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Alternative zu Tierversuchen Diese Rolle spielen Embryos für Impfstoffe

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Auch der Impfstoff von Johnson & Johnson nutzt eine Zelllinie, die vor Jahrzehnten angelegt wurde.

(Foto: imago images/MiS)

Seit Beginn der Corona-Impfungen machen Impfgegner gegen die Spritze mobil. Einige behaupten sogar, Embryos seien extra für die Vakzinentwicklung abgetrieben worden. Stimmt nicht. Wenngleich Vektorimpfstoffe sogenannte Zelllinien abgetriebener Föten nutzen.

Immer mehr Unternehmen in den USA führen eine Corona-Impfpflicht für ihre Beschäftigten ein. Auch Krankenhäuser, Universitäten und Schulen wollen auf Nummer sicher gehen. Wer sich weigert, muss in den unbezahlten Urlaub oder wird sogar arbeitslos. Nur medizinische oder religiöse Gründe befreien von der Pflicht. Zum Teil sehr abenteuerliche. Beispielsweise verweisen einige Impfgegner darauf, dass in den Impfstoffen Zellkulturen abgetriebener Föten enthalten seien.

"Vektorimpfstoffe werden mit Zelllinien hergestellt, aber im Impfstoff selbst ist kein Zellmaterial enthalten", stellt Katja Schenke-Layland im ntv-Podcast "Wieder was gelernt" klar. Sie ist Direktorin des Naturwissenschaftlichen und Medizinischen Instituts der Universität Tübingen und versichert, dass für die Impfstoffentwicklung keine Föten abgetrieben werden. "Das ist zu 100 Prozent Aluhut und abwegig", bestätigt auch Virologe Alexander Kekulé gegenüber ntv.

"Dafür wird natürlich kein Fötus abgetrieben"

Aber die Vakzine von Astrazeneca und Johnson & Johnson basieren auf sogenannten Zelllinien, die vor mehreren Jahrzehnten angelegt wurden und seitdem kontinuierlich vermehrt werden. Bei Astrazeneca ist es Zelllinie 293 HEK aus dem Jahr 1973. Diese basiert auf embryonalen Nierenzellen. Das Mittel von Johnson & Johnson nutzt die Zelllinie PER-C6. Die geht auf Netzhautgewebe eines abgetriebenen Embryos aus dem Jahr 1985 zurück. Das ist seit Jahren zwar seltene, aber gängige Praxis in der Medizin, bestätigt Kekulé: "Es gibt im Großen und Ganzen zwei verschiedene Sorten von Zelllinien. Die einen kommen aus Tumoren, das sind quasi Krebstumore. Die wachsen unendlich, wenn man sie in die Zellkultur bringt. Mit solchen Zellen wird das meiste gemacht."

Krebszellen unterscheiden sich jedoch an vielen Stellen von normalen Zellen. Deshalb werden für bestimmte Experimente Zellen genutzt, die aus Föten stammen. "Entweder tierische Föten oder ganz selten auch menschliche Föten. Die haben wie Krebszellen die Eigenschaft, dass sie sehr lange in der Zellkultur weiter wachsen, sodass man damit Tests machen kann", erklärt Kekulé. Dieser Vorgang sei seit Jahrzehnten Realität in der Medikamenten-Entwicklung. "Dafür wird natürlich kein Fötus abgetrieben, das ist ganz klar."

Zelllinien aus den Niederlanden

Die Zelllinien der Vektorimpfstoffe stammen aus den Niederlanden. Auch heute werden in seltenen Fällen menschliche Zellen für die Medizinentwicklung entnommen. Ob bei Abtreibungen oder Operationen in Kliniken. Man müsse einen Antrag bei einer Ethikkommission stellen, sagt Schenke-Layland. Werde der genehmigt, dürfe man Zellen entnehmen und daraus Zelllinien erstellen, die dann viele Jahre verwendet werden können.

Das hat den Vorteil, dass man nicht immer aufs Neue Zellen entnehmen muss, wenn man ein Medikament oder einen Impfstoff entwickelt. Man kann stattdessen auf eine stabile Zelle zurückgreifen. Je älter eine Zelle ist, desto geringer ist ihr Potenzial, sich zu vermehren. Deshalb werde die stabile Zelle genetisch verändert. "Je jünger eine Zelle ist, desto besser können sich diese Zellen vermehren. Und um diese langfristig verwendbar zu machen, werden sie genetisch verändert. Das nennt man immortalisieren, also praktisch unsterblich machen", erklärt Schenke-Layland im Podcast.

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Zellgewebe von Erwachsenen wird dagegen nur selten verwendet. Wenn, dann Haut, die nach Operationen anfällt. Von dieser Haut könne man dann unterschiedliche Hautzellen isolieren und im Labor menschliche Haut züchten, sagt die Expertin. Diese Technik stecke noch in den Kinderschuhen. Sie sei aber eine gute Alternative zum Tierversuch, betont die Institutsleiterin.

Vor allem bei der Impfstoffproduktion sei es durchaus möglich, auf tierische Zellen zurückzugreifen. "Aber die kommen aus einem anderen Organismus, können auch Verunreinigungen haben. Manchmal gibt es auch allergische Reaktionen. Und natürlich versucht man auch aus ethischen Gründen, wo es möglich ist, von Tierversuchen wegzukommen, wenn es eine Alternative gibt. Und eine Zelllinie ist definitiv eine Alternative", sagt Schenke-Layland.

Alternative zum Tierversuch

Vektorimpfstoffe wie diejenigen von Astrazeneca oder Johnson & Johnson nutzen Trägerviren, um das Vakzin in die Zellen seiner Wirte zu transportierten. Im Fall von Astrazeneca handelt es sich um eine abgeschwächte Version eines Erkältungsvirus von Schimpansen. Bei Johnson & Johnson ist es ein menschliches Schnupfenvirus, das ebenfalls unschädlich gemacht worden ist. Damit sich diese abgeschwächten Trägerviren vermehren, kommen lebende menschliche Zellen zum Einsatz. Bei den beiden Corona-Impfstoffen stammen die Zelllinien aus den Niederlanden.

Anders läuft es bei den mRNA-Impfstoffen von Biontech und Moderna, die "nicht in der Zellkultur generiert" werden, wie Alexander Kekulé erklärt. "Die werden künstlich mit einem Roboter, wenn sie so wollen, hergestellt. Zusammengesetzt aus den einzelnen Bausteinen. Das ist ein Grund, warum man das so effektiv machen kann. Und man braucht keine Anzucht in der Zellkultur dafür."

Vektorimpfstoffe "ethisch nicht bedenklich"

Dass Embryonalzellen für die Entwicklung von Impfstoffen eingesetzt werden, stört vor allem strenggläubige Christen. Die katholische Kirche lehnt Abtreibungen ab. Der Gebrauch von Vektorimpfstoffen dürfe zwar "in keiner Weise eine moralische Billigung der Benutzung von Zelllinien, die von abgetriebenen Föten stammen, bedeuten", teilte der Vatikan Ende vorigen Jahres mit. Gläubige könnten sich Vektorimpfstoffe dennoch "mit sicherem Gewissen" verabreichen lassen, weil "die Inanspruchnahme dieser Impfungen keine formale Mitwirkung an der Abtreibung" bedeute. Katja Schenke-Layland fordert "faktenbasierte Entscheidungen". Die Vektorimpfstoffe von Astrazeneca und Johnson & Johnson seien "ethisch nicht bedenklich".

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Für die Impfstoffentwicklung ist noch niemals ein Fötus abgetrieben worden. Die Embryonalzellen stammen aus dem Gewebe von Embryos, die vor Jahrzehnten aus natürlichen Gründen abgetrieben wurden. Diese Zellen werden seit Jahrzehnten vervielfältigt. Längst ein normaler Vorgang in der Medizin, eine Alternative zum Tierversuch.

Quelle: ntv.de

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