Fußball

Kader, Coach und Kommunikation Die Mammutprobleme des verzwergten FC Bayern

0df17b687988fcf44613974a90b65080.jpg

Robert Lewandowski droht womöglich zu einem großen Problem beim FC Bayern zu werden.

(Foto: dpa)

Beim FC Bayern wussten sie, dass ein frühes Scheitern in der Champions League ein scharfes Urteil nach sich ziehen würde. Sie wollten das Aus und die Diskussion unbedingt vermeiden. Das ist gegen Villarreal nicht gelungen. Nun stehen drei Alphatiere unter Druck.

Wie es Uli Hoeneß wohl an diesem Mittwoch geht? Man weiß es nicht. Und man möchte es vielleicht auch nicht so ganz genau wissen. Erst recht möchte man nicht zu den Menschen gehören, die die Klubikone a.D. an diesem Mittwoch kontaktiert, um über das zu reden, was dem FC Bayern, seinem FC Bayern, am Vorabend in der Allianz Arena geschehen war. Die Münchner waren auf dramatische Weise aus der Champions League geflogen. Gegen den FC Villarreal (0:1 im Hinspiel, 1:1 im Rückspiel). Im Viertelfinale. Spät, durch einen Schuss von Stürmer Samu Chukwueze, der vermutlich deutlich woanders gelandet wäre, wenn er den Ball richtig getroffen hatte. Nun ist es aber eben so: Der FC Bayern schaut nur zu, wenn die europäische Elite ihren Fußball-König ausspielt. Der FC Bayern schaut ebenfalls nur zu, wenn in Berlin der neue DFB-Pokalsieger gekürt wird.

Uli Hoeneß gefällt das nicht. Das weiß man, obwohl man ja gar nicht weiß, wie es ihm an diesem Mittwoch geht, denn Uli Hoeneß hat vor ein paar Jahren mal gesagt, dass ein Titel pro Saison auf Dauer zu wenig für seinen Klub ist. Damals war er noch der Präsident, nun ist er im Ruhestand und ziemlich leise geworden. Ob das nun gut oder schlecht ist? Nun, es ist zumindest oft wie folgt gewesen: Wenn es beim FC Bayern nicht lief, packte Hoeneß einen aus. Nicht immer orientierte er sich dabei am Gebot der Fairness. Mal piesackte er die Medien, mal irgendeinen Kontrahenten. Er lieferte eine Schlagzeile, die Öffentlichkeit fraß sie und die Mannschaft konnte sich im Schatten der Debatte oder Scheindebatte auf das Wesentliche konzentrieren. Den Fußball. Und im Anspruch des Rekordmeisters eben auch auf den Erfolg.

Nun hat dem Team nicht nur an diesem Dienstagabend genau das gefehlt, die Konzentration aufs Wesentliche. Gegen den Dorf- oder Kleinstadtklub, immerhin aber Siebter in der spanischen La Liga und amtierender Europa-League-Champion, spielten die Münchner zwar engagiert, manchmal auch gut, aber die Gier, diese schlaue Auswahl um ihren Trainer Unai Emery zu erdrücken, die bekam der FC Bayern nicht auf den Rasen. Zum zweiten Mal in Folge heißt der Endbahnhof "Viertelfinale". Zum zweiten Mal in Folge endet die Reise durch Europa zu früh. Ließ sich der Knockout in der vergangenen Saison gegen Paris St. Germain noch damit abmildern, dass man gegen ein Milliardenensemble in einem rauschenden Duell gescheitert war, so braucht es nun deutlich mehr Fantasie, um sich zu erklären, dass alles nicht so schlimm ist. Wenn man das denn überhaupt tun will.

Drei Protagonisten müssen liefern

Womöglich führt diese Pleite auch dazu, dass man im Klub sehr genau ausleuchtet, warum diese Saison nur mit einem Titel enden wird, mit der Meisterschaft. Klar, es ist eine historische, weil die zehnte in Serie, aber sie ist mehr Placebo als linderndes Balsam für die heftig schmerzende Wunde, die unübersehbar ist: dass er FC Bayern seine Dominanz verloren hat. In Europa, aber auch national. Denn noch immer schwirrt die Pokal-Blamage (0:5) gegen Borussia Mönchengladbach durch den Kosmos der Münchner. Aus in Runde zwei, wie schon in der Saison davor, damals gegen den aufmüpfigen Zweitligisten Holstein Kiel. Noch reicht die Widerstandsfähigkeit der Mannschaft aus, um sich im Brot-und-Butter-Geschäft (der Liga) erfolgreich zu behaupten. Auch weil Verfolger Borussia Dortmund weiter in der Ewigkeitsschleife zwischen Hoffnung und Verzweiflung gefangen ist. Und weil RB Leipzig die erste Phase dieser Spielzeit vergeigt hatte, erst mit Trainer Domenico Tedesco richtig ins Rollen kam. Tja, was wäre gewesen, wenn ...

Schließlich türmt sich der Berg der eigenen abzuarbeitenden Probleme mächtig auf. Wo anfangen und wo aufhören? Drei Protagonisten sind nun besonders gefordert: Klub-Boss Oliver Kahn, dem es (noch) daran mangelt, die Kommunikationshoheit auf hoeneß´sche Weise zu erlangen, manchmal auch bizarr zu erstreiten, Sportdirektor Hasan Salihamidžić, dessen Kaderplanung nun wieder mal vor allen Experten-Gerichten verhandelt wird und Julian Nagelsmann, der dringend Lösungen für schlechte Stimmungen im Kader, Formschwächen von Leistungsträgern wie etwa Thomas Müller und Leroy Sané sowie eine wieder klare Spielidee finden muss. Niemand darf seine Probleme autark betrachten, denn alles in München hängt im humboldtschen Sinne mit allem zusammen.

Da ist natürlich der Kader, der immer dann zum Thema wird, wenn etwas Bittergroßes passiert. Würde darüber gesprochen, dass die Münchner eben nicht so aufgestellt sind, wie Manchester City oder FC Liverpool, die eben über 18 bis 20 Fußballer (nicht bloß 13 bis 15) auf sehr gutem Niveau haben (bei allen Qualitätsunterschieden), wenn sie nun im Halbfinale stehen würden? Natürlich nicht, man würde vielmehr bewundernd hinschauen. So aber wird das Aufgebot zum wiederkehrenden Sams-Thema. Aber dieses Mal mit anderen Dimensionen. Denn nicht nur die über die Breite wird gesprochen, es tauchen generelle Fragen auf, ob der FC Bayern nicht tatsächlich mal einen ganz großen Umbruch braucht. Sind die erfolgsverwöhnten Fußballer um die hochdekorierten Müller und Lewandowski wirklich noch gallig genug? Und können angedachte Führungsspieler wie Dayot Upamecano und Lucas Hernández diese Rollen einnehmen?

Was ist mit Lewandowski und Haaland?

Das drängendste Problem dürfte dabei Robert Lewandowski werden. Um den Polen werden Gerüchte formuliert, die dem FC Bayern hart zusetzen. Der polnische Stürmer soll den Klub im Sommer verlassen wollen. Er soll sich darüber wundern, dass die Münchner mit ihm nicht über die Zukunft sprechen möchten, die offiziell am 30. Juni 2023 endet. Lewandowski soll klare Forderungen haben (neuer Zweijahres-Vertrag), der Verein keine Antworten haben. Warum auch immer. Wegen Erling Haaland womöglich? Die norwegische Wucht wird den BVB in diesem Sommer sehr wahrscheinlich verlassen. Manchester City und Real Madrid werden derzeit in der Gerüchteküche am heißesten gekocht. Aber auch der FC Bayern dampft noch vor sich hin.

Auch so ein Problem. Kahn und Salihamidžić schaffen es nicht, das Thema Haaland final abzuräumen. Selbst das ehrliche Geständnis des Sportdirektors, "eine schwierige Phase, finanziell" zu haben, beendete die wilden Spekulationen nicht. Keine gute Gemengelage für Lewandowski, der zwar immer mal wieder mit einem Wechsel kokettiert hatte, in dieser Saison seine offenbar große Unzufriedenheit aber sehr konkret zum Ausdruck bringt. Er zetert auf dem Platz, er beklagt sich bei den Mitspielern nach schwachen Aktionen, er kritisiert die Taktik von Nagelsmann. Nicht als Einziger, Sport1 spricht von zwei "Stinkstiefeln" in der Kabine, nennt aber keine Namen. Müßig darüber zu spekulieren. Nagelsmann soll, das schreibt die "Süddeutsche Zeitung", zudem weniger mit den erfahrenen Kräften reden als etwa mit einem Joshua Kimmich. Wie fatal das enden kann, wenn man die Klubheiligen vernachlässigt, das weiß niemand besser als Niko Kovac, Nagelsmanns Vor-Vorgänger. Erst verlor er "Notnagel" Müller, dann die Kabine mit seiner viel zu defensiven Taktik und schließlich den Job. Soweit zugespitzt ist die Lage in München längst nicht. Aber entspannt ist auch anders.

Ein Satz als Schablone für die Kaderpolitik. Wieder einmal. Wo anfangen und wo aufhören? Lewandowski ist ja nur eine Baustelle. Auch Manuel Neuer, Thomas Müller und Serge Gnabry wollen gerne wissen, wie ob und wie der Verein langfristig plant. All das hat den Klub in den vergangenen Wochen gestresst. Und zumindest Müller und Gnabry die Form geraubt. Die suchen auch Leroy Sané und Joshua Kimmich. Zur wichtigste Zeit des Jahres sind die wichtigsten Spieler im Verein nicht in der Verfassung, die es braucht, um die großen Titel abzugreifen. Hinzu kommt ein Leon Goretzka, der nach langer Verletzung noch nicht wieder im Dampfhammer-Modus ist, aber trotzdem noch zu den derzeit Besten gehört. Alphonso Davies ist nach seiner Herzmuskelentzündung auch noch nicht wieder der nicht zu stoppende Road Runner und Abwehrchef Niklas Süle, der den Verein im Sommer verlässt, um beim BVB, ausgerechnet beim BVB, sein Glück zu suchen, fehlt verletzt.

Der Kader hat an Substanz verloren

Zu viel für den FC Bayern, weil eben zu wenig Alternativen, um eine solche Phase zu kompensieren. Salihamidžić' Thema für diesen Sommer. Seit zwei Jahren ist der Kader zumindest in der Breite schwächer geworden. Optionen wie noch in der Triple-Saison 2020, Optionen wie Ivan Perišić oder Philippe Coutinho, die gibt es nicht mehr. Ein Ersatz für den bisweilen genialen Thiago wurde auch nie gefunden. Und die Abgänge der Innenverteidiger David Alaba und Jérôme Boateng zu dieser Spielzeit tun doch mehr weh, als man sich das in der Führungsetage jemals eingestehen wollte. Was es nun mindestens braucht: einen neuen Rechtsverteidiger, mindestens als Herausforderer des konkurrenzlosen Benjamin Pavard, einen Innenverteidiger und einen echten Sechser, der Joshua Kimmich und/oder Leon Goretzka (er könnte auch für Müller eine Position vorrücken) mehr Freiheiten als antreibendes Power-Zentrum lässt. Erst recht, wenn auch die tragische Figur (weil fast immer wieder verletzt) Corentin Tolisso (eher Achter) den Klub verlässt. Was wahrscheinlich ist.

Ein nochmaliges Downgrade des Kaders darf es eigentlich nicht geben, um die eigenen (hohen) Ansprüche nicht verzwergen zu müssen. Ein nochmaliges Downgrade des Kaders würde die Arbeit von Nagelsmann weiter massiv erschweren und dessen Murren irgendwann lauter oder gar laut werden lassen. Wie bei Vorgänger Hansi Flick, der den harten Kader-Dissens mit dem Sportdirektor auf sehr schmerzhafte Art für den Verein eskalieren ließ, den Machtkampf aber verlor. Und nun Bundestrainer ist.

Dabei steigt auch jetzt schon der Druck auf den Trainer, selbst wenn es intern keine Zweifel an seiner Arbeit geben soll. Das Murren von Führungsspielern, die Formschwächen von Leistungsträgern und derzeit kein funktionierendes Konzept (Beleg dafür sind die ständigen Systemwechsel und Positionsrocharden der eigenen Spieler) für eine dominante Spielidee (wie sie etwa Liverpool und Manchester City zuletzt im Topspiel der Premier League auf faszinierende und so unterschiedliche Weisen dargeboten haben), das sind Dinge, die in seinem Bereich ausgeleuchtet werden. Im Spiel nach vorne agiert die Mannschaft seit Wochen ohne den klar erkennbaren Plan wie einst Flick (bei Nagelsmann war das Anfang der Saison noch anders), defensiv immer wieder wackelig und nie stabil. Das hat er zu verantworten.

Dass er von der fuchsigen Trainer-Eminenz Emery nun so schlau ausgeknockt wurde ebenfalls. Häufig half die individuelle Klasse weiter, wenn es mal knapp wurde. Das ist nicht mehr verlässlich. Der Mann, für den es bei seinen Stationen TSG Hoffenheim und RB Leipzig eigentlich immer nur noch vorne und oben ging, muss nun das Verlieren als Favorit lernen. Ebenso wie den Umgang mit unzufriedenen Weltstars. Er scheint aktuell an Grenzen zu stoßen. Wie sehr er mit diesen Gefühlen zu kämpfen hat, enttarnte sich in seiner Kritik am SC Freiburg nach dem Protest der Breisgauer gegen das Bundesligaspiel, dass der FC Bayern für 18 Sekunden mit zwölf Mann bestritt. Nagelsmann besaß allerdings die Größe, den Fehler einzugestehen und sich dafür zu entschuldigen.

Eine JHV als Spiegelbild

Nagelsmann gab den Alleinkämpfer. Wie so oft. Anders als bei Hoeneß oder Karl-Heinz Rummenigge wirft sich Klubchef Kahn nicht vor seinen Trainer und bellt die Kritiker wütend an. Der Titan ringt nach der Hoheit der Kommunikation. Die hatte er Ende November des vergangenen Jahres auf fatale Weise komplett verloren, bei der Jahreshauptversammlung. Auch in der Impfdebatte zuvor um fünf skeptische Profis, der prominenteste Fall war Joshua Kimmich, moderierte Nagelsmann, nicht Kahn. Dann aber die JHV. Die war unter anderem beim Thema Katar und Sponsoring auf wilde Weise außer Kontrolle geraten. Präsident Herbert Hainer musste sich "Hainer-raus"-Sprechchöre gefallen lassen - und Kahn reagierte erst zwei Tage später via Twitter. "Offenbar ist in den Emotionen einiges nicht angekommen, was mir in Zukunft wichtig ist. Es hat sich erneut gezeigt, wie wichtig der Austausch zwischen dem FC Bayern und unseren Mitgliedern ist", schrieb Kahn. Hoeneß, der Klubheilige, sprach am Ende unter Schock gar von der "schlimmsten Veranstaltung, die ich beim FC Bayern je erlebt habe."

Mehr zum Thema

Nun ist die Saison für die Münchner eigentlich gelaufen. Die Meisterschaft ist nur noch eine Formsache und nach diesem Spieltag vielleicht schon quasi offiziell. Sollte der BVB daheim gegen den VfL Wolfsburg verlieren und der FC Bayern bei Arminia Bielefeld gewinnt, lägen zwölf Zähler zwischen beiden Klubs und ein Torverhältnis von plus über 30 für die Münchner. Darauf richtet Kahn nun mit reichlich Schönrederei seinen Fokus. Der Klub habe jetzt die "großartige Möglichkeit", die zehnte Meisterschaft einzufahren. So etwas gab es in Europa noch nie. Achja, und überhaupt dieses Europa, alles irgendwie nur halb so schlimm. "Es sollte einfach nicht sein. Natürlich sind wir hier im Viertelfinale der Champions League ausgeschieden. Deswegen werden wir aber nicht in Tränen ausbrechen. Wir haben nächstes Jahr wieder die Möglichkeit und werden angreifen."

Wie es Uli Hoeneß wohl damit geht?

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen