Ratgeber

Günstiger Sprit, teurer Strom Strommarkt versagt - was Sie tun können

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Regulieren sollte den Strom-Markt eigentlich die Bundesnetzagentur.

(Foto: picture alliance/dpa)

Sowohl Strom- als auch Benzin-Einkaufspreise sind durch die Corona-Pandemie stark gesunken. Während die Kostenvorteile bei Autofahrern angekommen sind, müssen Stromkunden sogar weitere Preiserhöhungen über sich ergehen lassen. Daran wird sich auch nichts ändern, solange Stromkunden passiv bleiben.

Dass Corona einen großen Einfluss auf die verschiedensten Märkte hat, ist bekannt. Da vor allem die Nachfrage von Industriekunden stark eingebrochen ist, befinden sich Strom- und Benzin-Einkaufspreise in den letzten Monaten auf Talfahrt.

In einem funktionierenden Markt würde man davon ausgehen, dass die stark gesunkenen Einkaufspreise beim Verbraucher ankommen. Bei den Verbraucherpreisen für Benzin ist dies der Fall: Die seit Anfang 2019 um 14 Cent/Liter gesunkenen Einkaufspreise sind praktisch vollständig an der Zapfsäule angekommen. Anfang letzten Jahres mussten Autofahrer noch 1,32 Euro für einen Liter Super auf den Tisch legen. Letzten Monat brauchten sie nur 1,17 Euro dafür zu bezahlen.

Die Einkaufspreise für Strom hingegen sind im gleichen Zeitraum von 5 Cent/kWh auf 3,7 Cent/kWh gesunken, eine Ersparnis von 26 Prozent für die Stromanbieter. Was auf den ersten Blick gering erscheinen mag, ist durchaus nennenswert. Würde diese Ersparnis weitergegeben, bräuchte eine Familie mit 4000 kWh Stromverbrauch 62 Euro pro Jahr weniger zu bezahlen. Treue Stromkunden haben von den gesunkenen Kosten der Anbieter jedoch nichts gespürt.

Ach ja, die Steuern

Ganz im Gegenteil, in diesem Jahr ging die Preiserhöhungs-Rally weiter: Laut einer Berechnung des Datendienstleisters Enet haben Grundversorger die Strompreise im Schnitt um 5,9 Prozent erhöht, viele davon das zweite Jahr in Folge. Und obwohl durch die Pandemie die Großhandelspreise drastisch eingebrochen sind, haben viele Stromanbieter weiter an ihren Erhöhungen festgehalten. Enet schlussfolgert in seiner Auswertung: "Fast drängt sich der Verdacht auf, dass besonders unpopuläre Preiserhöhungen bewusst erst später im Halbjahr vorgenommen wurden, um sie nicht der größeren öffentlichen Aufmerksamkeit zu Jahresbeginn auszusetzen."

Das häufig angeführte Argument der hohen Steuerlast der Strompreise liefert auch keine wirkliche Erklärung. Denn nicht nur Strompreise unterliegen einer hohen Besteuerung und sonstigen Abgaben, sondern Benzinpreise gleichermaßen. Enet vertritt die Ansicht, dass sich "damit keine flächendeckenden Tariferhöhungen um mehr als 10 Prozent erklären [lassen], zumal der Börsenpreis für Strom nicht erst seit der Corona-Pandemie deutlich gesunken ist."

Wie kann es daher sein, dass sich gesunkene Rohölpreise an den Zapfsäulen widerspiegeln, während Strompreise praktisch losgekoppelt von den gesunkenen Beschaffungskosten weiter steigen? Beim Weg zur Tankstelle haben Verbraucher die aktuellen Benzinpreise stets im Blick, schließlich werden diese unübersehbar auf großen Preistafeln an der Straße angezeigt. Folglich käme kaum ein Tankstellenbetreiber auf die Idee, deutlich mehr zu berechnen als die Tankstelle nebenan. Der Wettbewerb zwischen Tankstellenbetreibern funktioniert. Die Nachfragemacht der Verbraucher reguliert das Angebot und sorgt dafür, dass Tankstellenbetreiber nicht mit Wucherpreisen durchkommen.

Hoher Preis für Trägheit

Ganz anders im Strommarkt. Sich mit dem Stromtarif zu beschäftigen, ist für viele Verbraucher noch immer eine Herausforderung. Die Stromrechnung wird von den wenigsten Menschen genauer unter die Lupe genommen. Das ermöglicht Anbietern, Abschläge höher anzusetzen und sich damit einen zinslosen Kredit zu gewähren – um dann zum Jahresende stolz zu verkünden, dass es zu einer Rückzahlung kommt. Ebenso werden Preiserhöhungen von vielen Stromkunden nicht erkannt beziehungsweise als notwendiges Übel wahrgenommen, gegen das man ohnehin nichts ausrichten kann. Viele Verbraucher haben zudem noch immer den Eindruck, dass der Stromanbieter seinen Job gut macht. Schließlich geht das Licht stets an, wenn man den Lichtschalter betätigt.

Dass die Stromanbieter seit der Marktliberalisierung damit gar nichts mehr direkt zu tun haben, wissen die wenigsten Verbraucher. Tatsächlich ist es der Netzbetreiber, dem der Stromzähler gehört und der für den zuverlässigen Stromfluss sorgt, während der Stromanbieter lediglich ein Händler ist, der den Strom im Regelfall nicht einmal produziert, sondern an der Börse einkauft. Zahlreiche Stromkunden glauben außerdem immer noch, dass es nicht so einfach wäre, seinen Stromtarif zu wechseln. Dabei gibt es kaum einen Service heutzutage, den man leichter wechseln kann, da sich aufgrund eines Stromanbieterwechsels praktisch nichts ändert.

Reibungsloser Übergang gesichert

Dabei sind Wechselvorgänge so geregelt, dass ein reibungsloser Übergang gesichert ist und man stets zuverlässig mit Strom versorgt wird. Dennoch haben in den zwanzig Jahren seit der Liberalisierung des Strommarktes erst 31 Prozent der Haushalte in Deutschland von der Gelegenheit eines Anbieterwechsels Gebrauch gemacht. Und dies trotz der immensen Ersparnis, die sich durch den Stromanbieterwechsel erzielen lässt. Laut Check24 musste man in den teuren Grundversorgertarifen bei einem Verbrauch von 5000 kWh im letzten Monat durchschnittlich 281 Euro mehr als in günstigeren Alternativtarifen zahlen.

Obwohl in jeder Stadt viele hunderte Stromtarife zur Auswahl stehen, versagt das Zusammenspiel aus Angebot und Nachfrage, wenn Stromkunden ihre Nachfragemacht nicht nutzen. Und es bestätigt das Verhalten der Anbieter, auch weiterhin an den überhöhten Preisen festzuhalten. Solange Stromkunden nicht genauso clever wie beim Tanken agieren und bei überzogenen Preisen den Weg zum nächsten Anbieter suchen, wird sich am Verhalten der Stromanbieter wenig ändern. Regulieren sollte den Markt eigentlich die Bundesnetzagentur. Sie ist hierzulande bislang aber eher zögerlich. Während sie selbst offiziell als ihre zentrale Aufgabe beschreibt "den Wettbewerb in den Energie-, Telekommunikations-, Post- und Eisenbahnmärkten zu fördern", fehlt es an effektiven Handlungen.

Kritik am Vorgehen der Anbieter oder gar konkrete Schritte, um den Preis für Verbraucher zu senken – Fehlanzeige. Letztlich müssen Verbraucher also selbst aktiv werden, wenn sie sich vom Stromanbieter nicht länger zu viel berechnen lassen wollen.

Die Auswahl des Stromanbieters gestaltet sich zumindest auf den ersten Blick nicht so einfach, zumal die meisten Verbraucher bislang wenig Erfahrung beim Anbieterwechsel mitbringen. Wie beim Tanken gibt es auch hier einen Preis. Neben dem Preis finden sich allerdings allerlei Auswahlkriterien wie Bonus, Preisgarantien und Laufzeiten. Dies erzeugt gefühlt erst einmal einen Nebel, den es zu lichten gilt.

Strom tanken per Autopilot

Neben den klassischen Vergleichsportalen, auf Basis derer man sich der Auswahl selbst annehmen kann, ist mittlerweile eine neue Gattung an sogenannten Tarifaufpassern entstanden. Sie setzen genau an dem Problem der Komplexität an und versprechen Verbrauchern, ihnen die Herausforderung der Auswahlentscheidung zu erleichtern. Dazu führen diese Tarifaufpasser nicht einfach eine lange Liste an Tarifen auf, sondern berechnen auf Basis von Nutzerpräferenzen den besten Tarif. Da man wie beim Sprit jedoch auch beim Stromtarif regelmäßig nachtanken sollte, gilt es den Tarif Jahr für Jahr im Blick zu behalten. Daher prüfen diese Tarifaufpasser jedes Jahr rechtzeitig vor Ablauf der Kündigungsfrist, ob sich ein besseres Angebot findet, und veranlassen dann vollautomatisch den Wechsel in den besseren Tarif.

Strom "tanken" per Autopilot – funktioniert das wirklich? Stiftung Warentest hat diese Wechselhelfer einem Langzeittest unterzogen und für empfehlenswert befunden: "Sie organisieren für Kunden den Strom­anbieter­wechsel – und das nicht nur einmalig, sondern über Jahre hinweg." Vier dieser Tarifaufpasser wurden von Stiftung Warentest im Test als "sehr empfehlenswert" bewertet: Esave, SwitchUp.de, Wechselpilot und Wechselstrom. Bei der Mehrheit der Tarifaufpasser wird Kunden ein Anteil der Ersparnis als Gebühr berechnet. Mit dem Marktführer SwitchUp.de findet sich unter den sehr empfehlenswerten Wechselassistenten allerdings auch ein völlig kostenfreier Service.

Ob es mithilfe dieser Tarifaufpasser gelingt, das Wechselverhalten und damit die Nachfragemacht der Stromkunden grundsätzlich zu steigern, bleibt abzuwarten. Eines ist jedoch klar: Solange Verbraucher lieber für einige Cent den Weg zur nächsten Tankstelle auf sich nehmen, gleichzeitig aber ihren Stromtarif sträflich vernachlässigen, wird sich am Verhalten der Stromanbieter wenig verändern. Schließlich ist es dafür viel zu lukrativ, weiter auf die Trägheit ihrer treuen Kunden zu wetten.

Quelle: ntv.de, awi