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Zwischen Panik und Gelassenheit Ist Berlin schon außer Kontrolle?

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In Berlin steigt die Zahl der Corona-Neuinfektionen rasant an, aber es gibt selten schwere Erkrankungen.

(Foto: picture alliance/dpa)

In Berlin herrscht Corona-Alarm, vier Bezirke überschreiten einen kritischen Wert bei Neuinfektionen, die Stadt selbst ist kurz davor. Die Bundesregierung ermahnt die Hauptstadt, der Senat verschärft die Maßnahmen drastisch. Aber ist die Aufregung überhaupt berechtigt?

In vielen Regionen Deutschlands steigen die Corona-Neuinfektionen an, besonders stark betroffen ist auch die Hauptstadt, in der bereits vier Bezirke den bundesweit als kritisch geltenden Grenzwert von 50 Neuinfektionen innerhalb von sieben Tagen pro 100.000 Einwohner überschreiten. Auch die Reproduktionszahl R liegt in Berlin jetzt über einem kritischen Wert. Bundesgesundheitsminister Spahn (CDU) regte sich über die Zustände in der Hauptstadt auf, Berlin antwortet unter anderem mit einer Sperrstunde ab 23 Uhr, nächtlichen Kontaktbeschränkungen und einem Versammlungsverbot für Parks in der Nacht. "Wenn wir jetzt nicht handeln, landen wir wieder im Lockdown", sagte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD), dem RBB. Doch ist die Lage tatsächlich so kritisch?

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Ein Blick auf die kräftig anziehenden Neuinfektionen in der Hauptstadt scheint Müllers Befürchtungen zu bestätigen. Nach einem Tiefststand der 7-Tage-Inzidenz von 20 Neuinfektionen Mitte Juli, steigen die Fallzahlen kontinuierlich wieder an, seit Mitte September immer schneller. Die Inzidenz der Hauptstadt liegt jetzt bereits bei 44,2, am 6. Oktober wurden 288 Neuinfektionen gezählt. Und es ist absehbar, dass nach Neukölln, Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg und Tempelhof-Schöneberg bald weitere Berliner Bezirke den Inzidenz-Grenzwert überschreiten.

Zwei Ampeln rot

Doch wie aussagekräftig ist dieser Wert von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen eigentlich? Er wurde im Mai zwischen dem Kanzleramt und den Bundesländern als rote Linie ausgehandelt, nachdem weitreichende Lockerungen beschlossen worden waren. Die Wissenschaft blieb dabei weitgehend außen vor, und viele Experten hielten den Grenzwert für zu hoch. Unter anderem warnte der Bundesverband der Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD), die Gesundheitsämter würden damit überfordert.

Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) rechnete hoch, dass ihre Stadt damit erst ab 2000 Neuinfektionen pro Woche die Lockerungen wieder einschränken müsste. Berlin senkte darum den Grenzwert auf eine Inzidenz von 30. Allerdings sind die Neuinfektionen nur eines von drei Kriterien zur Lagebeurteilung in der Hauptstadt. Zur Berliner Corona-Ampel gehören außerdem die Reproduktionszahl R, die angibt, wie viele weitere Menschen ein Infizierter durchschnittlich ansteckt, sowie die Auslastung der Intensivbetten durch Covid-19-Patienten. Zwei stehen jetzt auf Rot: Inzidenz und Reproduktionszahl (1,2).

Grenzwert kaum noch aussagekräftig

Das wirkt bedrohlich, aber inzwischen zeigt sich immer mehr, dass der starre Blick auf die Neuinfektionen keine besonders gute Orientierung beim Weg durch die Corona-Krise ist. Denn ohne Kontext ergeben sie wenig Sinn. Es kommt sehr stark darauf an, wie die Inzidenz zustande kommt. Unter anderem berücksichtigt der Grenzwert weder die Altersstruktur noch die Infrastruktur einer Region. So müsste dort, wo besonders viele alte Menschen wohnen, wesentlich schneller reagiert werden als in Kreisen mit überwiegend junger Bevölkerung. Ebenso wenig wird der aktuelle Stand der Wissenschaft einbezogen. Inzwischen kann man beispielsweise Risikogruppen wesentlich besser schützen und Covid-19-Patienten effektiver behandeln.

Dass es einen großen Unterschied macht, wie sich die Neuinfektionen zusammensetzen, hat auch Christian Drosten schon im April gesagt, als er vor einer möglichen zweiten Welle warnte. Damals ging er davon aus, dass sich das Virus nicht mehr wie zu Beginn der Pandemie überwiegend in großen Ausbrüchen (Hotspots/Cluster) verbreiten wird, sondern sich im Sommer unbemerkt "unter der Decke" weitflächig verteilt.

Doch ein halbes Jahr ist in einer Pandemie eine halbe Ewigkeit, und der Charité-Virologe und andere Wissenschaftler wissen heute viel mehr als noch im Frühling. So ist jetzt weitgehend unstrittig, dass sich Sars-CoV-2 immer noch vor allem über Superspreading-Events verbreitet. Drosten wünscht sich daher unter anderem Kontakt-Tagebücher, um solche Ereignisse schnell zu identifizieren und zu unterbinden. Ebenso hält er es für wichtiger, Infektionen zurückzuverfolgen, um mögliche Cluster zu identifizieren als Kontakte von Infizierten zu suchen und zu warnen.

Privatfeiern treiben Zahlen nach oben

Welche Rolle Superspreader-Events spielen, ist ebenfalls gut am Beispiel Berlins zu erkennen. So gaben mehrere Gesundheitsämter auf Anfrage von ntv.de an, dass besonders Familienfeiern das Infektionsgeschehen der Stadt antreiben. So gab es zuletzt auch mindestens 48 Infizierte nach einer Hochzeitsfeier mit 350 Gästen ohne Masken und Abstand. Laut "B.Z." war eine Freundin der Braut trotz Symptomen zur Feier erschienen. Ähnliches geschah am 21. September nach einer Feier mit mehreren Hundert Menschen in Tempelhof, wo mehr als 30 Gäste positiv getestet wurden. Die meisten von ihnen wohnen in Neukölln, mit einer Inzidenz von 87,6 nicht nur in Berlin der größte Corona-Hotspot.

Solche Ausbrüche sollten künftig seltener vorkommen, seit dem 3. Oktober dürfen in Berlin nur noch 25 Menschen gemeinsam in geschlossenen Räumen feiern. Problematisch bleiben Bars und Restaurants, auch hier gab es in Berlin in den vergangenen Monaten immer wieder Vorfälle - allerdings nicht in den Ausmaßen der Hochzeitsfeiern.

Noch weniger ist offenbar bei den zahlreichen illegalen Partys in Berliner Parks passiert. Nachdem man weiß, dass vor allem schlecht belüftete Innenräume problematisch sind, war dies auch nicht zu erwarten. Die große Aufregung um diese Veranstaltungen ist wohl mehr ihrer Sichtbarkeit geschuldet. Wirklich gefährlich ist aber, was unsichtbar hinter geschlossenen Türen und Fenstern passiert - vor allem in den kommenden Monaten.

Neue Kriterien nötig

Am Primat der Neuinfektionen bei der Beurteilung der Pandemie möchte Drosten allerdings festhalten. Wie SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hält er die Belegung von Intensivstationen oder die Zahl der im Krankenhaus behandelten Covid-19-Patienten als zusätzliche Indikatoren als "nachlaufend" für nicht geeignet. Neuinfektionen seien ein Indikator dafür, "wie viel an Virus vor einer Woche in der Gesellschaft unterwegs war", sagte er der "Zeit". Und die Bettenbelegung läuft noch länger nach, weil die Patienten oft erst eine Woche nach der Diagnose ins Krankenhaus müssen."

Doch Drosten versteht auch das Bedürfnis nach zusätzlichen Kriterien. Er schlägt vor, die Infizierten über 50 Jahre gesondert zu zählen. "Anhand dieser Zahl könnte man gut prognostizieren, mit wie viel schweren Verläufen man demnächst rechnen muss."

Stefan Willich, Chef des Epidemiologie-Instituts der Charité findet noch klarere Worte, was den Schwellenwert der Neuinfektionen betrifft. Dieser sei eigentlich immer nur ein grober Anhaltspunkt gewesen", sagte Willich im RBB-Inforadio. So würde dadurch etwa nicht unterschieden, ob die infizierte Person tatsächlich ernsthaft erkrankt ist oder nur zufällig getestet wurde.

Tests nicht immer zielgerichtet

Jetzt werde mehr getestet als im Frühjahr, stellt Willich fest. "Das heißt, allein wegen der Anzahl der Testung ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass man hier diese Zahl mal überschreitet. Dann gibt es keinen vernünftigen Bezugsrahmen. Ich denke, das wird in den nächsten Wochen auch auf der Basis von neuen Stichproben und Erhebungen noch einmal anders definiert werden müssen." Damit könnten die Werte besser und realistischer eingeordnet werden, so Willich.

Die Test-Problematik hat auch Drosten erkannt. Er plädiert für eine zielgerichtete Testung von Menschen, die Corona-Symptome zeigen. Das helfe den Gesundheitsämtern bei der Kontaktnachverfolgung. Außerdem sollten Schwellenwerte (Ct-Werte) berücksichtigt werden, damit nur infektiöse Patienten isoliert werden.

Schwere Erkrankungen selten

Die steigenden Infektionszahlen sind aber nicht nur auf mehr Tests zurückzuführen. So wurde beispielsweise in Berlin die Anzahl der wöchentlichen Testungen seit Mitte Juli von etwa 30.000 auf rund 50.000 gesteigert. Gleichzeitig erhöhte sich aber auch der Wert der positiven Ergebnisse von 0,9 auf 2,1 Prozent.

Die Neuinfektionen steigen also auch bereinigt deutlich an. Die Zahl der schwereren Erkrankungen ist in Berlin in den vergangenen Wochen ebenfalls wieder gewachsen, bisher allerdings viel weniger als die der Neuinfektionen. Am 4. Oktober befanden sich 39 Covid-Patienten auf Intensivstationen der Hauptstadt. Von ihnen erhielten 20 Sauerstoff, sieben wurden künstlich beatmet. Bis zu diesem Zeitpunkt starben in Berlin 231 Patienten mit oder an dem Coronavirus, am 5. Juni waren es noch 201. In den vergangenen vier Monaten sind also 30 Covid-19-Opfer hinzugekommen - in einer Stadt mit rund 3,8 Millionen Einwohnern.

Bedrohliche Entwicklung für Ältere

Das muss nicht so bleiben. Es könnten sich auch noch die Befürchtungen bewahrheiten, dass mit steigenden Infektionszahlen auch irgendwann wieder verstärkt Fälle in Risikogruppen auftreten, und dass damit mehr Menschen schwer erkranken oder sterben. Und genau diese Entwicklung ist in Berlin gerade zu beobachten. So ist in der Covid-19-Statistik der Stadt nicht nur zu beobachten, dass es besonders viele Infizierte in den Altersgruppen zwischen 15 und 29 Jahren gibt, sondern auch wieder mehr ältere Berliner sich anstecken.

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Auch in der besonders gefährdeten Gruppe der 80- bis 89-Jährigen ist in der Woche vom 28. September bis 4. Oktober eine Inzidenz von 23,3 Covid-19-Fällen gezählt worden. Davor waren es seit Mai durchgehend deutlich weniger als zehn gewesen, in der vergangenen Woche noch 8,1. Auch bei den noch älteren Menschen war in den vergangenen Wochen ein deutlicher Anstieg von 0 auf 16 Fälle zu beobachten, der sich jetzt aber wieder auf 6,4 abgeschwächt hat.

Offene Diskussion nötig

Berlin ist ein gutes Beispiel dafür, dass Politik und Wissenschaft in einer Pandemie ihre Strategien ständig überdenken und anpassen müssen. Ein stures Festhalten an Werten oder Regeln, die in der Vergangenheit richtig waren, ist nicht zielführend. Wissen, was jetzt richtig ist, wird man erst in einem halben Jahr oder später. Man muss also schon etwas wagen, wenn man möglichst normal leben möchte. Andererseits wäre es auch leichtsinnig, Experimente mit ungewissem Ausgang zu starten, wenn man das Risiko nicht richtig einschätzen kann. Um einen guten Mittelweg zu finden, muss es eine offene Diskussion geben - und man muss sie jetzt führen.

Quelle: ntv.de