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Hohe, unnötige Kosten Warum die Stromrechnung ungerecht ist

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"Das grundlegende Problem besteht in der ungerechten Verteilung der Energiewendekosten in Deutschland", sagt Julia Verlinden, Energiepolitik-Sprecherin der Grünen im Bundestag.

(Foto: picture alliance/dpa)

Strom wird immer teurer. Mehr als sechs Cent pro Kilowattstunde müssen Kunden derzeit allein für die Förderung der erneuerbaren Energien berappen. Doch die Energiewende ist nicht die Hauptschuldige am Preisanstieg - auch wenn die EEG-Umlage ein Paradox ist.

Rekordmengen an Wind- und Solarstrom werden ins Netz eingespeist, aber die Stromrechnung wird höher. Das ärgert viele Verbraucher und fördert nicht die Akzeptanz der erneuerbaren Energien. Die Umlage für das Erneuerbare-Energie-Gesetz (EEG) steigt, der Strom wird teurer - so blicken viele Kunden misstrauisch auf ihre Rechnung. Mehr als 6 Cent pro Kilowattstunde müssen sie derzeit für die Förderung der erneuerbaren Energien berappen. Doch die Erneuerbaren sind nicht schuld am hohen Strompreis.

Was ist die EEG-Umlage?

Mit der EEG-Umlage soll der Ausbau der erneuerbaren Energien finanziert werden. "Betreiber von Erneuerbare-Energien-Anlagen, die Strom in das Netz der öffentlichen Versorgung einspeisen, erhalten dafür eine festgelegte Vergütung", schreibt die Bundesnetzagentur. So weit, so gut. Warum aber steigt die EEG-Umlage immer weiter an, obwohl immer mehr grüner Strom einfließt?

Schuld daran ist das sogenannte EEG-Paradox, das 2010 von der CDU/FDP-Regierung produziert wurde: Der Strom wird an der Strombörse gehandelt. Wenn nun mehr Strom da ist, fallen die Preise. Die Differenz zwischen Strompreis und der festen Vergütung, die die Anlagenbetreiber für ihren grünen Strom erhalten, steigt an. Die Verbraucher müssen diese Differenz nun wieder ausgleichen - über Strompreiserhöhungen. Vereinfacht lässt sich sagen: Je stärker die erneuerbaren Energien den Strompreis senken, desto höher steigt die EEG-Umlage.

Förderung der Erneuerbaren ruht auf Schultern der Privathaushalte

Warum ist das unfair? Aus zweierlei Gründen: So wurden die Erneuerbaren das Opfer ihres eigenen Erfolges. Außerdem können die großen energieintensiven Betriebe starke Rabatte bekommen. Diese Industrierabatte müssen alle anderen Stromverbraucher mittragen. Das heißt, die Förderung der Erneuerbaren ruht auf den Schultern der Privathaushalte. Hingegen dürfen die Industriekunden den Strom auch noch direkt an der Börse einkaufen. Da ist er ja billig.

"Das grundlegende Problem besteht in der ungerechten Verteilung der Energiewendekosten in Deutschland", sagt Julia Verlinden, Energiepolitik-Sprecherin der Grünen im Bundestag, im Gespräch mit RTL/wetter.de. "Während die größten Stromverbraucher als energieintensive Betriebe kaum EEG-Umlage zahlen, zahlen die Privatverbraucher und kleineren Betriebe für diese mit. Die Energiewende wird also größtenteils von Privathaushalten und mittelständischen Unternehmen bezahlt, das kostet sie pro Jahr rund 4,5 Milliarden Euro", sagt Verlinden weiter.

Und dann gibt es noch einen miesen Taschenspielertrick auf der Stromrechnung: Bei den Erneuerbaren findet der Kunde die Zusatzkosten für die Umlage transparent auf der Rechnung. Bei den konventionellen Energien wie Braunkohle und Atomenergie findet die Förderung versteckt statt - sie wird nicht auf der Rechnung aufgeführt, da sie zum Beispiel über Steuergelder gelenkt wird.

Investitionskosten gerecht auf mehr Schultern verteilen

Mittlerweile fallen die Kosten bei den Erneuerbaren - sogar schneller als erwartet. Vor allem Solarstrom kann günstiger produziert werden als der vielgepriesene Strom aus Gaskraftwerken. Die Nutzung erneuerbarer Energien ist günstiger als der Neubau eines Atom- oder fossilen Kraftwerks. Zudem können die Erneuerbaren schnell abgeschaltet werden. Das ist bei den schmutzigen Braunkohlekraftwerken nicht möglich. Das führte dazu, dass 2019 fast 3 Prozent des Ökostroms nicht genutzt wurden. Um Ökostrom vollständig nutzen zu können, müssen fossile Kraftwerke ganz abgeschaltet werden oder flexibler laufen.

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Verlinden sagt, die Energiewende zu verlangsamen und weiterhin auf fossile Energiequellen zu setzen, sei nicht die Lösung. "Wenn wir die Klimaziele von Paris erreichen wollen, müssen wir mehr in erneuerbare Energien investieren und schneller aus schmutziger und teurer Energie wie Kohle aussteigen. Diese Investitionskosten für die Energiewende müssen gerecht auf mehr Schultern verteilt werden. Deswegen muss die Zahl der Unternehmen, die Strompreisrabatte bekommen, reduziert werden. Dann können Privatkunden deutlich entlastet werden, ohne dass Klima und Umwelt leiden", erläutert die Expertin.

"Aber es geht noch mehr", so Verlinden abschließend: "Diese Industrieprivilegien könnten über den Bundeshaushalt statt über die Stromrechnungen der einzelnen Verbraucherinnen und Verbraucher finanziert werden. Es ist ungerecht, dass die privaten Stromkunden für die Industrie mitbezahlen müssen."

Quelle: ntv.de, awi