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Früh erschüttertes Vertrauen Studie findet mögliche Ursache für Impfweigerung

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Kindliche Traumata haben sehr komplexe gesundheitliche Auswirkungen.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa/Symbolbild)

Dass bei der Entscheidung für die Corona-Impfung Vertrauen eine Rolle spielt, ist nicht neu. Britische Forschende können nun zeigen, dass dieses Vertrauen bei vielen impfzögerlichen Menschen nicht erst in der Corona-Krise verloren gegangen ist.

Für viele Menschen, die sich ganz selbstverständlich gegen das Coronavirus impfen lassen, ist eine Verweigerung der Impfung unverständlich. Britische Forscherinnen und Forscher sind nun der Frage nachgegangen, ob sich konkrete Ursachen für eine Impfverweigerung finden lassen.

Untersuchungen haben bereits gezeigt, dass bei der Impfentscheidung Vertrauen eine wichtige Rolle spielt. Dabei geht es sowohl um das Vertrauen in den Impfstoff, als auch das in staatliche Institutionen, die die Impfung empfehlen. Einige Studien deuten zudem darauf hin, dass Misshandlungen in der Kindheit im späteren Leben die Fähigkeit zu vertrauen, beeinträchtigen können. Das betrifft nicht nur persönliche Beziehungen, sondern vermutlich auch das Gesundheitswesen und andere öffentliche Dienste. Ein Team um Mark Bellis, Professor für Public Health an der Bangor University, hat diese Annahme für die Corona-Impfungen und -Maßnahmen in Großbritannien überprüft.

In einer landesweit repräsentativen Umfrage befragte das Forscherteam telefonisch mehr als 2200 Erwachsene, die zwischen Dezember 2020 und März 2021 in Wales lebten. In dieser Zeit herrschte in Wales Lockdown. Zunächst wurden die Angerufenen nach kindlichen Erfahrungen wie sexueller, körperlicher oder seelischer Gewalt, Drogenkonsum, Scheidung oder Gefängnisaufenthalte der Eltern befragt. In einem zweiten Fragenkomplex konnten die Befragten dann auf einer Skala angeben, wie groß ihr Vertrauen in die Pandemiemaßnahmen und in die vom staatlichen Gesundheitssystem NHS gegebenen Informationen ist und ob sie sich impfen lassen werden.

Die Forschenden kommen zu dem Ergebnis, dass Menschen, die in ihrer Kindheit mindestens vier Arten von Traumata erlebt haben, dreimal so häufig zögern, sich impfen zu lassen, als jene ohne Trauma-Erfahrungen. Die Ergebnisse wurden in BMJ Open publiziert. Gut die Hälfte (52 Prozent) der Befragten gab an, dass sie kein Kindheitstrauma erlebt hatten. Etwa jeder Fünfte hatte eine Art von Trauma erlebt, etwa jeder Sechste hatte laut eigenen Aussagen zwei bis drei verschiedene Arten von Traumata erlebt, und jeder zehnte Befragte berichtete von vier oder mehr Traumata.

Je mehr Traumata, umso größeres Impfzögern

Je höher die Zahl der erlittenen Traumata, desto höher war auch die Zahl der Impfgegner. Unter denjenigen, die angaben, keine Kindheitstraumata erlebt zu haben, zögerten knapp fünf Prozent, sich impfen zu lassen. Unter jenen, mit einer Art von Traumata, waren es gute sieben Prozent, bei zwei bis drei Arten von Traumata gute zehn Prozent. Jene, die angaben, vier oder gar mehr Arten von Traumata in ihrer Kindheit erlebt zu haben, äußerten sich in 19,15 Prozent der Fälle skeptisch gegenüber Impfungen.

Einen Zusammenhang entdeckten die Forschenden auch zwischen einer zunehmenden Anzahl von Kindheitstraumata und einem geringen Vertrauen in die NHS-Corona-Informationen, dem Gefühl, dass die staatlichen Be­schrän­kungen unfair sind, dass man sich diesen gelegentlich widersetze und dem Wunsch nach einer Abschaffung der Maskenpflicht. Wer sich gegen eine obligatorische Gesichtsbe­deckung aussprach, gab in der Telefonumfrage auch viermal häufiger an, mindestens vier Arten von Kind­heits­traumata erlebt zu haben.

42,11 Prozent der Befragten, die ein geringes Vertrauen in die Corona-Informationen des NHS hatten, zögerten auch, sich impfen zu lassen. Unter den Impfbefürwortern misstrauten nur knapp sechs Prozent den NHS-Informationen. Die Befragten mit wenig Vertrauen in die vom NHS kommenden Informationen missachteten zudem häufiger die verhängten Corona-Maßnahmen. Besonders deutlich war dies bei jüngeren, männlichen Befragten, die keine Vorgeschichte mit Langzeiterkrankungen hatten.

Weiteres Gesundheitsrisiko

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Die Forschenden schreiben in ihrer Studie, dass ihre Ergebnisse darauf hindeuten, dass die Einbeziehung kindlicher Traumata ein wichtiger Ansatz sein könnte, "wenn es darum geht, die Einhaltung von Beschränkungen der Infektionskontrolle in Betracht zu ziehen und die Inanspruchnahme medizinischer Interventionen wie der Covid-19-Impfung zu verbessern". Sie schlagen vor, für Impfungen alternative Räume und Umgebungen anzustreben, um Erinnerungen an frühere, negative Erfahrungen zu vermeiden. Personen mit Kindheitstraumata "benötigen möglicherweise auch andere Kanäle für die Bereitstellung von Informationen, um dem geringeren Vertrauen in öffentliche Dienste Rechnung zu tragen". In die Informationsvermittlung und Impfung könnten zudem Trauma-Experten eingebunden werden.

In vielen Ländern liege der Anteil der Menschen mit Trauma-Erfahrungen in der Kindheit bei etwa zehn Prozent. "Es ist bereits bekannt, dass solche Personen im Laufe ihres Lebens größeren Gesundheitsrisiken ausgesetzt sind." Wenn man nicht überlege, wie solche Personen am besten eingebunden werden können, bestehe für einige die Gefahr, dass sie von Gesundheitsmaßnahmen ausgeschlossen werden, "einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt bleiben und ein potenzielles Übertragungsrisiko für andere darstellen", schreiben Bellis und sein Team.

Quelle: ntv.de, sba

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