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Killer-Varianten nicht vom Tisch Ist Omikron wirklich der Anfang vom Ende?

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Erst wenn Sars-CoV-2 weltweit im Griff ist, ist die Pandemie wirklich zu Ende.

(Foto: picture alliance / CHROMORANGE)

Aussagen von Christian Drosten und anderen Wissenschaftlern machen Hoffnung, dass Omikron der Übergang zur Endemie sein könnte und keine schlimmere Variante mehr nachkommen wird. Aber ist das wirklich so? Nicht nur die WHO hat da große Zweifel, und das hat gute Gründe.

Allgemein geht die Wissenschaft davon aus, dass die Pandemie zur Endemie wird, wenn ein Großteil der Bevölkerung eine Grundimmunität entweder durch Impfungen oder eine überstandene Infektion hat. Danach erkranken nicht mehr so viele Menschen so schwer, als dass die Gesellschaft sich deswegen einschränken müsste.

Virologe Christian Drosten sieht deshalb in der Omikron-Welle eine Chance. Früher oder später müsse sich jeder Mensch mit Sars-CoV-2 anstecken, sagt er. Weil die Variante eine verringerte Krankheitsschwere habe, könne dies eine gute Gelegenheit dafür sein. Etliche Wissenschaftler teilen diese Einschätzung, beispielsweise der Epidemiologe Klaus Stöhr.

Grundimmunisierung durch Impfung statt Infektion

Dabei wird aber gerne überlesen, dass dies nicht bedeutet, die Grundimmunisierung durch eine Omikron-Infizierung zu erlangen. Dies müsse vor allem bei den vulnerablen Gruppen durch Impfungen geschehen, betonen beide Wissenschaftler und weisen auf die klaffende Impflücke in Deutschland bei rund drei Millionen über 60-Jährigen hin. Impfung und Infektion zusammen seien das Exit-Ticket aus der Pandemie, sagt Stöhr. Das Virus müsse sich auf Basis eines in der breiten Bevölkerung verankerten Impfschutzes verbreiten, sagt Drosten.

Zunächst muss auf dem Weg in die Pandemie in Deutschland erst einmal diese Hürde genommen werden. Dann kann man aufatmen und im Frühjahr wahrscheinlich die meisten Einschränkungen aufheben. Aber eine überstandene Omikron-Welle ist noch lange kein Grund, zur Tagesordnung überzugehen. In zwei Sommern wurde schon der große Fehler gemacht, sich nicht auf das vorzubereiten, was wahrscheinlich oder möglicherweise noch passieren wird.

Omikron nicht die letzte Variante

Zunächst ist davon auszugehen, dass Omikron nicht die letzte Variante ist, sondern dass Sars-CoV-2 weiter mutieren wird. Dabei geht es für das Virus immer darum, möglichst viele Menschen zu infizieren. Grundsätzlich gibt es dafür zwei Möglichkeiten: Es wird ansteckender beziehungsweise übertragbarer werden oder einen Weg finden, die Immunität zu umgehen.

Die zweite Möglichkeit spielte in der ersten Hälfte der Pandemie und darüber hinaus zunächst keine Rolle, da es für das Virus noch überall genügend Wirte ohne Impfung oder vorangegangene Infektion gab. Deshalb haben sich zunächst Varianten wie Alpha und vor allem Delta durchgesetzt, die ansteckender waren als andere zirkulierende Varianten. Mit zunehmender Immunisierung der Bevölkerung wurde dieser Vorteil aber immer kleiner und mit Omikron übernahm eine Mutante das Zepter, die in der Lage ist, den Schutz gegen Ansteckung weitgehend zu umgehen.

Virus sucht Mittelweg

Das bedeutet nicht, dass Omikron fitter als Delta ist. Denn seine vielen Mutationen am Stachel-Protein helfen ihm zwar die Immunantwort zu umgehen, könnten aber eher hinderlich dabei sein, an Zellen anzudocken und einzudringen. Die Variante hat hier vermutlich einen optimalen Mittelweg gefunden.

Eine hohe Übertragbarkeit erreicht Omikron offenbar, indem es sich vor allem schnell in den oberen Atemwegen repliziert, von wo es leichter auf andere Menschen überspringen kann. Weil Omikron deshalb seltener in die Lunge vordringt, führt es vermutlich auch nicht so oft zu schweren Erkrankungen oder dem Tod.

Das ist bei der Evolution von Erregern nicht außergewöhnlich. Wie Drosten und Virologe Hendrik Streeck schon im Juni 2020 feststellten, bringt es dem Virus wenig, seinen Wirt umzubringen. Dass er überlebt, ist aber auch nicht unbedingt ein Vorteil. Er muss nur lange genug fit sein, um unter Leute zu gehen, am besten mit so viel Viruslast wie die Corona-Superspreader, die vor allem in den ersten Wellen die Pandemie antrieben.

Ein toter Wirt nützt dem Virus nichts, aber ...

"Es wird oft behauptet, dass sich neue Viren entwickeln werden, die mildere Symptome hervorrufen", schreibt Michael Le Page im "New Scientist". "Da Sars-CoV-2 jedoch kurz vor dem Auftreten von Symptomen am ansteckendsten ist, besteht wenig selektiver Druck, dies zu tun. Pocken waren hochgradig tödlich und könnten sich im Laufe der Zeit verschlimmert haben. Die Grippe fordert immer noch eine hohe jährliche Zahl von Todesopfern."

Es ist also durchaus wahrscheinlich, dass kommende Mutanten weniger gefährlich sind, es kann aber auch anders kommen. "Eine Variante könnte ihr Hauptziel - die Vermehrung - auch dann erreichen, wenn infizierte Menschen zunächst milde Symptome entwickeln, das Virus durch den Kontakt mit anderen verbreiten und dann später sehr krank werden", erklärte Stuart Campbell Ray der "Los Angeles Times".

... es kann auch ganz anders kommen

"Die Menschen haben sich gefragt, ob sich das Virus zu einer milden Form entwickeln wird. Aber es gibt keinen besonderen Grund dafür", so der Experte für Infektionskrankheiten an der Johns Hopkins University. "Ich glaube nicht, dass wir sicher sein können, dass das Virus mit der Zeit weniger tödlich wird."

Der in New York tätige österreichische Virologe Florian Krammer ist ebenfalls skeptisch. Es könne auch in eine andere Richtung gehen, sagte er der "Welt". "Es kann durchaus sein, dass wir irgendwann mit einer Sars-CoV-2-Variante konfrontiert sind, die schwerere Erkrankungen auslöst als jetzt Omikron."

Hohe Fallzahlen machen neue Varianten wahrscheinlicher

"Diese Pandemie ist noch lange nicht ausgestanden, und angesichts des unglaublichen weltweiten Wachstums von Omikron ist es wahrscheinlich, dass neue Varianten auftauchen", sagte gestern WHO-Generalsekretär Tedros Adhanom Ghebreyesus zu Beginn einer Pressekonferenz. Alleine in der vergangenen Woche registrierte die WHO 18 Millionen Neuinfektionen, was einer Zunahme von 20 Prozent entspricht.

Die technische Leiterin der Covid-19-Abteilung der WHO, Maria Van Kerkhove, sagte gestern, man sei vorsichtig mit konkreten Vorhersagen. "Dieses Virus entwickelt sich immer noch weiter. Wie wird also die nächste Variante aussehen? Wir haben nicht die gleiche Vorhersagbarkeit wie bei der Grippe."

Stuart Campbell Ray sagt, wie andere Experten auch, dass die aktuellen Vakzine die meisten schweren Erkrankungen verhindern können. Er geht außerdem davon aus, dass Geimpfte eine Infektion schneller überwinden, daher kürzere Zeit ansteckend sind und so die Ausbreitung von Sars-CoV-2 gebremst wird.

Erst muss die Welt geimpft sein, bevor Länder feiern können

Um die Pandemie wirklich zu einem Ende zu bringen, müssten also möglichst schnell weltweit so viele Menschen wie möglich geimpft werden. Bei einer gerechten Verteilung hätte die produzierte Menge der Vakzine ausgereicht, um Gesundheitsfachkräfte und ältere Menschen weltweit zu versorgen, schreibt die WHO. Doch die meisten Impfstoffe seien in reichen Ländern oder solchen mit oberen mittleren Einkommen verbraucht worden.

Dass Omikron zuerst in Afrika entdeckt wurde, ist kein Zufall. Ein Blick auf die Weltkarte von "Our World in Data" genügt, um zu sehen, dass dieser Kontinent das größte Problem darstellt. Insgesamt sind dort nur 10 Prozent der Bevölkerung "vollständig" geimpft, 15 Prozent haben eine Dosis erhalten. In der EU trifft dies auf 70 beziehungsweise 74 Prozent der Menschen zu.

Im Kongo ist praktisch keiner der offiziell 90 Millionen Einwohner geimpft, im Tschad (16 Millionen) haben keine 2 Prozent, in Tansania (60 Millionen) weniger als 4 Prozent wenigstens die Erstimpfung erhalten. Kaum besser sieht es in Mali (20 Millionen) und Nigeria (206 Millionen) aus. Laut WHO haben aktuell in Ländern mit niedrigem Einkommen nur 11,5 Prozent der Bevölkerung wenigstens eine Dosis im Oberarm, in den Staaten mit hohem Einkommen 70 Prozent.

Um daran etwas zu ändern, ist eine finanzielle Unterstützung nötig. Die WHO hat berechnet, dass die wohlhabenden Staaten ihre Ausgaben durchschnittlich nur um 0,8 Prozent erhöhen müssen, um die Impf-Kosten zu begleichen. Die armen Länder müssten fast 57 Prozent mehr aufbringen.

Genug Impfstoff, aber logistische Engpässe

Theoretisch gibt es kaum noch einen quantitativen Mangel an Vakzinen, der "Economist" errechnete schon im vergangenen September, dass die Weltproduktion bis spätestens Mitte 2022 ausreichen könnte, um die ganze Welt zu versorgen. Statt der Verfügbarkeit sind inzwischen vor allem logistische Probleme der Engpass.

Beispielsweise sei der bei minus 70 Grad zu lagernde Biontech-Impfstoff für Indien oder Afrika unbrauchbar, weil entsprechende Kühlketten beim Transport nicht zu gewährleisten seien, schreibt die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Für den Flugtransport seien die Mengen zu groß. Weitere Probleme seien korrupte Grenzer und andere Beamte sowie Überfälle in instabilen Regionen.

Auch in Afrika gibt es Skeptiker

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Und schließlich ist es blauäugig, anzunehmen, dass in den ärmeren Ländern alle sofort bereit sind, sich impfen zu lassen. Nach Angaben der Africa Centers for Disease Control and Prevention seien bisher nur 64 Prozent der in Afrika gelieferten Impfstoffe verabreicht worden, schrieb "Nature" Ende Dezember. In Südafrika beispielsweise sei die Anzahl der wöchentlich verabreichten Dosen im Vergleich zum Höhepunkt der Impfkampagne im September auf weniger als ein Viertel gesunken. Bisher wurden dort nur 32 Prozent der Bevölkerung mit mindestens einer Dosis geimpft.

Es gibt also noch viel zu tun, bevor man das Ende der Pandemie feiern kann. Aber es lohnt sich, über den Tellerrand beziehungsweise die Grenzen zu blicken und global zu handeln. Denn wie Tedros Adhanom Ghebreyesus schon im vergangenen Sommer twitterte: "Impfstoffgleichheit ist keine Wohltätigkeit, sondern der beste und schnellste Weg, die Pandemie weltweit zu bekämpfen und die Weltwirtschaft wieder anzukurbeln." Wer persönlich etwas dazu beitragen möchte, kann bei "Go Give One" der WHO mitmachen, das Geld sammelt, um Impfungen in ärmeren Ländern zu finanzieren.

Quelle: ntv.de

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