Wissen

Schutz von Risikogruppen Wegen Tübingen zu streiten ist unsinnig

Tübingen Massentest.jpg

Die Schnellteststation in Tübingen war nicht Boris Palmers Idee, sondern die der Notärztin Lisa Federle.

(Foto: picture alliance/dpa)

Statt nüchtern zu analysieren, welche Maßnahmen Tübingens zum Schutz von Seniorenheimen auf andere Regionen übertragbar sind und welche nicht, streitet man sich darüber, ob die Stadt alles richtig macht und alle anderen falsch liegen. Doch das ist weder angebracht noch zielführend.

Tübingen ist in die Schlagzeilen gekommen, weil es der Stadt gelingt, mit entschiedenen Maßnahmen seine Pflege- und Seniorenheime zu schützen. Das ist eigentlich erfreulich und man könnte erwarten, dass andere Gemeinden oder auch Bundesländer sich genau anschauen, was die schwäbische Stadt richtig macht, um sich eventuell ein Beispiel an ihr zu nehmen. Das tun wahrscheinlich auch viele. Aber der Erfolg Tübingens facht auch einen eigenartigen Richtungsstreit weiter an, in dem es weniger darum zu gehen scheint, wie man am besten durch die Pandemie kommt, statt darum, wer recht hat. Das ist unsinnig, denn niemand kann genau wissen, was aktuell richtig oder möglich ist. Und ein Entweder-oder ist ohnehin fehl am Platz.

Palmer.jpg

Tübingens OB Boris Palmer.

(Foto: picture alliance/dpa)

Ein Grund für die irrationale Diskussion über Tübingen ist ihr Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne), der sogar in der eigenen Partei ein Reizthema ist, weil er von sich selbst sehr überzeugt ist und in seiner Karriere schon in einige Fettnäpfchen getreten ist. Unter anderem hat er ein Problem mit der Hauptstadt, in der er sich unwohl fühlt, weil er "mit dieser Mischung aus Kriminalität, Drogenhandel und bitterer Armut auf der Straße als spießbürgerliche baden-württembergische Grünen-Pflanze" nicht klarkommt.

Tübingen kriegt es tatsächlich hin

Und so einer kommt daher und erklärt dem Rest von Deutschland, wie simpel es doch eigentlich sei, Risikogruppen zu schützen, wenn man es nur wolle. Aber zumindest für sein beschauliches und ordentliches Tübingen stimmt das auch. Schon seit September wird dort das Personal in der stationären und mobilen Altenpflege regelmäßig getestet. Zweimal pro Woche wird ein PCR-Test durchgeführt, alle drei oder sieben Tage gibt's einen Schnelltest, der auch Heimbesuchern zur Verfügung steht. Bisher ist dies für Gäste freiwillig, Palmer prüft aber eine Testpflicht.

Senioren können für wichtige Besorgungen oder einen Arztbesuch ein Taxi zum Preis eines Bustickets nehmen, um nicht auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen zu sein. Außerdem sollen jüngere Tübinger den älteren Bewohnern die Einkaufszeit zwischen 9:30 und 11 Uhr überlassen. Und schließlich verteilt die Stadt kostenlose FFP2-Masken an Über-65-Jährige.

*Datenschutz

Ob die Strategie alleine auf Palmers Mist gewachsen ist, darf bezweifelt werden. Tübingens Landrat Joachim Walter (CDU) sagte der "FAZ", der Landkreis habe bereits im April in Heimen systematisch Corona-Tests durchgeführt. Außerdem sei dies eine Idee der Tübinger Notärztin Lisa Federle gewesen. Sie habe sich nicht nur für symptomunabhängige Tests in Pflegeheimen eingesetzt, sondern fahre auch mit einem Testmobil durch die Stadt und habe vor wenigen Wochen Schnell-Tests für Pflegeheime gekauft, als die Landesregierung den Handlungsbedarf noch gar nicht erkannt habe, so die "FAZ".

Federle hat auch die Schnellteststation auf dem Tübinger Rathausplatz initiiert, die mit Test-Aktionen am 23. und 24. Dezember Weihnachtsbesuche bei älteren Menschen sicherer machen soll. Das Gleiche soll in 25 weiteren baden-württembergischen Städten passieren.

Höchste Inzidenz bei Über-80-Jährigen

So oder so ist es absolut richtig, Pflege- und Seniorenheim besonders zu schützen. Denn 85 Prozent der Covid-19-Opfer in Deutschland sind älter als 69 Jahre, im Mittel 82 Jahre. Eine RKI-Auswertung der ersten Corona-Welle ergab, dass fast jeder zweite Fall unter den ab 80-Jährigen hospitalisiert wurde und jeder dritte Covid-19-Patient dieser Altersgruppen der Krankheit erlag.

Dem RKI-Lagebericht vom 9. Dezember nach hat der Teil-Lockdown zu keinem Zeitpunkt dazu geführt, dass bei den alten Menschen die Inzidenzen gesunken wären. Sie sind im Gegenteil weiter gestiegen und in keiner anderen Altersgruppe gibt es pro Woche und 100.000 Einwohner so viele Ansteckungen wie bei den Über-80-Jährigen. Und das RKI gibt auch an, dass es besonders viele Infektionen und Covid-19-Tote in Pflegeeinrichtungen gibt.

Offensichtlich werden Pflege- und Seniorenheime deutschlandweit immer noch nicht effektiv geschützt. Täglich werden neue Ausbrüche und Todesfälle in solchen Einrichtungen gemeldet. Schlimm sieht es beispielsweise in Berlin aus. Von Mitte November bis Anfang Dezember verdoppelten sich dort laut RBB seit Mitte November die Neuinfektionen bei Pflegeheimbewohnern der Hauptstadt. Zuletzt wurden diesen Mittwoch in Berlin-Friedrichshain in einem Seniorenheim 55 Bewohner und 13 Mitarbeiter positiv getestet. Im Bezirk Prenzlauer Berg gab es nach einem Ausbruch in einem Stift bisher einen Todesfall.

Nach wie vor zu viele Ausbrüche in Pflegeheimen

Aber auch andernorts in Deutschland wütet das Coronavirus weiter besonders in Pflegeeinrichtungen. Im bayerischen Landkreis Traunstein starben nach einem Ausbruch in einem Heim sechs Bewohner. Laut "Passauer Neue Presse" sind dort zuletzt in zwei weiteren Einrichtungen 36 Bewohner und 20 Mitarbeiter positiv getestet worden. In Neckargemünd brach das Coronavirus in einem Seniorenheim am 20. November aus, seitdem sind der "Rhein-Neckar-Zeitung" zufolge von 90 infizierten Bewohnern 13 gestorben. Die "Hessenschau" berichtete, in Hessen stammten rund drei Viertel der Corona-Toten aus Pflegeeinrichtungen.

Eigentlich liegt die neue Test-Strategie der Bundesregierung schon seit dem 15. Oktober vor. "Pflegeheime und Krankenhäuser können Antigen-Schnelltests großzügig nutzen, um Personal, Besucher sowie Patienten und Bewohner regelmäßig auf das Coronavirus zu testen", erklärt das Gesundheitsministerium. Aber offensichtlich klappt dies immer noch nicht richtig.

Ein Grund ist die Bürokratie. Denn Pflegeheime und andere Einrichtungen des Gesundheitswesens müssen laut Test-Verordnung dem zuständigen Gesundheitsamt ein Test-Konzept vorlegen. Bis zu monatlich 20 Tests pro Bewohner sind möglich. Die Beschaffung müssen die Einrichtungen allerdings selbst übernehmen. Und dann müssen sie laut ARD und "Süddeutsche Zeitung" auch oft lange auf eine Genehmigung warten.

Wer soll die Tests durchführen?

Ein wahrscheinlich noch größeres Problem ist der chronische Personalmangel, unter dem viele Pflegeeinrichtungen ohnehin schon leiden. So berichtete der "BR", die seit Mittwoch in Bayern geltende Testpflicht in Seniorenheimen überfordere diese total. Jeder Besucher muss getestet werden, Personal zweimal die Woche.

Weil es dafür schlicht keine Mitarbeiter gäbe, führe die neue Regelung de facto zu einem Besuchsverbot, sagte dem Sender eine Caritas-Verantwortliche. Sie fordert Unterstützung von Hilfsorganisationen oder der Bundeswehr. Das bayerische Gesundheitsministerium teilte dem BR mit, man arbeite "mit Hochdruck" daran.

Ähnlich sieht es vermutlich in vielen Bundesländern und Städten aus. Oft wird erst jetzt oder seit Kurzem der Schutz von Senioren- und Pflegeheimen ernsthaft angegangen. Die Umsetzung bleibt dabei aber oft wegen Personalmangel oder anderen Kapazitätsgrenzen auf der Strecke.

Zwei neue Stellen alleine fürs Personal

Beispielsweise hat Berlin erst seit dem 1. Dezember eine Webseite mit Fragen und Antworten zum Umgang mit Schnelltests in Pflegeheimen online gestellt. Und erst am Mittwoch berichtete der RBB über ein gemeinsames Positionspapier von Senat, Ärzten, Krankenhäusern und Verbänden. Unter anderem sollen Pflegebedürftige stichprobenartig, das Personal zweimal pro Woche getestet werden.

Ob dabei ebenfalls an zusätzliches Personal gedacht wurde, dass in der Hauptstadt ja auch nicht auf Bäumen wächst? Selbst in Boris Palmers Heimatländle sieht es in dieser Hinsicht nicht gut aus. Baden-Württemberg hat laut "Badische Neueste Nachrichten" fünf Millionen Schnelltests für seine Pflegeheime bestellt. Eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums sagte der Zeitung allerdings, eine durchschnittliche Einrichtung bräuchte ein bis zwei zusätzliche Personalstellen, um alleine die Beschäftigten zweimal pro Woche zu testen.

Unfaire Anschuldigungen

Selbstverständlich müssen sich Bundesländer und Kreise fragen lassen, warum sie nicht wie Tübingen viel früher mit Schutzmaßnahmen für Pflege- und Seniorenheimen begonnen haben. Aber Nachkarten bringt in der aktuellen Krisensituation rein gar nichts. Ebenso wenig hilfreich sind Anschuldigungen gegen die Gesellschaft für Virologie, der unter anderem auch Christian Drosten und Sandra Cisek angehören.

So teilte ihr Kollege Jonas Schmidt-Chanasit auf Twitter einen Thread, in dem behauptet wird, die Gesellschaft habe sich explizit gegen den Schutz von Risikogruppen ausgesprochen. Begründet wird dies mit einem Ausschnitt aus einer Stellungnahme der Gesellschaft, in der es tatsächlich heißt, sie lehne eine Strategie ab, die vorsieht, durch besondere Schutzmaßnahmen, Morbidität und Mortalität in den vulnerablen Gruppen abzumildern. Der Verfasser unterschlägt dabei allerdings, dass es in der Stellungnahme um die Ablehnung einer Strategie der Pandemiebekämpfung geht, die auf eine natürliche Durchseuchung großer Bevölkerungsteile mit dem Ziel der Herdenimmunität abzielt.

Auch Palmer für harten Lockdown

Das ist weder sauber, noch ist so ein Vorgehen passend, wenn man Boris Palmer für "seine" Corona-Strategie abfeiern möchte. Denn auch Tübingens OB sagte gestern bei "Maybrit Illner", er sehe jetzt auch keine Altenative zum Lockdown mehr, die Zahlen seien einfach zu hoch. Er lässt sogar durchblicken, dass er den Teil-Lockdown von Anfang an für zu milde und damit untauglich hielt. Und Palmer hat auch kein Problem mit Verboten. Weil die Bürger ihre Freiheiten überstrapaziert hätten, habe er eben ein Alkoholverbot anordnen müssen, sagte er.

Im Interview mit der "Fuldaer Zeitung" präzisierte Palmer, er sei für einen zweiwöchigen harten Lockdown in der Weihnachtspause. "Damit wären die Zahlen wahrscheinlich im Januar weit genug gedrückt, dass man sich bis mindestens in den Februar hinein wieder einigermaßen normal verhalten könnte." Dabei hofft er allerdings auf eine frühe Wirkung der Impfungen und geht davon aus, dass das Gesundheitssystem einen Zustand jenseits der 100er-Inzidenz für längere Zeit verkraften kann. Viele Experten gehen davon aus, dass ein Lockdown mindestens vier Wochen dauern müsste und sind nicht der Meinung, dass der Gesundheitsnotstand bereits abgewendet wurde, wie Palmer im Interview behauptet.

Manches ist nachvollziehbar, manches nicht

Mehr zum Thema

Auf jeden Fall gibt es kein Entweder-oder. Auch Palmer will nicht nur die Risikogruppen schützen, sondern auch die Zahl der Neuinfektionen drücken. Dass die Lockdowns hätten verhindert werden können, wenn man eine "intensive Kontaktverfolgung" betrieben hätte, ist wohl richtig. Andererseits ist die Vorstellung, dass man nur die Kapazitäten der Gesundheitsämtern erhöhen müsste, um eine Inzidenz von 100 kontrollieren zu können, ziemlich blauäugig.

Tübingen macht vieles richtig, ist aber deswegen nicht unbedingt als Blaupause für den Rest des Landes geeignet. Einiges davon können andere Städte eins zu eins übernehmen, anderes muss man anpassen oder Alternativen finden. Die schwäbische Stadt mit 91.000 Einwohnern, in der die größten Arbeitgeber die Universität und das Klinikum sind, ist eben kaum mit Metropolen wie Berlin oder anderen Ballungsgebieten vergleichbar. Ebenso kann man Maßnahmen einer Stadt nicht einfach auf Landesebene übertragen oder gar in Bundespolitik umwandeln.

Quelle: ntv.de