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Pflegeheime schwer betroffen Wie lange gibt es noch so viele Corona-Tote?

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Trotz leicht rückläufiger Neuinfektionen könnten sogar noch mehr Menschen täglich an Covid-19 sterben als bisher.

(Foto: picture alliance/dpa/AP)

Die Zahl der registrierten Neuinfektionen sinkt langsam, trotzdem sterben mehr Menschen an Covid-19 in Deutschland als jemals zuvor. Warum ist das so und wie lange geht das noch so weiter?

Der Teil-Lockdown zeigt zwar immer noch nicht den erhofften deutlichen Rückgang der Neuinfektionen, aber die Anzahl der täglich registrierten Fälle sinkt offenbar langsam, aber sicher. Heute wurden mit 17.270 registrierten Ansteckungen rund 1400 weniger als vor einer Woche gemeldet. Gleichzeitig zählte das RKI aber mit 487 Verstorbenen so viele Corona-Tote wie noch an keinem Tag zuvor seit Beginn der Pandemie. Woran liegt das? Muss man vielleicht sogar mit noch wachsenden Todeszahlen rechnen?

Leider ja. Denn zwischen Ansteckung mit dem Coronavirus und einem möglichen Tod vergehen gewöhnlich mehrere Wochen. Deshalb macht sich ein Rückgang der Neuinfektionen entsprechend verspätet in der Sterbe-Statistik bemerkbar. Gewöhnlich verbringen die betroffenen Patienten einen Großteil dieser Zeit auf Intensivstationen. Und dort sieht man jetzt immerhin eine Stabilisierung der Situation.

Heute erfasste das Intensivregister der Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) drei Covid-19-Patienten weniger auf deutschen Intensivstationen. 49 Menschen wurden neu aufgenommen, 52 Behandlungen abgeschlossen, von ihnen sind 13 gestorben. Wenn es bei der Entwicklung bliebe, könnte es in 14 bis 20 Tagen einen leichten Rückgang der Belastung geben, sagt Intensivmediziner-Chef Uwe Janssens.

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Die aktuell hohen Todeszahlen spiegeln also das Infektionsgeschehen vor zwei bis drei Wochen wider. Laut RKI-Covid-19-Steckbrief dauert es von den ersten Symptomen bis zum Moment, in dem ein Corona-Patient den Kampf gegen die heimtückische Krankheit verliert, im Mittel (Median) 16 bis 18 Tage. Da heißt, es gibt ebenso viele Infizierte, die früher beziehungsweise später sterben.

Neuinfektionen steigen bei alten Menschen weiter an

Es könnte aber auch trotz rückläufiger Ansteckungen noch für längere Zeit sehr viele Todesfälle geben. Das liegt daran, dass das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs mit möglicher Todesfolge mit zunehmendem Alter steigt. 85 Prozent der Covid-19-Opfer in Deutschland sind älter als 69 Jahre, im Mittel 82 Jahre. Eine RKI-Auswertung der ersten Corona-Welle ergab, dass fast jeder zweite Fall unter den ab 80-Jährigen hospitalisiert wurde und jeder dritte Covid-19-Patient dieser Altersgruppen der Krankheit erlag.

Im August lag das Durchschnittsalter bei den registrierten Neuinfektionen noch bei 32 Jahren. Seitdem steigt es permanent an und beträgt inzwischen 43 Jahre. Dabei erhöhte sich vor allem bei den sehr alten Patienten die Inzidenz (Anzahl Fälle pro 100.000 Personen) etwa seit Oktober dramatisch. Bei den Über-85-Jährigen ist sie sogar die höchste aller Altersgruppen.

Und bei den sehr alten Menschen steigen die Neuinfektionen auch weiter deutlich an. Der Teil-Lockdown hat laut dem gestrigen RKI-Bericht bisher vor allem bei den 15- bis 30-Jährigen zu einem deutlichen Rückgang geführt. Je höher das Alter, desto geringer war bisher der Effekt der Maßnahmen. Ab 75 Jahren haben die Neuinfektionen weiter zugenommen, vor allem bei den Über-80-Jährigen. Solange diese Entwicklung nicht gestoppt wird, ist zu befürchten, dass die Zahl der Toten nicht im gleichen Maße wie die der Neuinfektionen abnimmt - oder sogar auch noch im Januar weiter steigt.

Coronavirus wütet in Pflegeheimen

Warum vor allem die besonders gefährdeten Altersgruppen jetzt so stark betroffen sind, ist nicht ganz klar. Eine Erklärung dürfte sein, dass Pflegeheime nach wie vor nicht ausreichend geschützt werden. Beispielsweise steigt in Berlin die Zahl der Ansteckungen in solchen Einrichtungen weiter an. Dem RBB nach verdoppelten sich seit Mitte November die Neuinfektionen bei Pflegeheimbewohnern der Hauptstadt von 1021 auf 2050, mindestens 92 von ihnen starben in diesem Zeitraum an oder mit Covid-19. Die Zahl der Einrichtungen, die über Corona-Fälle berichteten stieg von 183 auf 223.

In Neckargmünd brach das Coronavirus in einem Seniorenheim am 20. November aus, seitdem sind laut "Rhein-Neckar-Zeitung" von 90 infizierten Bewohnern 13 gestorben. Die "Passauer Neue Presse" berichtet aktuell von Ausbrüchen in zwei Einrichtungen. In einem Seniorenheim sind demnach 72 Bewohner und 29 Mitarbeiter infiziert, in einem weiteren 53 Betreute und 19 Angestellte. Vier der Senioren sind bisher an oder mit Covid-19 gestorben. 66 der Heimbewohner liegen im Krankenhaus, zehn von ihnen auf Intensivstationen, vier müssen beatmet werden.

Das sind nur einige aktuelle Beispiele. In weit mehr als 1000 Pflege- und Seniorenheimen gibt es aktuell Covid-19-Fälle, ergab eine Umfrage von ARD und "Süddeutsche Zeitung". Jedes fünfte Heim in Rheinland-Pfalz und Hamburg, etwa jedes sechste in Nordrhein-Westfalen und etwa jedes zehnte in Brandenburg seien betroffen, berichtet die ARD.

In Hessen haben 200 von gut 800 Pflegeheime Corona-Infektionen gemeldet, also jedes vierte. Laut "Hessenschau" stammen in dem Bundesland drei Viertel der Covid-19-Toten aus solchen Einrichtungen. Die tatsächliche Zahl der Ausbrüche und Fälle in Pflegeheimen sei wahrscheinlich noch deutlich höher, so die ARD. Einige Länder lieferten nur unvollständige Zahlen, Berlin und Bayern machten gar keine Angaben.

Schnelltests helfen noch nicht

Eigentlich sieht die neue Test-Strategie der Bundesregierung schon seit dem 15. Oktober vor. "Pflegeheime und Krankenhäuser können Antigen-Schnelltests großzügig nutzen, um Personal, Besucher sowie Patienten und Bewohner regelmäßig auf das Coronavirus zu testen", erklärt das Gesundheitsministerium.

Aber in der Realität der betroffenen Einrichtungen ist die neue Strategie noch nicht angekommen. Ein Grund ist die Bürokratie. Denn Pflegeheime und andere Einrichtungen des Gesundheitswesens müssen laut Test-Verordnung dem zuständigen Gesundheitsamt ein Test-Konzept vorlegen. Bis zu monatlich 20 Tests pro Bewohner sind möglich. Die Beschaffung müssen die Einrichtungen allerdings selbst übernehmen.

Auf die Genehmigungen durch das Gesundheitsamt müssen die Heime laut ARD und "Süddeutsche Zeitung" oft lange warten. Kein Wunder, dass in einer Umfrage des BIVA-Pflegeschutz unter Mitarbeitern von Pflegeeinrichtungen nur knapp 5 Prozent der Teilnehmer angaben, schon Schnelltests einzusetzen. Der ARD zufolge liegt dies teilweise auch am akuten Personalmangel.

Der RBB schreibt, laut Gesundheitsverwaltung seien inzwischen 1 Million Schnelltests an Pflegeeinrichtungen ausgeliefert worden. Da die Stadt erst gestern eine Webseite mit Fragen und Antworten zum Umgang mit Schnelltests in Pflegeheimen online gestellt hat, kommen sie wahrscheinlich noch nicht häufig zum Einsatz.

Gewaltiger Personalmangel

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Ähnlich könnte es in anderen Regionen aussehen. Dabei bleibt das größte Problem für die Einrichtungen neben der Beschaffung die Personalnot. Baden-Württemberg hat Laut "Badische Neueste Nachrichten" 5 Millionen Schnelltests für seine Pflegeheime bestellt. Eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums sagte der Zeitung allerdings, eine durchschnittliche Einrichtung bräuchte ein bis zwei zusätzliche Personalstellen, um alleine die Beschäftigten zweimal pro Woche zu testen.

Die Situation in deutschen Pflegeheimen bleibt also sehr schwierig und man muss weiter vermehrt mit Ausbrüchen in solchen Einrichtungen rechnen. Dazu kommt, dass die Inzidenzen bei den Über-80-Jährigen nicht zurückgehen, und die geplanten Weihnachts-Lockerungen könnten gemachte Fortschritte zunichtemachen. Man kann also noch lange nicht Entwarnung geben und man muss damit rechnen, dass die Corona-Todeszahlen bis ins neue Jahr hinein hoch bleiben.

Quelle: ntv.de