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Chemikalien, Pestizide, Algen? Was wir über die Ursachen des Fischsterbens wissen

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Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vermuten, dass giftige Algen die Fische und andere Flussbewohner haben ersticken lassen.

(Foto: IMAGO/Christian Thiel)

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Noch immer rätseln Forschungsteams und Behörden, was das massenhafte Fischsterben in der Oder ausgelöst hat. Inzwischen gibt es mehrere Theorien zu der Umweltkatastrophe. ntv.de stellt sie vor.

Es ist die größte Umweltkatastrophe in Brandenburg seit Jahrzehnten: In der Oder verenden seit mehr als einer Woche massenhaft Fische. Bis zum Wochenende wurden rund 200 Tonnen tote Fische an die Ufer gespült. Das Massensterben begann flussaufwärts im polnischen Odergebiet und breitete sich dann flussabwärts aus. Doch wer oder was ist dafür verantwortlich? Mittlerweile gibt es verschiedene Erklärungen zum Sterben der vielen Fische. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehen davon aus, dass bei der Oder-Katastrophe mehrere schädliche Faktoren zusammengekommen sind.

In ersten Wasserproben waren im Labor eine außergewöhnlich hohe Konzentration verschiedener Salze, zu hohe pH-Werte und ungewöhnlich hohe Sauerstoffwerte festgestellt worden. Spekuliert wird daher, dass Chemieabfälle verantwortlich für die organische Verschmutzung in der Oder seien könnten. "Es ist wahrscheinlich, dass eine riesige Menge an chemischen Abfällen in den Fluss gekippt wurde, und das in voller Kenntnis der Risiken und Folgen", sagte Polens Regierungschef Mateusz Morawiecki am Freitag. Ermittlungen wegen eines Umweltverbrechens laufen bereits. Die polnische Polizei hatte bis vergangenen Mittwoch mehr als 220 Zeugen vernommen. Schuldige wurden bislang nicht gefunden.

Das Landeslabor Berlin-Brandenburg wies zuletzt zudem überhöhte Pestizid-Werte nach. In Proben von der Messstelle Frankfurt Oder seien in der Zeit vom 7. bis 9. August hohe Konzentrationen eines Pestizids mit dem Wirkstoff 2,4-Dichlorphenoxyessigsäure gefunden worden, teilte das Brandenburger Umweltministerium mit. Es sei aber davon auszugehen, dass die nachgewiesene Dosis nicht unmittelbar tödlich für Fische gewesen sei. Der Wirkstoff wird etwa zur Bekämpfung von Unkraut eingesetzt.

Nicht allein die Alge ist schuld

Nun gibt es eine neue Spur zur möglichen Ursache des Todes von Fischen und anderen Wassertieren: Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) wiesen in Wasserproben die Massenvermehrung der giftigen Algenart Prymnesium parvum nach. Auch Satellitenbilder zeigten eine ungewöhnlich hohe Konzentration im Fluss. Das Massenwachstum der Algen könnte laut den Forschenden die deutlich erhöhten Messwerte bei Sauerstoff, pH und Chlorophyll erklären.

Die Wirkung der Prymnesium-Toxine ist insbesondere für Kiemenatmer wie Fische, für Weichtiere wie Muscheln und auch für Amphibien verheerend, da das Algengift unter anderem die Schleimhäute und feinen Blutgefäße angreifen und zersetzen kann. "Wir möchten unterstreichen, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt nur die Massenentwicklung einer potenziell giftigen Alge beweisen können, die Art und Konzentration eventueller Toxine aber erst in einigen Tagen feststehen wird. Unsere bisherigen Beobachtungen an der Oder und auch der Zustand der Fische und Muscheln passen aber zu unserer Vermutung", sagt Jan Köhler vom IGB.

Auch Markus Weitere hält Prymnesium parvum als Auslöser der Katastrophe für möglich - hat aber noch Zweifel: "Wir brauchen Belege, dass die Alge tatsächlich Toxine produziert und dass ihr Vorkommen tatsächlich mit den Zeiten und Orten des Fischsterbens übereinstimmt", sagte der Leiter der Abteilung Fließgewässerökologie am Helmholtz-Zentrum allerdings im Gespräch mit ntv.de. Selbst wenn sich bestätigen sollte, dass das Massensterben an der Oder auf die giftige Alge zurückgeht, ist dies nach Angaben von Weitere und den IGB-Forschenden aber dennoch klar eine menschengemachte Katastrophe. Denn erst der hohe Salzgehalt und Wärme haben eine Massenvermehrung in der Oder ermöglicht. "Die Algenart kommt eigentlich ausschließlich im Brackwasser vor und benötigt erhöhte Salzgehalte, die es auf der betroffenen Oderstrecke natürlicherweise überhaupt nicht gibt", erklärt Köhler.

"Gewaltiger Eingriff in das Ökosystem"

Besonders günstige Bedingungen für eine Vermehrung herrschten in den Staustufen im oberen Teil der Oder: "Sollte in diesen Stauhaltungen aufgrund von industriellen Einleitungen stark salzhaltiges, warmes und nährstoffreiches Wasser längere Verweilzeiten gehabt haben, käme das einem Bioreaktor für die Zucht von Brackwasseralgen gleich", erklärt Köhler.

Neben einer möglichen Chemikalien-Einleitung spiele dabei auch das durch die Trockenheit bedingte Niedrigwasser eine Rolle: "Bei Niedrigwasser entsteht eine Aufkonzentrierung, denn schädliche Substanzen werden in viel geringerem Wasservolumen transportiert", so IGB-Forscher Tobias Goldhammer. "Kommen zur bestehenden Belastung dann zum Beispiel weitere Gefahren wie toxische Algenblüten oder chemische Verunreinigungen hinzu, kann das schnell ganze Ökosysteme in Gewässern vernichten."

Ein weiteres Problem für das Ökosystem sind die Ausbaumaßnahmen für die Binnenschifffahrt. Polen hatte trotz Dürre und Protesten auch von deutschen Behörden mit dem Ausbau begonnen. "Diese Arbeiten sind für sich schon ein gewaltiger Eingriff in das Ökosystem der Oder", sagt Christian Wolter vom IGB. "Die aktuell laufenden Baggerarbeiten wirbeln Sedimente, Nährstoffe und häufig präsente Altlasten wie zum Beispiel Quecksilber auf." Auch nach der Umwelt-Katastrophe will Polen am umstrittenen Ausbau weiter festhalten. "Wir sind entschlossen, die Schiffbarkeit der Oder zu verbessern", sagte Polens Vize-Außenminister Szymon Szynkowski vel Sek dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) am gestrigen Sonntag. "Das hat nicht nur ökonomische, sondern auch strategische Gründe. Transportwege sind in heutigen Zeiten ein sehr wichtiger Aspekt der Sicherheit."

Extremwetter und Nutzungsdruck

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Nach Ansicht der IGB-Forschenden zeigt das Massensterben an der Oder aber auch, wie wenig resilient die Flüsse inzwischen sind. Das müsse sich dringend ändern. "Im Zuge des Klimawandels nehmen Extremwetterlagen zu, zeitgleich steigt der menschliche Nutzungsdruck immer weiter", sagt Experte Wolter. "Wenn die aquatischen Ökosysteme dem standhalten sollen, dann müssen sie dafür widerstandsfähig genug sein - dies lässt sich nur über deutlich verbesserte Vielfalt der Gewässerstruktur und der Artengemeinschaften erreichen, aber nicht über rein technische Lösungen."

Als geeignete Maßnahmen sehen die Wissenschaftler unter anderem mehr natürlichen Wasserrückhalt in angrenzenden Auen und ein Wiederanschließen von Nebengewässern wie zum Beispiel Altarmen, damit die Tiere bessere Rückzugsmöglichkeiten bei Extrem- und Verschmutzungsereignissen fänden. So würde auch die Selbstreinigungskraft der Gewässer deutlich gestärkt. Dennoch sei klar, dass selbst solche Maßnahmen ein Extremereignis wie das derzeitige Fischsterben nicht verhindern können.

Quelle: ntv.de, hny

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