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Milliarden Menschen ziehen weg Die große Landflucht und ihre Gefahren

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Die Skyline von Peking: Ab 2017 soll die Metropole Kern einer Megalopolis von 130 Millionen Einwohnern werden.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ein Umzug, das klingt unspektakulär. Vom Land in die Stadt? Nachvollziehbar. Doch global betrachtet sind die Folgen fatal. In den Städten entscheidet sich alles, letztlich sogar das Weltklima.

Es ist die größte Migrationsbewegung unserer Zeit, sagen Wissenschaftler. Und sie meinen nicht etwa die Flucht Hunderttausender Menschen nach Europa. Die größte Migrationsbewegung findet vorrangig innerhalb von Staatsgrenzen statt. Sie hat mit ausgeprägten Umzugstendenzen tun: "Mehr als 2 bis 3 Milliarden Menschen werden innerhalb weniger Jahrzehnte weltweit vom Land in die Städte drängen", heißt es in einem Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen, WBGU.

"Das Wachstum der Städte ist so ungeheuer, dass es dringend in neue Bahnen geleitet werden muss", sagt Dirk Messner, WBGU-Ko-Vorsitzender und Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik. Schon heute leben dem Gutachten zufolge mehr als 850 Millionen Menschen in unzumutbaren Wohnverhältnissen. Bis 2050 könnte sich die Zahl um 1 bis 2 Milliarden erhöhen, die Einwohnerzahl der globalen Slums verdoppeln. Besonders stark sei der Urbanisierungsdruck in Asien und Afrika.

Bauen ohne Zement und Stahl

Selbst wohlhabenden Staaten falle es dort schwer, den raschen Zuzug in die Städte zu bewältigen. "Eine Stadt wie Hongkong in ihrer extremen Verdichtung ist nur lebensfähig, weil sie Erdöl, Metalle, Lebensmittel aus dem Umland und der ganzen Welt aufsaugt", sagt Hans Joachim Schellnhuber, ebenfalls WBGU-Ko-Vorsitzender und Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Rückstände wie Müll, Schmutzwasser und Abgase stoße eine Stadt wie Hongkong dann ins Umland aus.

Damit ist neben den Elendsquartieren ein weiterer Grund genannt, warum sich Städte verändern müssen: für den Klimaschutz. "In den Städten entscheidet sich, ob wir die Klimavereinbarung von Paris einhalten können", ist Messner überzeugt. Er berichtet, dass China allein in der Zeit von 2008 bis 2010 mehr Zement verbaut habe als die USA seit Beginn der Industrialisierung. Die energieaufwändige Herstellung dieses Baumaterials könnte bis 2050 so viele Treibhausgase freisetzen, dass damit das weltweite Emissionsbudget unter dem 1,5-Grad-Ziel beinahe aufgebraucht wäre. "Wollen wir die Klimaziele erreichen, dürfen die Materialien beim Bau der Städte nicht die gleichen sein wie in den letzten 30 bis 40 Jahren", sagt Schellnhuber.

Die Ärmsten sollten Entwicklung vorgeben

Das Gutachten der WBGU empfiehlt daher, mit Holz, Lehm oder auch Carbonfasern zu bauen. Außerdem müssten alle fossilen CO2-Emissionsquellen in den Städten bis 2070 durch Alternativen ersetzt werden. Der öffentliche Nahverkehr sollte massiv ausgebaut werden, der Energieverbrauch durch dezentrale Solaranlagen gesenkt werden. Nicht nur für Müll wie etwa Elektroschrott, sondern auch für Gebäude sollte ein Recycling eingerichtet werden – um sie klima- und ressourcenschonend zurückbauen zu können.

Das ist nur ein Teil der Visionen, die die Wissenschaftler für die Stadt der Zukunft skizzieren. Um das Wachstum von Slums zu vermeiden, raten sie zu einem "fundamentalen Perspektivwechsel der urbanen Agenda": Besonders die Lebensbedingungen der Ärmsten müssten in den Mittelpunkt der Stadtentwicklung rücken. Der Städtebau der kommenden Jahrzehnte sollte sich an den Bedürfnissen der 30 bis 40 Prozent Einkommensschwächsten orientieren.

Das Ruhrgebiet als Vorbild

Dazu gehört auch, dem Trend zu Mega-Metropolen entgegenzuwirken und stattdessen eine "polyzentrische Siedlungsstruktur" zu etablieren – etwa nach dem Vorbild des Ruhrgebietes. Dort liegen viele mittelgroße Städte dicht beieinander und bilden ein Ballungsgebiet, doch eine jede Stadt hat ihren eigenen Charakter und organisiert sich selbst. Der ländliche Raum zwischen den Städten ist weitgehend verschwunden. "Die Grenze zwischen Stadt und Land wird vielleicht so nicht mehr existieren", sagt Schellnhuber, als er die Polyzentrik erläutert. "Das muss aber nichts Negatives sein. Die Frage ist, wie es gestaltet wird."

Wichtig sei, dass sich die Menschen, die in die Städte drängen, eingebunden fühlen in soziale Kontexte. Menschen drängten dorthin, meint Schellnhuber, wo sie Anschluss finden an Netzwerke. Und die meisten glaubten, in großen Städten bessere Arbeitsbedingungen zu finden. Doch das sei oft ein Mythos. Die Absicht müsse sein – um ein Beispiel für Deutschland zu nennen –, dass nicht etwa vornehmlich Berlin Menschen anlockt, sondern dass klar ist, dass man auch in Cottbus und Dessau ein großartiges Leben führen kann. Kultur und Bildung kämen dabei Schlüsselrollen zu. Sie seien wichtig, um mittelgroße Städte zu stärken.

Neben dem Klimaschutz gilt es vor allem, Städte menschenfreundlich zu gestalten. Und so fasst Schellnhuber zusammen: "Mittelstädte müssen Zentren sein, in denen Stadt Spaß macht." Und das weltweit.

Quelle: n-tv.de

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