Politik

RKI-Chef besorgt über Variante Wieler: Delta "wird überhandnehmen"

Die Delta-Variante macht derzeit nur sechs Prozent der Corona-Fälle in Deutschland aus - doch der Anteil der Doppelmutante steigt immer schneller. Die Frage sei nicht mehr ob, sondern wann die Delta-Welle Deutschland voll erfasst, so RKI-Chef Wieler.

In Großbritannien breitet sich die Coronavirus-Doppelmutante Delta rasant aus: In weniger als 50 Tagen hat sie die Variante Alpha (B.1.1.7) verdrängt und macht nun 90 Prozent der Neuinfektionen aus. RKI-Chef Lothar Wieler warnt, dass Deutschland ein ähnliches Schicksal droht. "Es ist nicht die Frage, ob Delta die führende Variante wird, sondern wann", sagte Wieler in Berlin. Die erstmals in Indien entdeckte Variante macht derzeit sechs Prozent der Neuinfektionen in Deutschland aus, der Anteil steigt aber rasant.

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Spätestens im Herbst wird sich die Delta-Variante ausbreiten, so RKI-Chef Lothar Wieler.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die pandemische Lage verbessert sich dennoch mit jedem Tag: So hat Deutschland derzeit eine bundesweite Inzidenz von 10,3 - 1076 Neuinfektionen wurden in den letzten 24 Stunden gemeldet. Hinzu kommt die starke Leistung von Ärzten, Impfzentren und jetzt auch Betriebsärzten bei der Impfkampagne. Mehr als die Hälfte der Deutschen hat sich mindestens einmal impfen lassen und fast jeder Dritte hat bereits einen vollständigen Impfschutz. "Diese Zahlen machen zuversichtlich", sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bei der Pressekonferenz mit dem RKI-Chef.

Mehr als die Hälfte der Deutschen hat aber noch keine zweite Impfung erhalten - und das ist besonders bei der Delta-Variante besorgniserregend. Anders als bei der Alpha-Variante, gegen die die erste Impfung auch einen gewissen Schutzfaktor hat, schützt bei der Delta-Variante nur die zweite Impfung vor einer Ansteckung.

Impfen ist wichtiger denn je

Der Einstieg der Betriebsärzte hilft, immer mehr Menschen auch im Büro abzuholen und einen schnellen und einfachen Zugang zu einer Impfung zu ermöglichen. Zwischen 5000 und 6000 Betriebsärzte verimpfen nun jede Woche rund 700.000 Dosen. Die Impfbereitschaft nimmt zwar immer mehr zu. So hat eine YouGov-Umfrage ergeben, dass 74 Prozent der Deutschen bereit sind, sich impfen zu lassen. Die Impfkampagne am Arbeitsplatz helfe aber, diese Zahl noch weiter nach oben zu drücken, so Spahn. Lassen sich mehr Menschen impfen, weil sie durch eine Gruppendynamik dazu ermutigt werden, sei das ein schöner Nebeneffekt der Impfaktion in Betrieben.

Die geringe Wirksamkeit von Curevac, von dem die Bundesregierung im laufenden Quartal 1,4 Millionen Dosen erhalten sollte, werde die Impfkampagne nicht bremsen, sagte der Gesundheitsminister. Bis Ende Juni soll jeder Erwachsene, der sich impfen lassen möchte, ein Impfangebot bekommen. Bis die entscheidenden 80 Prozent - die sogenannte Herdenimmunität - erreicht sind, könnte es aber dennoch einige Monate dauern. "Bis das der Fall ist, werden Lockerungen dazu führen, dass die Fallzahlen wieder steigen", so der RKI-Chef.

Maskenpflicht abschaffen?

Deshalb müssten Schutzmaßnahmen wie die bekannten AHAL-Maßnahmen auch im Sommer weiter beachtet werden, so Wieler. Auch wenn die Fallzahlen derzeit sehr niedrig sind - zehn Land- und Stadtkreise sind Corona-frei - sei die pandemische Situation wegen der Schutzmaßnahmen so gut. Deutschland dürfe seine Erfolge jetzt nicht leichtfertig verspielen. Insofern sei es wichtig, sich weiterhin nur "behutsam und in kleinen Schritten" zu öffnen. Die öffentliche Diskussion über die Abschaffung der Maskenpflicht sei daher verfrüht, denn eine Maske schütze vor allen Varianten.

Andererseits verbringen die meisten Menschen momentan so viel Zeit wie möglich draußen. Bei der Hitzewelle, die derzeit über Deutschland rollt, wäre eine FFP2-Maske im Freien in der Tat für viele eine Zumutung. Zumal die Wissenschaft von einer sehr geringen Übertragung im Freien ausgeht, solange der 1,5-Meter-Abstand sicher eingehalten werden kann.

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Wenn also weiterhin Masken im Freien getragen werden müssen, befürchtet Spahn, dass die Bürger die Maßnahmen immer weniger akzeptieren werden. Zum Glück sei die Maske in der Bundesrepublik, anders als in den USA, nicht als politisches Symbol übernommen worden. Und das müsse auch so bleiben, so der Gesundheitsminister. Wenn Maßnahmen durchgesetzt werden, die schwer zu erklären seien, koste das letztlich Akzeptanz.

Ganz ohne Schutzmaßnahmen werden die Deutschen aber nicht durch den Sommer kommen. Und schon gar nicht durch den Herbst - denn spätestens dann werde der saisonale Effekt dazu führen, dass die Fallzahlen wieder steigen. Und, dass die Delta-Variante "überhandnehmen" wird: "Wichtig ist daher, dass wir die Ansteckungen jetzt unten halten", sagte Wieler. "Wir können dem Virus keine Chance geben, sich erneut zu verbreiten."

Quelle: ntv.de

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