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Tauglich zum Massenmord? Wie gefährlich Rizin als Biowaffe ist

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Hübsch anzusehen, aber gefährlich: Aus Rizinussamen kann das Gift Rizin isoliert werden.

(Foto: imago/Manfred Ruckszio)

Ein Pflanzengift, das tödlich ist wie kaum ein Zweites: Der Fund von Rizin in Köln sorgt derzeit für Schlagzeilen. Die Behörden halten es für möglich, dass damit ein Terroranschlag verübt werden sollte. Doch eignet sich Rizin überhaupt dafür?

Als "Regenschirmattentat" wurde der Anschlag auf den bulgarischen Dissidenten Georgi Markow im Herbst 1978 in London bekannt. Wie sich später herausstellte, hatte ihm ein Attentäter - vermutlich vom bulgarischen Geheimdienst - mit der präparierten Spitze eines Regenschirms ein winziges Metallkügelchen ins Bein gejagt. Es enthielt Rizin, ein pflanzliches Gift, das tödlich ist wie kaum ein anderes. Vier Tage nach der Attacke starb Markow.

Der Mythos vom Super-Gift war geboren. Doch so gefährlich Rizin ist, so selten wurde es tatsächlich als Mordwaffe eingesetzt. Bekannt sind zwar einige Fälle, in denen das Gift in kleinen Mengen auftauchte - etwa bei den Brief-Attentaten auf US-Politiker im Jahr 2013. Menschen kamen dabei aber nicht zu Schaden. Dennoch hielt sich der Mythos, auch befeuert durch die Darstellung in Film und Fernsehen.

Nun taucht das Gift erneut in einem mutmaßlich terroristischen Zusammenhang auf: Dem 29-jährigen Tunesier Sief Allah H. aus Köln ist es laut Sicherheitsbehörden gelungen, die vom Robert-Koch-Institut als "potenzieller biologischer Kampfstoff" eingestufte Substanz herzustellen. Dafür soll er sich ab Mitte Mai 2018 über einen Internetversand Geräte und Grundstoffe beschafft haben.

Schwer war das mit Sicherheit nicht: Rizinussamen, aus denen das tödliche Gift gewonnen wird, kann jedermann im Internet bestellen. Sie stammen von der auch als Wunderbaum bekannten Rizinus-Pflanze. Aus ihnen wird auch Rizinusöl hergestellt, das unter anderem als Abführmittel dient. Der Verdächtige aus Köln soll sich rund tausend Stück davon beschafft haben, zudem eine elektrische Kaffeemühle.

Tod tritt sehr langsam ein

Das giftige Rizin ist in den Samenkörnern allerdings nur in geringen Mengen vorhanden. Es zu isolieren und zu einer gefährlichen Waffe zu machen, erfordert ein gewisses technisches Know-how. Gelingt es jedoch, erhält man eine absolut tödliche Substanz. Wird sie etwa über die Atemwege aufgenommen, reicht bereits eine Dosis von wenigen Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht, um einen Menschen zu töten.

Jedoch wirkt das Gift sehr langsam und die Vergiftungssymptome werden oft nicht sofort bemerkt: "Der Tod tritt nach der Einnahme von Rizin nicht unmittelbar ein, wie etwa bei Zyankali, Sarin oder Tabun", sagt Ralf Stahlmann, Experte für Toxikologie an der Charité Berlin, zu n-tv.de. "Das kann von einigen Stunden bis zu zwei Tagen dauern." Allerdings weiß er auch: Hat ein Mensch einmal die tödliche Dosis eingenommen, gibt es kein Zurück mehr – ein Gegengift existiert nicht.

Der Wirkstoff, der aus zwei Eiweißketten besteht, dringt in die menschlichen Körperzellen ein und ist damit geschützt vor Gegenmitteln. Im Inneren der Zellen schaltet das Rizin die Ribosomen aus, kleine Eiweißfabriken, welche die Funktionen der Zelle aufrechterhalten. Die Folgen sind Organversagen, bis es schließlich zum Herzstillstand kommt.

"Rizin-Bombe" denkbar?

Der Vorrat des Verdächtigen aus Köln, rund tausend Rizinussamen, könnte theoretisch ausreichen, um damit Tausende Menschen zu töten – sollte es einem Attentäter gelingen, die Atemwege der Opfer dem Rizin als Pulver auszusetzen. Allerdings sei dies kein realistisches Szenario, sagt Stahlmann. Denn selbst wenn es gelinge, hochkonzentriertes Rizin in Pulverform herzustellen, sei es schwierig, dieses wirksam zu verbreiten. Aus diesem Grund wurde Rizin auch militärisch seit dem Ersten Weltkrieg zwar als Biowaffe erwogen, aber niemals eingesetzt.

Den Einsatz einer "Rizin-Bombe", über die nach dem Fund von Sprengstoff bei dem 29-Jährigen spekuliert wurde, hält Stahlmann ebenfalls für schwierig. "Ich würde vermuten, dass das Rizin durch die Hitzeentwicklung bei einer Explosion zerstört würde." Denn Temperaturen über 80 Grad Celsius sind zu viel für die Eiweiße.

Als Waffe für Massentötungen lasse sich Rizin eher nicht einsetzen. Zwar seien bei einem Rizin-Anschlag Todesopfer wahrscheinlich. "Aber eine echte Bedrohung für Tausende von Menschen ist es nicht", so Stahlmann. Er glaubt, der Fall habe vor allem das Potenzial, Panik und Angst zu verbreiten.

Quelle: n-tv.de

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