinnen und Schüler ab 16 Jahren - für diese Altersgruppe ist der Biontech-Impfstoff schon jetzt zugelassen - bereits am Freitag die Möglichkeit erhalten, sich in der Schule mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer immunisieren zu lassen. Die Priorisierung in Arztpraxen wird bis dahin aufgehoben. Der Schulleiter hatte ein Ärzteteam gefunden, das nach eigenen Angaben alle gefährdeten Patienten schon versorgt hatte - und daher einen Tag lang an die Schule kommen sollte.

Doch die geplante Impfaktion stieß auf heftige Kritik. Angesichts der Knappheit des Vakzins forderte Landrat Christoph Göbel, mehr Verantwortungsbewusstsein und Sensibilität im Umgang mit Impfungen an den Tag zu legen. Er könne niemandem vermitteln, dass gesunde Jugendliche geimpft würden, während gleichzeitig viele vulnerable Personen immer noch auf der Warteliste stünden, so Göbel. Schließlich zog die Gemeinschaftspraxis ihr Angebot zur Impfung der Schüler zurück.

Ist es überhaupt sinnvoll, Kinder zu impfen?

Doch nicht nur die Frage, wann Kinder und Jugendliche geimpft werden sollen, löst Diskussionen aus. Wissenschaftler und Experten sind sich uneins, ob eine Impfung für die Jüngsten überhaupt sinnvoll ist. Denn bei Kindern verläuft eine Infektion mit Sars-CoV-2 bislang häufig symptomlos. Und wenn Symptome auftreten, sind in der Regel milde. Gleichzeitig leiden besonders junge Menschen unter den Einschränkungen.

Bei gesunden Kindern müsse man die Risiken und Nutzen abwägen, sagte Johannes Hübner, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie, im Bayrischen Rundfunk. "Sie sind mehr durch Ertrinken und Verkehrsunfälle gefährdet als durch das Coronavirus." Allerdings gebe es auch den umgekehrten Fall eines Fremdschutzes: So werde beispielsweise Erwachsenen geraten, sich gegen Keuchhusten impfen zu lassen, um Kinder zu schützen.

Infektiologe Peter Kremsner, Forscher an der Universität Tübingen sieht das ähnlich: "Wenn man auf die große Perspektive schaut, dann ist es schon sinnvoll, dass wir möglichst alle, und das heißt auch Junge und Kinder, mitimpfen, wenn wir Herdenimmunität erreichen wollen und diese Infektionen im Weiteren unter Kontrolle halten wollen."

Impfungen von Kindern aus Gründen der sogenannten Herdenimmunität zu befürworten, sieht Epidemiologe und Virologe Klaus Stöhr hingegen kritisch. "Jede Impfung geht mit Nebenwirkungen einher. Die dürfen niemals den zu erzielenden Nutzen übersteigen", mahnt er im Gespräch mit ntv.de. Es habe sich in Israel oder Großbritannien eindeutig gezeigt, dass die Infektionshäufigkeit bei Kindern mit dem Impffortschritt bei den Erwachsenen nachlasse. "Das bestätigt den Großteil der Befunde, die nicht nur in der Welt, sondern auch in Deutschland zusammengefasst wurden, dass die Hauptinfektionsrichtung von den Erwachsenen zu den Kindern geht und nicht umgekehrt", so Stöhr. Er erwartet, dass in Deutschland die Ständige Impfkommission (STIKO) Impfungen für Kinder wohl nicht grundsätzlich empfehlen wird.

Im Gegensatz zu den USA: Dort haben die Aufsichtsbehörden das Vakzin von Biontech/Pfizer für Kinder im Alter zwischen zwölf und 15 Jahren bereits freigegeben. In der vergangenen Woche wurden nach Angaben der Gesundheitsbehörde CDC rund 600.000 Kinder dieser Altersklasse gegen Corona geimpft. Insgesamt sind laut CDC inzwischen mehr als vier Millionen Menschen unter 17 geimpft worden. Top-Immunologe Anthony Fauci geht davon aus, dass bis Ende des Jahres in den USA ausreichend Daten vorlägen, um Kinder jeden Alters impfen zu können. Die Daten dürften auch Einfluss auf die Entscheidungsfindung in Deutschland haben, ob und ab welchem Alter Kinder und Jugendliche geimpft werden sollten.

Quelle: ntv.de

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