Politik

Der Kriegstag im Überblick Russen erobern Popasna - G7-Staaten einigen sich auf Ölembargo

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Nach wochenlangen Kämpfen ist es den russischen Truppen gelungen, die Kleinstadt Popasna im Osten der Ukraine einzunehmen.

(Foto: picture alliance/dpa/TASS)

Der Gedenktag zum Ende des Zweiten Weltkriegs ist geprägt von schweren Kämpfen rund um die Schlangeninsel und im Osten der Ukraine. Hier melden die Russen die erfolgreiche Einnahme von Popasna. Justin Trudeau und First Lady Jill Biden reisen ganz spontan nach Kiew, während sich Putin siegesgewiss gibt. Die G7-Staaten einigen sich derweil auf einen Boykott russischen Öls. Der 74. Kriegstag im Überblick.

Der 8. Mai soll eigentlich ein Tag des Gedenkens sein, des Gedenkens an das Ende des Zweiten Weltkriegs durch die Kapitulation von Nazi-Deutschland. In der Ukraine gab es angesichts weiterhin heftiger Kämpfe allerdings kaum Zeit für Besinnung.

Kleinstadt in Ruinen eingenommen

Russische Truppen nehmen nach wochenlangen Kämpfen laut ukrainischen Angaben die in Ruinen liegende Kleinstadt Popasna ein. "Leider haben sich unsere Truppen tatsächlich etwas aus Popasna zurückgezogen, weil die Stadt mehr als zwei Monate lange beschossen wurde", sagte der Gouverneur der Region Luhansk, Serhij Hajdaj, laut der Nachrichtenagentur Unian in einem Fernsehinterview. Die Ukrainer seien auf zuvor vorbereitete Stellungen etwas außerhalb der Stadt ausgewichen, fügt er hinzu.

60 Tote bei Luftangriff auf Schule

Nach einem russischen Luftangriff auf eine Schule im Gebiet Luhansk sprechen die ukrainischen Behörden von möglicherweise bis zu 60 Toten. Nach dem Angriff in Bilohoriwka seien bisher zwei Leichen geborgen worden, teilte Hajdaj, auf seinem Telegram-Kanal mit. "Wahrscheinlich sind alle 60 Menschen, die noch unter den Trümmern des Gebäudes liegen, tot", fügte er hinzu. Der Luftangriff ereignete sich seinen Angaben nach bereits am Samstagnachmittag. In dem Schulgebäude hatten 90 Personen vor den Angriffen Schutz gesucht. Durch den Bombenabwurf brach ein Feuer in der Schule aus und das Gebäude stürzte zusammen.

Russland und Ukraine melden Erfolge auf Schlangeninsel

Auch um die strategisch wichtige Schlangeninsel gab es heftige Kämpfe. Das meldete die russische und die ukrainische Seite. Die Insel liegt 35 Kilometer von der Küste entfernt direkt vor dem Donaudelta im Gebiet Odessa. Aktuell ist sie in den Händen der russischen Streitkräfte, die dort nach eigenen Angaben in der Nacht mehrere Flugzeuge und Hubschrauber abschossen. "Während der Nacht haben russische Luftabwehreinheiten über der Schlangeninsel zwei weitere ukrainische Bomber vom Typ Su-24 und einen Hubschrauber vom Typ Mi-24 vernichtet und vor der Stadt Odessa eine Bayraktar-Drohne abgeschossen", teilte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, mit. Darüber hinaus sei eine ukrainische Korvette versenkt worden. Auf der Gegenseite hat das ukrainische Militär zuletzt die Versenkung eines russischen Landungsboots auf der Insel gemeldet. Zudem zeigte der Operationsstab des ukrainischen Wehrkommandos Süd ein Video mit dem angeblichen Abschuss eines russischen Hubschraubers über der Insel.

Befinden sich doch noch Zivilisten im Asowstal Stahlwerk?

Die im belagerten Stahlwerk Asowstal eingeschlossenen ukrainischen Kämpfer wollen ihren Widerstand derweil notfalls bis zum bitteren Ende fortsetzen. "Wir werden weiter kämpfen, solange wir leben, um die russischen Besatzer zurückzuschlagen", sagte Hauptmann Swjatoslaw Palamar, stellvertretender Kommandeur des ukrainischen Asow-Regiments, auf einer Online-Konferenz. "Wir haben nicht viel Zeit, wir stehen unter starkem Beschuss", sagte er und bat die internationale Gemeinschaft um Hilfe bei der Evakuierung verwundeter Soldaten aus der Anlage in der südöstlichen Hafenstadt Mariupol. Palamar fügte hinzu, er könne nicht bestätigen, dass bereits alle Zivilisten das Stahlwerk verlassen hätten.

Russland schickt ranghohe Offiziere an die Front, um Verluste auszugleichen

Laut britischem Geheimdienst setzt Moskau immer öfter auch ranghohe Kommandanten an der Front ein. Demnach sind die großen Verluste der Grund für den Schritt, die Offiziere in den Kampf zu entsenden. Allerdings gebe es bislang keine Anzeichen darauf, dass die Anwesenheit dieser Offiziere im Gefecht zu einem verbesserten Einsatzkonzept geführt habe, hieß es in einem Update des britischen Verteidigungsministeriums. Planungsfehler würden weiterhin einen Fortschritt der Russen untergraben. Außerdem führe die Strategie zu überproportional hohen Verlusten unter den russischen Offizieren.

Ukraine sieht militärische Aktivitäten in Transnistrien

Auch abseits der Ukraine verschärft sich offenbar die Bedrohnungslage. So berichtete die ukrainische Militärführung, dass sich die russischen Truppen und weitere bewaffnete Gruppen in der moldauischen Separatistenregion Transnistrien "inmitten der Vorbereitungen für den Kampf" befinden würden. Es stehe zu befürchten, dass der Konflikt in der Ukraine auf das Nachbarland Moldau übergreifen könnte.

Selenskyj vergleich russische Invasion mit Nazi-Überfall

In einer emotionalen Videoansprache aus dem schwer zerstörten Kiewer Vorort Borodjanka zieht der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj Parallelen zwischen dem deutschen Überfall im Zweiten Weltkrieg und der jetzigen russischen Invasion. "In der Ukraine haben sie eine blutige Neuauflage des Nazismus organisiert", sagt Selenskyj über den russischen Angriff auf die Ukraine in einem Schwarzweiß-Video vor den Trümmern eines Wohnhauses. "Eine fanatische Imitation des Regimes, seiner Ideen, Handlungen, Worte und Symbole. Eine verrückte detailgetreue Wiedergabe seiner Bestialitäten und Alibis, die diesem Bösen angeblich ein heiliges Ziel geben". Am Gedenktag zum Ende des Zweiten Weltkriegs erinnert Selenskyj zudem an den Beitrag des ukrainischen Volks zum Sieg der Anti-Hitler-Koalition. Das Land habe unter Bombardements, Massenerschießungen und Okkupation gelitten, habe Menschen in Konzentrationslagern und Gaskammern, in Kriegsgefangenschaft und bei Zwangsarbeit verloren, am Ende aber trotzdem gewonnen.

Ukrainischer Botschafter in Berlin ausgebuht

Auch in der deutschen Hauptstadt wurde des Kriegsendes gedacht. Vor allem am Sowjetischen Ehrenmal im Berliner Tiergarten kamen viele Menschen zusammen. Eine Gruppe entrollte eine große Ukraine-Fahne, was die Polizei unterband. Der Berliner Senat hatte im Vorfeld das Verbot unter anderem von russischen und ukrainischen Flaggen an 15 Gedenkorten am 8. und 9. Mai verhängt. Damit wollte man Provokationen und mögliche Auseinandersetzungen vorbeugen. Auch der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk legte gegen Mittag einen Kranz nieder. Dabei wurde er von einem Teil der Anwesenden ausgebuht, es ertönten "Melnyk raus"-Rufe. Andere Teilnehmer skandierten ukrainische Sprechchöre, viele Menschen trugen blau-gelbe Kleidung - die Farben der ukrainischen Flagge.

Putin kämpft gegen "Nazidreck"

Bereits einen Tag vor den russischen Feierlichkeiten zum Kriegsende, äußerte sich der russische Präsident Wladimir Putin und zog wie Selenskyj eine Parallele zwischen dem Zweiten Weltkrieg und der aktuellen Invasion der Ukraine. "Wie 1945 wird der Sieg unser sein", sagte Putin. "Heute kämpfen unsere Soldaten wie ihre Vorfahren Schulter an Schulter für die Befreiung ihrer Heimat vom Nazidreck." Weiter sagte Putin in einer an die Ukrainer gerichteten Passage: "Leider erhebt der Nationalsozialismus heute wieder sein Haupt. Unsere heilige Pflicht ist es, die ideologischen Erben derer, die besiegt wurden", daran zu hindern, sich "ihre Revanche" zu verschaffen.

Trudeau und Jill Biden auf Blitzbesuchen in Ukraine

Besuche westlicher Offizieller reißen nicht ab. Neben der deutschen Bundestagspräsidentin Bärbel Bas, besuchten auch der kanadische Regierungschef Justin Trudeau und die US-amerikanische First Lady, Jill Biden die Ukraine. Bas kam mit Selenskyj und dem ukrainischen Parlamentspräsidenten Ruslan Stefantschuk zu Gesprächen zusammen. Trudeau besuchte zunächst den Kiewer Vorort Irpin, später hisste er die kanadische Flagge an der vor Wochen geschlossenen Botschaft seines Landes in Kiew. Später sollte ein Gespräch mit Präsident Selenskyj folgen. Nicht minder überraschend als bei Trudeau war auch der Besuch von Präsidentengattin Jill Biden. Sie besuchte zunächst Geflüchtete in der Stadt Uschgorod nahe der slowakischen Grenze und traf sich später mit Selenskyjs Ehefrau Olena zu einem einstündigen Gespräch. "Ich wollte zum Muttertag kommen. Ich dachte, es sei wichtig, dem ukrainischen Volk zu zeigen, dass dieser Krieg aufhören muss", so Jill Biden.

G7-Staaten einigen sich auf Ölembargo

Die G7-Staaten verhängen neue Sanktionen gegen Russland. Das Weiße Haus teilte mit, alle G7-Staaten hätten sich dazu verpflichtet, die Einfuhr von russischem Öl auslaufen zu lassen oder zu verbieten - die USA selber haben bereits ein entsprechendes Importverbot verhängt. In Brüssel verhandeln die EU-Länder noch über ein Öl-Embargo gegen Russland und weitere Strafmaßnahmen. Ein US-Regierungsvertreter kündigte außerdem ein Verbot für unternehmerische Dienstleistungen für Firmen oder Personen in Russland an. Betroffen seien etwa Dienstleistungen im Bereich Buchhaltung, Management, Beratung oder Marketing. Der US-Regierungsvertreter sagte weiter, die USA würden ihre Exportkontrollen weiter verschärfen, um Russlands Kriegsanstrengungen zu schwächen. Betroffen seien etwa Holzprodukte, Industriemotoren und Räumfahrzeuge. Zur Siebenergruppe führender demokratischer Industrienationen gehören die NATO-Staaten USA, Kanada, Frankreich, Großbritannien, Italien und Deutschland sowie Japan.

Ex-Kanzler Schröder soll Einnahmen verlieren

Gerhard Schröder steht weiterhin massiv in der Kritik, weil er sich trotz des russischen Angriffs auf die Ukraine nicht von seinen Posten für russische Energieunternehmen trennt. Nun kommt aus der CDU/CSU-Bundestagsfraktion der Vorstoß, ihm seine Einnahmen aus der Tätigkeit für russische Energiekonzerne zu nehmen. Man sollte den SPD-Politiker nicht weiterhin Millionen-Beträge für seine Tätigkeiten zugunsten von Gazprom und Rosneft verdienen lassen, sagte der CDU-Abgeordnete Thomas Heilmann. "Das geht verhältnismäßig einfach, indem man ein entsprechendes Tätigkeitsverbot ausspricht. Beträge, die er dennoch erhalten würde, müsste er vollständig an die Staatskasse abführen", erläuterte Heilmann.

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Quelle: ntv.de, als/dpa/rts/AFP

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