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Epidemiologe im Interview "BA.2 könnte die Omikron-Welle verlängern"

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Lieber einmal mehr testen, wenn man Zweifel hat, rät Ulrichs.

(Foto: picture alliance/dpa)

Dass nicht ausreichend PCR-Tests zur Verfügung stehen, ist für Epidemiologe Ulrichs misslich. Die Änderung der Teststrategie aber nachvollziehbar. Und auch, dass Bund und Länder zunächst keine neuen Maßnahmen getroffen haben, ist nachvollziehbar. Wichtiger als die Inzidenz ist die Lage in den Krankenhäusern.

ntv: Bund und Länder haben beschlossen, dass es bald ein verändertes Testsystem geben und PCR-Tests bestimmten Gruppen vorbehalten sein sollen. Was muss die veränderte Teststrategie genau berücksichtigen, wenn flächendeckend bald nur noch Schnelltests eingesetzt werden?

Timo Ulrichs: Die PCR-Testungen sind der Goldstandard und die haben wir leider nicht in unbegrenztem Maße zur Verfügung. Deswegen muss man sehen, dass man sie nur dort einsetzt, wo wirklich die Aussage besonders wichtig ist, ob es sich um eine Corona-Infektion und möglicherweise Erkrankung handelt oder nicht. Also da, wo die Weitergabe des Virus Konsequenzen haben könnte. Aber natürlich ist es misslich, dass wir zu wenig von diesen Tests haben. Die Alternative, sich mit Antigen-Schnelltests zu behelfen, ist natürlich nur bedingt hilfreich.

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Ulrichs rät, sich im Zweifel so zu verhalten, als sei man infiziert.

(Foto: ntv)

Wenn künftig nur noch Schnelltests für die meisten verfügbar sein werden, könnte das für große Unsicherheit sorgen. Zumindest wenn ein Schnelltest positiv ausfällt und der nächste dann negativ. Was muss man denn in einem solchen Fall künftig machen?

Grundsätzlich muss man sich vorsichtig verhalten und versuchen, die Unsicherheit durch Antigen-Schnelltests auszugleichen, indem man sich öfter testet - also einmal pro Tag, wenn man Zweifel hat. Aber wenn man die hat, sollte man sich so verhalten, als sei man infiziert. Vor allem, wenn man in seinem Umfeld Menschen hat, die ein höheres Risiko haben, nach einer Infektion auch zu erkranken.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder befürchtet, dass man durch diese Priorisierung bald im Dunkeln tappen wird, was Inzidenz und Neuinfektionen angeht. Stimmen Sie dem zu?

Im Gegensatz zu den Wellen, die wir hatten, sind die Neuinfiziertenzahlen nicht mehr ganz so wichtig. Denn das Omikron-Virus breitet sich sehr schnell aus und trifft vor allen Dingen viele Menschen, bei denen es keine Konsequenz hat. Deswegen ist es viel wichtiger zu sehen: Was sind die klinischen Auswirkungen? Schaffen wir es mit den Kapazitäten, mit den dann kommenden Patienten noch gut zurechtzukommen?

Bund und Länder haben gestern keine Lockerung beschlossen, aber eben auch keine Verschärfung. Trotzdem rechnet der Bundesgesundheitsminister Mitte Februar mit rund 400.000 Neuinfektionen pro Tag. Kommen wir denn mit den jetzigen Maßnahmen durch die fünfte Welle?

Wie genau wir durchkommen, kann man sehr schwer abschätzen. Dass das Ergebnis so aussieht, wie es aussieht, ist auch der Tatsache geschuldet, dass man Lockerungen in einer Welle nicht machen würde - allein weil sie die Lage verschlimmern könnten. Und Verschärfungen hätten angesichts der hohen Ansteckungsgefahr der Omikron-Variante nur sehr wenige Effekte. Wir müssen einfach abwarten und vorbereitet sein, eine weitere Verschärfung doch zu beschließen, wenn unser Gesundheitssystem überlastet zu werden droht.

Es gibt eine neue Omikron-Untervariante BA.2, die sich momentan in einigen Ländern schon recht schnell ausbreitet. Viel weiß man darüber noch nicht. Was kann man zum jetzigen Zeitpunkt sagen?

Man kann schon sagen, dass sie noch ansteckungsfähiger als Omikron ist. Daraus erwachsen aber auch keine größeren Konsequenzen, was die klinischen Verläufe angeht. Das ist aber sehr vorläufig. In Großbritannien und in anderen Ländern beobachtet man dies etwas genauer. Man weiß auch gar nicht so ganz genau, wo sie aufgetreten ist. Man vermutet Ostasien. Die Frage ist jetzt: Wird sich die Variante komplett durchsetzen und die bisherige Omikron-Variante verdrängen? Und was sind die weiteren Konsequenzen? Für Deutschland könnte es zum Beispiel bedeuten, dass die Omikron-Welle noch etwas länger ausfällt.

Ständig treten neue Varianten auf. Man fragt sich: Wie lange geht das noch weiter? Wann könnte die Pandemie denn voraussichtlich beendet werden?

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Die Pandemie wird zumindest für Deutschland beendet sein, wenn wir in diese endemische Phase übergehen können. Das geht durch eine gute Grundimmunität und die wiederum wird verstärkt durch die Omikron-Welle, indem wir noch einmal zusätzlich mit dem Corona-Antigen konfrontiert werden. Das heißt, das kann ausreichen, dass wir für den Herbst gut aufgestellt sind, für jede andere Variante, die da kommen wird. Diese könnten dann nur noch kleine Effekte haben.

Mit Timo Ulrichs sprach Nele Balgo

Quelle: ntv.de

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