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Britische Zahlen machen Hoffnung Variante B.1.1.7 scheint nicht unbezwingbar

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Der Lockdown in Großbritannien zeigt zuletzt Erfolge - trotz der womöglich ansteckenderen Variante B.1.1.7.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Großbritannien leidet zum Jahresbeginn unter explodierenden Fallzahlen. Die Variante B.1.1.7 wird für die Entwicklung mitverantwortlich gemacht. Doch zuletzt gehen die Fallzahlen zurück - auch jene, die der Mutante zugeordnet werden. Wie ist das zu bewerten? ntv.de hat nachgefragt.

Deutschland bangt vor der Ausbreitung der zuerst in Großbritannien entdeckten Variante. Bei einer Stichprobe des Robert-Koch-Instituts (RKI) mit rund 30.000 Proben hatte B.1.1.7 bereits knapp sechs Prozent der Fälle in Deutschland ausgemacht. Bundeskanzlerin Angela Merkel geht davon aus, dass bereits 20 Prozent aller Infektionen aktuell auf Mutationen zurückzuführen sind. Die Variante B.1.1.7 gilt als ansteckender, laut einer jüngeren Untersuchung um etwa 40 Prozent. Befürchtungen werden daher laut, dass eine Lockerung des deutschen Lockdowns die Zahl der neuen Fälle in die Höhe springen lässt. In Großbritannien jedoch, wo das Virus zuerst entdeckt wurde, gehen die Fallzahlen mittlerweile deutlich zurück.

Zuletzt hatte das Vereinigte Königreich mit knapp über 14.000 Neuinfektionen den niedrigsten Wert seit zwei Monaten gemeldet. Zum Höhepunkt der jüngsten Welle Anfang Januar waren es fast 70.000 neue Fälle pro Tag. Dennoch ist die Zahl der Infektionen immer noch vergleichsweise hoch. In Großbritannien leben etwa 66,7 Millionen Menschen - gemessen an der 7-Tage-Inzidenz (gemeldete Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in einer Woche) ist das Corona-Aufkommen in Großbritannien aktuell noch mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland.

Der zuletzt deutliche Rückgang der gemeldeten Neuinfektionen in Großbritannien zeigt laut dem Epidemiologen Timo Ulrichs jedoch, dass "der Lockdown in Großbritannien wirkt. Und er wirkt auch gegen die neue Variante". Würde der Lockdown nur bei der Ur-Variante einen Rückgang bewirken, aber nicht bei der neuen Variante, würde dies zwangsläufig auffallen, sagte Ulrichs ntv.de: Erkennbar wäre dann eine Abschwächung des Rückgangs der Fallzahlen, sozusagen eine "Beule" in der Kurve. "Einen gegenteiligen Trend würde man sehen. Man sieht ihn aber nicht", so Ulrichs.

Auch das britische Statistikamt ONS hatte vor einigen Tagen Daten veröffentlicht, die Hinweise auf einen Rückgang der Virusvariante in England geben. Demnach war in der letzten Januarwoche ein rückläufiger Trend sowohl bei Fällen zu beobachten, die der Ur-Variante zugerechnet werden, als auch bei solchen, die zur neuen Variante zählen. "Die Lockdowns in ganz Großbritannien scheinen die Ausbreitung von Covid-19 aufzuhalten, allerdings mit scheinbar gemischtem Erfolg", kommentierte Biologe Simon Clarke von der University of Reading jedoch mit einer gewissen Zurückhaltung die ONS-Zahlen. So seien die Infektionszahlen in England, Schottland und Nordirland zwar zurückgegangen, in Wales jedoch stabil geblieben. "Im Osten Englands stiegen die Infektionen sogar an", mahnte Clarke.

"Variante in den Griff zu bekommen"

Gleichzeitig ist die neue, als ansteckender geltende Variante B.1.1.7 in Großbritannien mittlerweile weit verbreitet. "Die neue Variante scheint für die Mehrzahl der Infektionen in Großbritannien verantwortlich zu sein, und die Geschwindigkeit, mit der sie sich ausgebreitet hat, ist bemerkenswert", sagte James Naismith, Professor für Biologie an der University of Oxford. Epidemiologe Ulrichs betonte, dass der Erfolg des Lockdowns in Großbritannien auch ein Beleg dafür sei, dass die neue, als ansteckender geltende Variante B.1.1.7 durch die bereits zur Verfügung stehenden Maßnahmen - wie AHA+L-Regeln und Kontaktbeschränkungen - in den Griff zu bekommen sei.

Könnte der Rückgang bei den Fallzahlen auch auf die bereits fortgeschrittene Impfkampagne in Großbritannien zurückzuführen sein? Experten sehen dafür noch keine Hinweise. "Die Impfkampagne wird sich noch nicht auf diese Zahlen ausgewirkt haben - der Rückgang ist auf den Lockdown zurückzuführen", sagte Naismith. "Der unglaubliche Fortschritt bei der Einführung des Impfstoffs muss jedoch gefeiert werden, da dies die Zahl der schweren Erkrankungen und Todesfälle stark reduzieren wird."

In London wächst angesichts der Entwicklung bereits die Zuversicht: "Wir kommen in unserem Kampf gegen das Coronavirus über den Berg", hatte Gesundheitsminister Matt Hancock am Montag verkündet. "Die Zahl der Menschen im Krankenhaus ist immer noch viel zu hoch, aber sie sinkt. Die Zahl der Menschen, die an dieser Krankheit sterben, ist ebenfalls viel zu hoch, aber sie sinkt auch." Der Vize-Chef des englischen Gesundheitsdienstes, Jonathan Van-Tam, warnte jüngst jedoch vor übertriebenem Optimismus. Eine Lockerung des Lockdowns dürfe nur allmählich geschehen. Auf die Frage, ob Briten bereits wieder einen Sommerurlaub im Ausland planen könnten, sagte er: "Ich kann darauf noch keine Antwort geben, weil wir die Daten noch nicht haben. Es ist einfach zu früh."

Rückgang auch in Irland und Portugal

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Großbritannien ist nicht das einzige von der Variante B.1.1.7 stark betroffene Land, das zuletzt einen Rückgang der Fallzahlen erlebt. Auch in Irland, das zeitweise die höchste Infektionsrate der Welt gemessen an seiner Einwohnerzahl aufwies, hat sich die Lage wieder einigermaßen beruhigt. "Die angewendeten Maßnahmen greifen auch bei B.1.1.7.", betonte Immunologe Luke O'Neill vom Trinity College Dublin.

Auch im Hochrisikoland Portugal scheinen die strengen Maßnahmen des seit Mitte Januar herrschenden Lockdowns zu wirken. Seit knapp zwei Wochen gehen alle Zahlen nahezu ununterbrochen und zum Teil rapide zurück. Viele Experten sind davon überzeugt, dass die Schließung aller Schulen, Kitas und Universitäten ab dem 22. Januar, gegen die sich die linke Regierung lange gesträubt hatte, einen entscheidenden Beitrag geleistet hat. Die Gesundheitsbehörden warnen aber vor Nachlässigkeit. "Wir müssen den Lockdown noch zwei Monate aufrechterhalten", sagte Baltazar Nunes vom staatlichen Gesundheitsinstitut INSA. In Irland und Portugal wurden vor allem Lockerungen um die Weihnachtszeit für den Anstieg der Zahlen verantwortlich gemacht.

Quelle: ntv.de, mit dpa

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