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Berliner Website sucht Nachahmer So gießt man hitzegeplagte Bäume selbst

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Dass Bäume zu wenig Wasser bekommen, erkennt man unter anderem daran, dass die Krone immer lichter wird - wie an diesem Kugelahorn am Berliner Gendarmenmarkt.

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Nicht nur vielen Menschen ist es derzeit in Deutschland zu heiß, auch viele vor allem jüngere Bäume leiden. Gießen kann ihnen helfen. Eine Berliner Website bietet Hilfe dabei und soll Vorbild für andere Städte und Regionen werden.

Tagelang liegen die Temperaturen vielerorts in Deutschland über 30 Grad - und während sich die Menschen an Badeseen tummeln, sich vor Ventilatoren einfinden oder die Füße ins Planschbecken der Kinder gleiten lassen, haben es andere Leidensgenossen schwerer, Abkühlung zu finden: die Bäume. Sie leiden nicht nur unter der akuten Hitze, sondern besonders unter langen Phasen ohne ausreichend Niederschlag. Seit drei Jahren währt nun schon die Trockenheit, wie Christian Hönig vom BUND Berlin gegenüber ntv.de sagt. "Das hat sich zu einem Jahresniederschlag summiert, der mittlerweile fehlt", so der Förster im Dienste der Naturschutzorganisation. Auch Bäume mit tief gehenden Wurzeln fänden oft nicht mehr genug Wasser - ein grundsätzliches Problem, das in weiten Teilen Deutschlands ähnlich auftritt.

Vielen Menschen kommt da nicht nur in Berlin die Idee, selbst Hand anzulegen, sich die Gießkanne oder den Putzeimer zu schnappen und dem blättrigen Nachbarn Abkühlung zu verschaffen - was Hönig ausdrücklich gutheißt und begrüßt. Hilfe bekommen mögliche Gießer in Berlin durch das Projekt "Gieß den Kiez". 1855 Nutzer haben sich bei dem Projekt angemeldet, wie Frauke Nippel von der Berliner Technologiestiftung im Gespräch mit ntv.de erzählt. Da man die Webseite aber auch ohne Anmeldung nutzen kann, dürften es noch einige mehr sein. Auf das Projekt ist sie stolz - es entstand vom Berliner Senat gefördert im sogenannten Citylab aus dem Wunsch heraus, frei verfügbare Daten, in diesem Fall aus dem Baumkataster, für die Bürger aufzubereiten und nutzbar zu machen.

Auf einer interaktiven Karte sind alle Straßenbäume erfasst, die sich anklicken lassen und so Informationen preisgeben - etwa, wie alt der Baum ist, wie hoch der Wasserbedarf und um welche Art es sich handelt. So erfährt man etwa, dass die Kastanie am Ende der Straße schon 62 Jahre alt ist und vielleicht sogar bereits gegossen wurde. Denn genau das können gießwillige Berliner dort angeben - außerdem können sie sich in einem Kanal auf der von vielen Unternehmen genutzten Kommunikationsapp Slack austauschen oder auch verabreden. 600.000 Liter Wasser wurden so seit dem Start im Mai 2020 der Seite schon gemeldet.

Lieber selten viel gießen

Aber wie gieße ich denn nun einen Baum? Christian Hönig vom BUND empfiehlt, einmal die Woche 80 bis 100 Liter, also acht bis zehn handelsübliche Putzeimer Wasser an einen Stadtbaum zu kippen. Faustregel: Lieber selten gießen, dafür aber viel, als oft und wenig. Denn bei zu wenig Wasser wird immer nur die Oberfläche des Erdreichs nass. Wenn man das zu oft macht, fördert man Pilzbefall. Wer einen Gartenschlauch hat, soll ihn so lange laufen lassen, bis die Erde um den Baum richtig durchtränkt ist und kein Wasser mehr aufnimmt. Wer nicht ganz so viel schleppen wolle, könne notfalls auch zweimal die Woche fünf Eimer geben, so Hönig.

Der Förster betont, wie nötig viele Bäume die zusätzliche Wässerung haben. "Auch wenn man subjektiv das Gefühl haben mag, dass es doch recht häufig geregnet hat, so fehlten dabei aber die langanhaltenden Güsse, die das Erdreich richtig durchfeuchten." Einmal die Woche möglichst so viel Wasser zu geben, bis der Boden nichts mehr aufnimmt, sei wichtig, damit das Wasser auch die Wurzeln erreicht und nicht nur an der Oberfläche verbleibt. Besonders nötig hätten jüngere, bis zu zehn Jahre alte Bäume eine Bewässerung, weil ihre Wurzeln noch nicht so tief in den Boden reichten.

Dass die Trockenheit den Bäumen zusetzt, schlägt sich laut Hönig auch in den Zahlen der Fällungen nieder. Seit die Niederschläge ausbleiben, würden etwa 6000 der 431.000 Berliner Stadtbäume pro Jahr gefällt - etwa 30 Prozent mehr als in früheren Jahren. Zwar führen immer mehrere Faktoren zum Tod eines Baumes, doch liegt es nahe, dass die Hitze dabei eine Rolle spielt.

Software für alle verfügbar

Immerhin: Berlins vorherrschender Stadtbaum, die Linde, komme bislang noch recht gut durch die Hitze. Auch die Birke komme mit großer Trockenheit grundsätzlich besser zurecht als andere Arten - allerdings nur, wenn sie dieser seit dem Aufkeimen ausgesetzt ist. Tatsächlich haben es viele Birken aktuell schwer, so Hönig. Besonders litten zurzeit Rotbuchen und auch manche Ahornarten. "Die Bäume können sich zwar auf die Hitze einstellen", sagt der Experte. "Doch der Klimawandel geht zu schnell, da kommen viele Arten nicht mit." Außerdem schwäche die Hitze die Bäume und mache sie damit anfälliger für Schädlinge, die sich in der Hitze wiederum besonders stark vermehrten.

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Auch Förster Hönig empfiehlt die Website "Gieß den Kiez". "Man kann sich auch in einer Gießgruppe zusammenfinden, dann geht es leichter", sagt er. "Und anschließend trinkt man dann noch ein Bierchen." Das wäre wohl auch im Sinne der Technologiestiftung Berlin.

Frauke Nippel hofft, dass das Projekt bundesweit Nachahmer findet - einen gibt es auch schon: Mit "Leipzig gießt" ist eine weitere Großstadt dem Berliner Beispiel gefolgt. Doch, so Nippel, könnten andere Städte und Regionen ohne großen Aufwand mitmachen, da die eigens programmierte Software frei verfügbar ("open source") sei. Sie fände es toll, wenn man durch solche Websites mehr über die Umgebung erfährt und einfach mitmachen könne. "Das ist doch die Gesellschaft, die wir wollen."

Quelle: ntv.de

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