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Einige Lockerungen sind riskant Delta ist eine Superspreader-Variante

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B.1.617.2 ist die bisher ansteckendste Sars-CoV-2-Variante.

(Foto: imago images/MiS)

B.1.617.2 überträgt sich noch leichter und schneller als B.1.1.7. Weil sie so ansteckend ist, nennt sie ein Experte Superspreader-Variante. Dies liegt vermutlich an einer Kombination von Mutationen. Eine Studie zeigt, unter welchen Umständen ein besonders hohes Ansteckungsrisiko besteht.

B.1.617.2 wird auch in Deutschland schon bald die dominierende Coronavirus-Variante sein. Bisher hat sie zwar lediglich einen Anteil von 6,2 Prozent, in der Vorwoche waren es aber nur 3,7 Prozent. Delta wird also mit ziemlicher Sicherheit noch im Laufe des Sommers das Zepter übernehmen, selbst wenn sich ihr Anteil nicht wie in den USA alle sieben bis zehn Tage verdoppelt, wie Virologin Sandra Ciesek im NDR-Podcast sagte.

Im Moment ist das noch kein Problem, da gleichzeitig die Inzidenzen sinken. Im Herbst droht allerdings eine vierte Welle, wenn nicht die richtigen Vorbereitungen getroffen werden und die Lockerungen zu früh zu weit gehen.

40 bis 60 Prozent ansteckender

In Großbritannien ist die Delta-Variante bereits für mehr als 90 Prozent der Neuinfektionen verantwortlich. Laut einer Studie der englischen Gesundheitsbehörde, könnte sie 60 Prozent ansteckender sein als die Alpha-Variante B.1.1.7, die aktuell in Deutschland noch vorherrschend ist. Das ergab sich aus einem Vergleich der Häufigkeit von Infektionen in Haushalten. Die britische Regierung geht derzeit insgesamt von einer höheren Übertragbarkeit von 40 bis 60 Prozent aus.

Dass die Delta-Variante so viel ansteckender ist, liegt vermutlich an einer Kombination von Mutationen des Stachelproteins, mit dem das Virus an menschliche Zellen andockt. Wissenschaftler des Deutschen Primaten-Zentrums in Göttingen haben sie analysiert und die Ergebnisse in einem Preprint veröffentlicht.

Mutationen hemmen Antikörper

Zwei entscheidende Mutationen (L452R und E484Q) sitzen in der Rezeptorbindungsdomäne des Proteins, die Hauptangriffspunkt von neutralisierenden Antikörpern ist. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass diese Veränderungen zum einen das Eindringen in Zellen etwas vereinfachen und zum anderen die Wirkung von durch Impfungen oder vorangegangenen Sars-CoV-2-Infektionen gebildeten Antikörpern leicht hemmen. Dies trage zur schnelleren Verbreitung dieser Variante bei, schreiben die Göttinger Forscher. Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen Wissenschaftler der Cambridge-Universität.

Forscher des Imperial College London schreiben in einem Preprint, eine dritte Mutation (P681R) erleichtere der Delta-Variante das Eindringen an der sogenannten Furin-Spaltungsstelle, nachdem es an Zellen angedockt habe. Die Wissenschaftler vermuten, dass Menschen schneller angesteckt werden, wenn das Virus einfacher die Zellen der Atemwege befallen kann.

Höhere Viruslast

Mit-Autorin Wendy Braclay sagt, die Daten deuteten darauf hin, dass das Virus "in menschlichen Atemwegszellen fitter ist", was eine erhöhte Viruslast in der infizierten Personen bedeute, wodurch sie mehr Viren in die Luft ausstießen. Testdaten zeigten, dass der CT-Wert in Proben von Delta-Infizierten niedriger zu sein scheint, sagt sie. Dieser Wert gibt bei PCR-Tests die Anzahl der Zyklen an, die zum Nachweis von Sars-CoV-2 benötigt werden. Niedrigere Werte bedeuten höhere Viruslasten.

Der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, sagt: "Das tückische bei dieser Variante ist, dass Infizierte sehr schnell eine sehr hohe Viruslast im Rachen haben und damit andere anstecken können, bevor sie überhaupt merken, dass sie sich infiziert haben."

Das bedeutet im Prinzip, dass Menschen leichter zu Superspreadern werden und es entsprechend häufiger zu Ausbrüchen kommen kann, bei denen eine Person in kurzer Zeit viele andere ansteckt. Der renommierte US-Virologe Eric Topol nennt B.1.617.2 daher eine "Superspreader-Variante".

Ende der Maskenpflicht keine gute Idee

Das bedeutet vor allem, dass die Infektionsgefahr durch Aerosole in Innenräumen bei der Delta-Variante noch höher als bei den vorangegangenen Varianten ist. Entsprechend vorsichtiger muss man agieren und die wachsende Bedrohung durch B.1.617.2 im Auge behalten. Dies gilt besonders für den Herbst, wenn die Infektionen durch die Saisonalität des Virus wieder zunehmen und dann von der neuen Variante bestimmt sein werden. Ein Ende der Maskenpflicht in Innenräumen ist vor diesem Hintergrund offensichtlich nicht angebracht.

Worauf in der Vorbereitung zu achten ist, kann man aus einer aktuellen französischen Studie entnehmen, die anhand von Covid-19-Fällen im vergangenen Oktober und November analysiert haben, welche Faktoren das Ansteckungsrisiko erhöhen. Dabei muss man allerdings berücksichtigen, dass es sich im Einzelnen um Korrelationen handeln kann, also keine direkte Ursache-Wirkung-Beziehung bestehen muss.

Private Treffen, Schulen und Präsenzarbeit riskant

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Demnach steigt das Infektionsrisiko mit jeder im Haushalt lebenden Person sowie mit Kindern, die zur Schule gehen oder in einer Kita betreut werden. Eine Ausnahme bilden den Wissenschaftlern zufolge die Grundschulen. Als Nächstes nennen die Wissenschaftler private oder berufliche Zusammentreffen in Innenräumen. Außerdem erhöhen regelmäßige Bar- oder Restaurantbesuche und Indoor-Sport das Ansteckungsrisiko.

Kein Problem sind den Ergebnissen zufolge regelmäßige Einkäufe sowie kulturelle oder religiöse Zusammenkünfte. Auch Fahrten mit Bussen und Bahnen erhöhen demnach das Risiko nicht. Private Fahrgemeinschaften sollten während der Pandemie dagegen pausieren.

Quelle: ntv.de

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