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Studie zur Corona-Mutante Warum B.1.1.7 deutlich ansteckender ist

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Experten gehen davon aus, dass die Coronavirus-Variante B.1.1.7 zwischen 25 und 80 Prozent ansteckender ist als andere Virustypen.

(Foto: picture alliance/dpa/TASS)

Bereits jede fünfte Corona-Infektion geht in Deutschland auf die neue Variante B.1.1.7 zurück. Die britische Mutante scheint sich deutlich schneller auszubreiten als andere Virustypen. Warum das so ist, haben Forscher an der Harvard University nun untersucht. Ihr Ergebnis überrascht.

Die britische Corona-Variante breitet sich in Deutschland zurzeit rasant aus. In der vergangenen Woche wiesen mehr als 22 Prozent der bundesweit untersuchten Proben die Mutation auf. Der Anteil von B.1.1.7 hat sich somit innerhalb von nur zwei Wochen fast vervierfacht. In den nordostbayerischen Regionen Hof, Wunsiedel und Tirschenreuth sind die Zahlen sogar noch dramatischer. Dort wurde die neue Mutante in 40 bis 70 Prozent der positiven Tests identifiziert.

"Der Rückgang der anderen Varianten ist langsamer als etwa der Zuwachs der Mutation B.1.1.7", warnte jüngst Molekularbiologe Rolf Apweiler. Und auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn ist überzeugt, "dass die Variante bald auch bei uns die dominierende werden könnte". Das liegt vor allem daran, dass die Mutante aus Großbritannien deutlich ansteckender ist. Britische Forscher schätzten zunächst, dass B.1.1.7 um 50 bis 70 Prozent infektiöser ist als andere Mutanten. PHE, die britische Gesundheitsbehörde, geht inzwischen von 25 bis 40 Prozent aus, andere Wissenschaftler von 43 bis 82 Prozent.

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Dadurch, dass die Variante B.1.1.7 ansteckender ist, erhöht sich der R-Wert nach Berechnungen von Londoner Forschern um 0,4 bis 0,7 Punkte. Das heißt, dass die Zahl der Neuinfektionen durch die Mutanten bei gleichbleibenden Lockdown-Maßnahmen steigt.

Warum B.1.1.7 vergleichsweise so viel mehr Menschen infizieren kann, dazu gibt es in der Wissenschaftswelt bislang nur Vermutungen. Möglich wäre, dass die Genveränderungen am sogenannten Spike-Protein es der britischen Variante leichter machen, Zellen zu infizieren. Einige Experten gehen hingegen davon aus, dass die Mutation für eine höhere Viruslast bei Infizierten sorgt. Je mehr Viren sich im Rachen oder in der Nase befinden, desto mehr werden beim Husten, Niesen, Sprechen oder Atmen freigesetzt. Dadurch steigt auch die Chance, dass einzelne Viren in einen neuen Wirt gelangen und sich dort ebenfalls ausbreiten.

Infektion mit B.1.1.7 dauerte im Schnitt fünf Tage länger

Eine weitere mögliche Erklärung liefert nun eine kleine Studie der Harvard University. Für die Analyse hatten die Forscher 65 Infizierte jeden Tag mittels eines PCR-Tests untersucht. Dadurch konnte genau dokumentiert werden, wie sich die Infektion entwickelt, also wie hoch die Viruslast an jedem einzelnen Tag ist und über wie viele Tage hinweg die Viruslast Spitzenwerte erzielt, was ein Indikator dafür ist, wie lange der Betroffene wahrscheinlich ansteckend ist.

Das Ergebnis: Die Proben mit B.1.1.7 enthielten auf dem Höhepunkt der Infektion zwar einen ähnlich hohen Anteil an Viren wie die anderen Virustypen. Eine Infektion mit der britischen Variante dauerte allerdings im Schnitt fünf Tage länger, nämlich etwas mehr als 13 Tage. Infektionen mit anderen Virusvarianten klangen schon nach etwa acht Tagen ab.

Die Beobachtungen der Forscher sprechen somit gegen die Theorie, die Mutante könnte die Viruslast erhöhen. Demnach ist B.1.1.7 nicht ansteckender, weil Infizierte eine höhere Viruslast haben - sondern weil sie über einen deutlich längeren Zeitraum eine relativ hohe Viruslast mit sich tragen. Die Ursache ist also nicht die Menge der Viren, sondern die Anzahl der Tage, an denen ein Betroffener ansteckend ist. Die längere Infektion könnte dazu führen, dass Betroffene das Virus auch über längere Zeit weitergeben und so mehr Menschen in ihrer Umgebung infizieren können, vermuten die Forscher.

Auswirkung auf Quarantänepflicht

Die Ergebnisse sind jedoch nur vorläufig, betonten die Wissenschaftler. Da sich nur 7 der 65 untersuchten Infizierten mit der Variante B.1.1.7 infiziert hatten, könne dies nur ein erstes Indiz für die mögliche Ursache der höheren Ansteckungsrate sein, schreiben die Studienautoren. Zudem seien die Stichproben insgesamt nicht repräsentativ. So arbeiteten alle 65 Probanden für die US-Basketball-Profiliga NBA - darunter waren Spieler, aber auch Mitarbeitende in den Stadien. 90 Prozent von ihnen waren Männer.

Dennoch: Sollte sich ihr Verdacht in weiteren Studien erhärten, mahnen die Forscher, könnte das Auswirkungen auf die Zeit der Isolation von mit B.1.1.7-Infizierten haben. Eine Quarantänezeit von zehn Tagen reiche bei der neuen Variante nicht mehr aus, um Ansteckungen möglichst zu verhindern.

Deutschland hat die Richtlinie für Verdachtsfälle wegen der sich ausbreitenden britischen Virusvariante inzwischen angepasst. Wer Kontakt zu einem Infizierten hatte, muss für 14 Tage in häusliche Quarantäne. Gerechnet wird ab dem Tag des Kontakts. Menschen, die mit einem Covid-19-Erkrankten zusammenleben, sollten ihre Kontakte möglichst sogar für 20 Tage einschränken.

Quelle: ntv.de