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Zwei Probleme bleiben Ist Omikron das Ende der Pandemie?

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Sehnsuchtsziel Endemie: Wenige Infektionen und milde Verläufe. Wie nah liegt es?

(Foto: imago images/Michael Weber)

Irgendwann muss die Pandemie ein Ende haben. Oder? Mit dem Auftauchen der milderen Variante Omikron sehen Experten einen möglichen Ausweg aus der Endlos-Notlage. Doch es gibt zwei große Unwägbarkeiten, die den Traum noch platzen lassen könnten.

Sie hätte schon vorbei sein können, die Pandemie. Das jedenfalls sagte Virologe Christian Drosten jüngst in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Hätte sich das Virus Sars-CoV-2 gleich zu Beginn ungebremst über den Erdball verbreitet, glaubt er, wäre die gesamte Menschheit in diesem Halbjahr oder spätestens bis Ende des Jahres immun. Die Sache wäre erledigt gewesen.

Es kam anders. Denn mit Lockdowns, Abstandsregeln und Masken stemmten sich viele Länder gegen die Infektionswellen. Besonders für die Industrieländer stand einiges auf dem Spiel: Ihre Bevölkerung ist vergleichsweise alt, ein durchrauschendes Virus hätte womöglich eine deutlich höhere Zahl an Todesfällen gekostet, als ohnehin schon zu verzeichnen sind.

Doch das zögerte nur hinaus, was unausweichlich bleibt: Nur eine breite Immunität in der Bevölkerung wird die Pandemie beenden. Industrieländer setzten auf Immunität aus der Spritze, denn sie konnten es sich leisten. Anders die meisten Länder in Afrika südlich der Sahara, wo das Virus vermutlich tatsächlich ungebremst durchrauschte. Da die Bevölkerung dort deutlich jünger ist, blieb die Zahl der Todesfälle überschaubar. Womöglich herrscht aber dort bereits, was Europa herbeisehnt: eine Bevölkerungsimmunität.

Läutet Omikron das Ende ein?

Vielleicht kein Zufall, dass ausgerechnet in Afrika auch die Omikron-Variante auftauchte, welche mittlerweile zum Hoffnungsträger auf ein Ende der Pandemie avancierte. Zwar verursacht sie immer noch gewaltige Infektionswellen, was eigentlich dem entspricht, was eine Pandemie ausmacht. Andererseits zeigt sie bereits Elemente der Endemie: deutlich mildere Verläufe, vor allem bei Geimpften. So keimt die Hoffnung auf, dass mit dem Abebben der Omikron-Wellen der Wunschzustand Endemie nahe ist.

Es sei plausibel, dass Europa sich "auf eine Endphase der Pandemie zubewegt", sagte etwa Hans Kluge, Europa-Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO), vor ein paar Tagen. Wenn die derzeitige Omikron-Welle vorbei sei, werde es "für einige Wochen und Monaten eine globale Immunität geben, entweder dank der Impfung oder weil die Menschen wegen einer Infektion Immunität haben", so Kluge. Im Frühling und Sommer dürfte auf der Nordhalbkugel zudem der jahreszeitliche Effekt das Virus zurückdrängen.

Barbara Gärtner, Virologin des Deutschen Olympischen Sportbundes, hält ein Ende der Corona-Pandemie bis Anfang 2023 für möglich. "Mich würde das nicht wundern. Ich gehe ehrlich gesagt davon aus, dass Omikron der Anfang vom Ende ist", sagte jüngst die Expertin für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie. "Keiner weiß es so richtig, aber es passt in das, was wir von anderen Pandemien kennen." Alle seien früher oder später zu Ende gegangen - die meisten früher.

Ein "epidemiologisches Problem"

Auch der Mitentdecker der Omikron-Variante, der Virologe Wolfgang Preiser, äußerte sich zuletzt wiederholt zuversichtlich: Das Verhalten der Variante lasse hoffen, dass die Pandemie endemisch werden könne, wenn der größte Teil der Bevölkerung durch eine frühere Infektion oder Impfung eine primäre Immunität besitzt, sagte Preise der Deutschen Welle.

Doch genau da liegt das Problem. Die Impfquote in einigen Industrieländern lässt immer noch zu wünschen übrig. Während sie in Portugal, Spanien und Dänemark hoch ist, fällt sie in Deutschland und einigen osteuropäischen Ländern deutlich ab. Ein "epidemiologisches Problem" nennt Drosten diesen Zustand. Während in Afrika die Bevölkerungsimmunität fast abgeschlossen sei, hinkten einige Industrieländer hinterher.

Warum das trotz Omikron schlecht ist: In Ländern mit niedriger Impfquote herrsche keine ausreichende Immunität gegen das Delta-Virus, warnt Drosten. Und das könnte sich noch rächen. Denn Ungeimpfte, die sich in den kommenden Wochen mit Omikron anstecken, sind nach heutiger Kenntnis wahrscheinlich nicht gut gegen eine Delta-Infektion gewappnet. Das gilt auch für jene, die lediglich eine gegen Omikron angepasste Impfung erhalten, sollte diese auf den Markt kommen. Es droht also eine Rückkehr von Delta im kommenden Winter.

"Wir müssen sehr vorsichtig sein"

Ist das Ende der Pandemie also doch nicht so nah? Nur wenn Deutschland es hinbekäme, bis zum Beginn des nächsten Winters eine komplett durch Impfung immunisierte Bevölkerung zu haben - sprich eine Dreifach-Impfung in der ganzen Bevölkerung plus eine Omikron-Impfung bei großen Teilen der Bevölkerung - dann "könnte ich mit Überzeugung sagen, im nächsten Winter ist die Pandemie vorbei", so Drosten.

Aber es lauert noch eine weitere Unsicherheit, welche den Traum vom Pandemie-Ende platzen lassen könnte: eine neue Virusvariante. "Die Pandemie ist dann vorbei, wenn wir zusätzlich zu einem Krankheitsschutz in der Bevölkerung auch einen Übertragungsschutz haben, damit diese hohen Zahlen aufhören", sagte Drosten. Auch WHO-Europa-Chef Kluge mahnte zur Vorsicht. "Es wird viel über eine Endemie geredet, aber endemisch heißt, (...) dass es möglich ist vorherzusagen, was passieren wird." Sars-CoV-2 jedoch habe "uns aber mehr als einmal überrascht, also müssen wir sehr vorsichtig sein".

Quelle: ntv.de, mit dpa/AFP

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