Wissen

Wie wird sich die Oder erholen? Invasive Arten könnten vom Fischsterben profitieren

imago0165184767h.jpg

Möglicherweise hat das Fischsterben die Oder für immer verändert.

(Foto: IMAGO/Winfried Mausolf)

Das massenhafte Fischsterben schockiert Menschen auf beiden Seiten der Oder. Wie kann es weitergehen mit dem Fluss? Erstmal brauche er Zeit, sagt Gewässerökologe Markus Weitere. Die Katastrophe werde die Fauna des Flusses aber möglicherweise stark verändern.

Für Markus Weitere sieht es an der Oder nach einem "kompletten Zurücksetzen der gesamten Fischfauna" aus. Der Leiter der Abteilung Fließgewässerökologie am Helmholtz-Zentrum beobachtet die Entwicklungen dort mit großer Sorge. Im Gespräch mit ntv.de betont er, das rätselhafte Fischsterben sei eine "außergewöhnliche Katastrophe".

Niedrigwasser und hohe Temperaturen führen immer wieder zum Tod von Tieren, die im Wasser leben. Weitere erinnert sich noch gut an die heißen Sommer 2018 und 2019. Auch damals starben Fische, vor allem in kleineren Gewässern. Dass aber in einem Fluss wie der Oder so großflächig Tiere verendeten, "das ist in dem Ausmaß schon sehr selten", betont der Gewässerökologe.

Nach seiner Einschätzung spielt sich an der Oder eine der größten Umweltkatastrophen seit Jahrzehnten ab. Und noch ist nicht einmal klar, was genau sie ausgelöst hat. Besonders dramatisch wäre als Ursache laut dem Forscher ein Giftstoff, der nicht ausgeschwemmt und abgebaut wird, sondern sich im Fluss ablagert und dort weiter wirkt. Denn: "Wenn das Gift einmal in der Umwelt ist, kriegen wir das nicht mehr raus." Das anfangs hinter dem Fischsterben in der Oder vermutete Quecksilber ist ein solches bleibendes Gift. Aber Weitere hält es nicht für den Verursacher der Katastrophe - zumindest nach aktuellem Kenntnisstand. Erste Laboruntersuchungen hatten in den verendeten Fischen keine erhöhten Quecksilberwerte feststellen können.

"Das Beste, was man machen kann, liegt oft in der Vergangenheit"

Ohnehin gehen viele Fachleute davon aus, dass mehrere Faktoren für das Fischsterben verantwortlich sind. Das gesamte Ökosystem des Flusses sei "gestresst", sagt Weitere. Das führt der Gewässerforscher unter anderem auf bauliche Eingriffe zurück: Zwar stehe die Oder mit ihren ausgedehnten Auen vergleichsweise gut da. Dennoch sei auch hier eine einst verzweigte Flusslandschaft zu einer Schifffahrtsstraße umgebaut worden. Dadurch werde Tieren der Weg in mögliche Rückzugsräume abgeschnitten, erklärt der Wissenschaftler.

Verdächtig findet Weitere auch die starke Algenbelastung in der Oder. Die könne das Ökosystem weiter destabilisieren: Denn Algen sorgen tagsüber für eine hohe Sauerstoffbelastung, nachts wird der Sauerstoff wieder abgebaut. Diese Schwankungen machten dem Fluss und seinen Bewohnern zu schaffen. Zudem beeinflusst die Algenproduktion auch den pH-Wert von Gewässern. Der Ökologe hält es für gut möglich, dass solche Faktoren in der Oder eine Rolle spielen. "Ich gehe aber nicht davon aus, dass sie alleine zu einem Fischsterben dieses Ausmaßes geführt haben." Die Grundbelastungen hätten der Katastrophe womöglich den Boden bereitet - ein Schadstoff konnte dann das Fass zum Überlaufen bringen.

Aktuell wird eine potenziell giftige Alge mit dem Namen Prymnesium parvum als Auslöser der Katastrophe gehandelt. Sie soll sich rasant in der Oder verbreitet haben. Weitere hält diese Erklärung für möglich, hat aber noch Zweifel: "Wir brauchen Belege, dass die Alge tatsächlich Toxine produziert und dass ihr Vorkommen tatsächlich mit den Zeiten und Orten des Fischsterbens übereinstimmt." Allerdings: Auch das rasante Wachstum der Alge stellt für Weitere keine natürliche Ursache dar. Denn die Pflanze kommt nur im Brackwasser vor und ist auf hohe Salzkonzentrationen und Nährstoffeintrag angewiesen. Und tatsächlich wurde in den vergangenen Wochen eine ungewöhnlich starke Salzbelastung der Oder festgestellt.

"Wir werden relativ schnell wieder Fische in der Oder sehen"

Egal welcher Schadstoff verantwortlich ist: "Wir können die Oder nicht komplett reinigen", sagt Weitere: "Wir müssen hoffen, dass sich das Gift in der Ostsee verdünnt oder im Ökosystem abgebaut werden kann." Wie schnell der Fluss sich erholt, hänge ohnehin nicht alleine von der Art der Vergiftung ab. Für die Wiederbesiedlung der Oder ist in den Augen des Forschers entscheidend, ob ihre natürlichen Rückzugsräume als solche funktionieren werden. Ob sich Fische und andere Wasserbewohner in Nebenarmen und Flussauen vor der Bedrohung verstecken konnten, die der Hauptstrom für sie zumindest eine Zeitlang bedeutete. Weitere ist da zumindest hoffnungsvoll: Besonders das untere Odertal biete Tieren Zuflucht.

Der Wissenschaftler untersucht, wie menschliches Leben Fließgewässer ganz allgemein belastet. Gerade angesichts der Katastrophe an der Oder aber hält er es für besonders dringend, deren Ökosystem so gut wie möglich zu schonen. Der angerichtete Schaden lässt sich in seinen Augen sich nur noch punktuell begrenzen, etwa, in dem Fischkadaver entfernt werden. Womöglich sei es hilfreich, Fischer und Angler eine Zeit lang einzuschränken. Aber: "Das Beste, was man machen kann, liegt oft in der Vergangenheit", sagt der Gewässerforscher: "Denn intakte Ökosysteme verkraften solche Katastrophen besser." Es gelte jetzt auf die natürliche Regeneration der Oder zu hoffen und diese, wo immer möglich zu fördern.

Es dürfte noch Jahre dauern, bis diese Erholungsphase in Gänze abgeschlossen ist: Falls sich denn Tiere in Nebenarmen verstecken konnten und im Hauptstrom weiter Futter finden, "werden wir relativ schnell wieder Fische in der Oder sehen", schätzt Weitere. Bis die Oder aber dem Gewässer gleicht, das sie vor der Katastrophe war, dürfte sehr viel Zeit ins Land gehen.

Wem nützt der ökologische Reset?

Doch selbst wenn die Oder in einigen Jahren wieder so lebendig ist wie vor dem Fischsterben des Sommers 2022 - das Leben im Fluss wird unter Umständen ein ganz anderes sein. Weitere versucht das mit dem Bild der sich verändernden Lebensgemeinschaft zu beschreiben: Er hält es für möglich, dass manche Fische in der Oder nicht mehr ihre Ursprungsbestände erreichen und damit anderen Platz machen. In den Augen des Wissenschaftlers könnten besonders in großen Gewässern wie der Oder invasive Arten von einem solchen Neuanfang profitieren, weil sie dort ohnehin bereits verbreitet sind. Das gelte neben den Fischen auch für wirbellose Wassertiere wie Würmer oder Schnecken.

Auch wenn man kurzfristig wenig für die Oder tun könne: Prinzipiell hält Weitere es für sehr sinnvoll, Flüsse fit zu halten für die nächste Belastung. "Die Widerstandsfähigkeit eines Ökosystems hängt von seinem Zustand ab", sagt der Gewässerökologe: "Da können wir viel tun." Anbindung an Auen, mehr geschützte Lebensräume für Tiere, weniger Nähr- und Schadstoffeintrag - es gibt durchaus Möglichkeiten, Stressfaktoren zu reduzieren, um die Erholung eines Flusses zu unterstützen. Das ist laut Weitere auch sinnvoll, um einer Dominanz invasiver Arten vorzubeugen, die sich besonders gerne in gestörten Lebensräumen festsetzen.

In der Schweiz hat das funktioniert. Dort wird nach einer Naturkatastrophe gegen Ende des letzten Jahrhunderts peinlich genau auf die Wasserqualität geachtet. Ein Brand im Werk des Chemiekonzerns Sandoz zog 1986 Löscharbeiten nach sich, bei denen mit dem Wasser tonnenweise Pestizide und Insektizide in den Rhein gelangten. Die Giftwelle hatte innerhalb einer Woche die deutsche Hauptstadt Bonn erreicht und tötete auf dem Weg massenweise Fische.

Der Sandoz-Schock habe zu besseren Überwachungsketten geführt, sagt Weitere. Am Rhein seien engmaschige Frühwarnsysteme installiert worden. Der Fluss hat sich erholt, mittlerweile schwimmen dort wieder Lachse - und in Basel lassen sich die Menschen im Sommer den Rhein entlang treiben. Der Professor seufzt: "An der Oder hat das internationale Frühwarnsystem leider noch nicht ganz so gut funktioniert."

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen