Wissen

Wer zögert, leidet am meisten Wie hart soll der Corona-Winter werden?

ad02fa74e124c5cdec7eeb239a626bcf.jpg

Eine echte Strategie für die kommenden Winter-Monate hat Deutschland bisher nicht.

(Foto: dpa)

Die gute Nachricht: Wir müssen nur den Winter überstehen, bis im Frühling und Sommer ausreichend Impfstoffe, Schnelltests und Medikamente zur Verfügung stehen. Die schlechte Nachricht: Wir müssen den Winter überstehen.

Auf die Freude, dass es wahrscheinlich schon bald zwei oder mehr Impfstoffe gegen Covid-19 geben wird, folgte schnell die Ernüchterung des Pandemie-Alltags. Denn es ändert nichts daran, dass die zweite Welle auch über Deutschland mit aller Gewalt rollt. Jetzt gilt es erstmal die kommenden Wintermonate zu überstehen, denn vor April werden Impfstoffe kaum in ausreichenden Mengen verfügbar und verteilt sein.

Eine echte Strategie für die kommenden Monate hat Deutschland bisher nicht. Die Chance, sich gründlich darauf vorzubereiten, hat die Bundesrepublik im Sommer fast tatenlos verstreichen lassen. Also muss man jetzt schnell und mitten in einem Teil-Lockdown entscheiden, wie es weitergehen soll. Das ist alles andere als einfach, denn egal welchen Weg Bund und Länder einschlagen, er wird hart und steinig sein. Es bleibt nur die Wahl zwischen größeren und kleineren Übeln.

*Datenschutz

Letztendlich läuft es darauf hinaus, die Kosten beziehungsweise den Schaden zu minimieren und wertvolle Güter abzuwägen. Wie viel Finanzhilfen, Ausgleichszahlungen, Einnahmebußen kann der Staat noch stemmen? Wie lange können Unternehmen, Selbstständige, Kultur und Sport noch durchhalten? Welchen Preis an Menschenleben und Langzeiterkrankten ist man bereit, in Kauf zu nehmen? Welche seelischen und andere immateriellen Schäden sind hinnehmbar? Was für Anstrengungen kann man Krankenhaus-Mitarbeitern, Ärzten und Pflegepersonal noch zumuten? Kann man es sich leisten, Schulen zu schließen?

Wie geht es ab Januar weiter?

Das und vieles mehr müssen die Verantwortlichen gegeneinander abwägen und man kann verstehen, dass es ihnen nicht leicht fällt. Vorerst haben sich Bund und Länder aber lediglich auf einen verlängerten Teil-Lockdown geeinigt. Wie es im Januar weitergehen soll, steht weitgehend noch in den Sternen, obwohl es bis dahin nur noch ein paar Wochen sind.

Allgemeingültige Aussagen wie von NRW-Ministerpräsident Laschet helfen da kaum weiter. "Ab Januar müssen kluge Konzepte langfristige Perspektiven für ein Leben mit der Pandemie ermöglichen", sagte er der "Rheinischen Post". "Mit der Zulassung des Impfstoffs sind diese Konzepte auch realistisch. Die Pandemie und eine verantwortungsvolle Normalität sind dann auch kein zwingender Gegensatz mehr. Noch ein weiteres Jahr wie dieses halten Gesellschaft und Wirtschaft nicht durch." Da wird es wohl kaum jemanden geben, der ihm da nicht zustimmt. Wie so ein "kluges Konzept" konkret aussehen soll, hat Laschet aber nicht gesagt.

Zunächst mal muss man ein Ziel definieren. Möchte man die Zahl der Neuinfektionen weiter senken? Wenn ja, wie soll das geschehen? Falls nein, was wären die Alternativen?

Mit Trippelschritten in den "Jojo-Lockdown"?

Kein verantwortlicher Politiker sagt es direkt heraus, aber die Möglichkeit steht im Raum, die Maßnahmen bis April kurzfristig alle zwei bis vier Wochen anzupassen. Es spricht ja auch einiges dafür. In Krisen ist Inkrementalismus, also die vorsichtige Politik der kleinen Schritte, ein bewährtes Mittel. Funktioniert etwas nicht, ist der Schaden nicht allzu groß, man bleibt relativ flexibel und kommt mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwie ans Ziel.

Inkrementalismus existiert dabei selten an sich als Plan, sondern entsteht quasi von alleine. So würde Bayerns Ministerpräsident Söder wohl kaum vor der Kamera einen dreimonatigen "Jojo-Lockdown" befürworten. Bei "Anne Will" sagte er aber, man müsse erstmal abwarten, wie der Teil-Shutdown bis Weihnachten wirke. "In den nächsten zwei Wochen müssen wir nochmal ein Update machen, wo wir stehen - und im Zweifelsfall aus dem Verlängern und Vertiefen ein Mehr an Vertiefen machen." Und dann? Dann lockert man oder verschärft erneut und schaut wieder, was dabei herauskommt - und so weiter.

Kann man machen. Gesellschaft und Wirtschaft drohen allerdings durch ein ständiges Hin und Her ohne klares Ziel zermürbt zu werden. Außerdem verspielt man so voraussichtlich die Chance, durch mutige, große Schritte schneller voranzukommen und schon vor dem Frühjahr zu einer "verantwortungsvollen Normalität" zu kommen, in der nur noch wenige einschränkende Maßnahmen notwendig sind. Und: Ein dauerhafter Teil-Shutdown mit einem ständigen Wechsel von Lockern und Verschärfen ist für Steuerzahler und Wirtschaft vermutlich der teuerste Weg durch den Winter.

Mit hartem Lockdown Kontrolle zurückgewinnen?

Wissenschaftler wie Physikerin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation setzen daher auf einen letzten großen gemeinsamen Kraftakt. Für ihre jüngst veröffentlichte Vorab-Studie haben die Forscherin und ihr Team berechnet, dass ein relativ kurzer, aber harter Lockdown, der die Zahl der Neuinfektionen Richtung 1000 pro Tag drücken würde, die kostengünstigste Alternative ist. 5000 würden auch schon genügen, sagte sie bei "Anne Will".

Dies würde bedeuten, dass die Gesundheitsämter durch Nachverfolgung die Kontrolle zurückgewännen. Außerdem wäre dann auch die Anzahl der nicht erkannten Neuinfektionen um ein Vielfaches kleiner als jetzt. Man habe dann fast keine Dunkelziffer mehr, weil man die verfügbaren Tests auf die wenigen verbliebenen Infektionsketten konzentrieren könne, so Priesemann. Dieser Punkt sei besonders wichtig, da vor allem Menschen, die nicht wissen, dass sie positiv sind, das Virus weiterverbreiteten.

Man müsste die Reproduktionszahl (R) auf 0,7 senken, dann wäre man "in zwei, drei, maximal vier Wochen auch durch", so Priesemann. Der Teil-Lockdown hat R aber nur von 1,3 auf etwas unter 1 gedrückt, weshalb die Anzahl der Neuinfektionen nur sehr langsam zurückgeht beziehungsweise stagniert. Der Covid-Simulator der Universität des Saarlandes errechnet selbst bei einem R-Wert von 0,9 noch eine Inzidenz von deutlich über 100 zu Weihnachten, erst im Februar würde dann das Ziel einer 50er-Inzidenz erreicht werden.

Teuer, aber kalkulierbar

Die leichten Verschärfungen im Dezember werden R kaum in Richtung 0,7 zwingen. Weitere Maßnahmen oder sogar ein harter Lockdown träfen aber nicht nur die Wirtschaft hart. Möglicherweise müssten auch Schulen schließen oder psychische Probleme durch Vereinsamung und Probleme in Familien und Beziehungen nähmen wieder zu.

Die Kosten für einen harten Lockdown wären also sehr hoch. Allerdings blieben sie für alle Beteiligten weitgehend kalkulierbar und begrenzt. Und weil dann schon wieder viel früher als bei einem "ewigen" Teil-Shutdown Gastronomie, Kulturbetriebe, Sportstätten et cetera öffnen könnten, wären die Gesamtkosten zwar zunächst heftig, aber langfristig vermutlich geringer.

Auf Risikogruppen konzentrieren?

Trotzdem gibt es auch viele Anhänger einer Strategie, die sich darauf konzentriert, Risikogruppen zu schützen. Die bekanntesten Vertreter sind die Virologen Hendrik Streeck und Jonas Schmidt-Chanasit, die gemeinsam mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) ein Positionspapier erstellt haben.

Sie fordern darin eine Abkehr von der Eindämmung alleine durch Kontaktpersonennachverfolgung, ein bundesweit einheitliches Ampelsystem, eine Fokussierung auf Risikogruppen und vorwiegend Gebote statt Verbote. Erneute Lockdowns bezeichnen sie als reflexartige Konsequenz auf rasant steigende Neuinfektionen. Ein Rückgang der Fallzahlen sei "politisch zwar eine dringende Aufgabe, aber nicht um jeden Preis".

FDP-Chef Christian Lindner vertritt eine ähnliche Position. Er forderte bei "Anne Will" unter anderem kostenlose FFP2-Schutzmasken und Taxi-Gutscheine für Risikogruppen sowie Schnelltests, um den Zugang zu Pflegeheimen abzusichern. Er kritisiert, Bund und Länder hätten im Sommer versäumt, dies vorzubereiten.

Masken und Schnelltests kommen zu spät

Dass er damit wohl richtig liegt, zeigen die vielen Toten in deutschen Senioren- und Pflegeheimen. Seit Mitte Oktober sieht die neue Test-Strategie vor, dass Pflegeheime und Krankenhäuser "großzügig" Antigen-Schnelltests nutzen können, um Personal, Besucher sowie Patienten und Bewohner regelmäßig auf das Coronavirus zu testen. Doch in vielen Einrichtungen scheitert die Strategie an Bürokratie oder Personalmangel, oft gibt es einfach auch noch nicht genügend Schnelltests.

Ähnlich sieht es bei den FFP2-Masken aus. Erst Mitte des Monats beschlossen Bund und Länder, allen Mitgliedern von Risikogruppen etwa eine Maske pro Woche gegen eine "geringe Eigenbeteiligung" zu geben. Das betrifft rund 27 Millionen Menschen. Doch heute sagte Gesundheitsminister Jens Spahn, dies könne sich "bis weit in den Dezember" hinziehen.

Auch wenn die Planung zum verstärkten Schutz der Risikogruppen viel zu spät begonnen wurde, zeigen die Probleme bei Masken und Schnelltests, wie schwierig es ist, 27 Millionen Menschen zu schützen, wenn das Infektionsgeschehen außer Kontrolle geraten ist. Und wie kann man sich da erst die Schwierigkeiten bei Taxi-Gutscheinen vorstellen?

Wer zögert, geht den härtesten Weg

Ein Blick in die Welt zeigt, dass es bisher kein Land geschafft hat, bei hohen Infektionszahlen ihre Risikogruppen effektiv zu schützen - auch Schweden am Anfang der Pandemie oder die Schweiz in der zweiten Welle mussten ihre Sonderwege mit vielen Toten bezahlen. Und scheitert so eine Strategie, hat man außerdem wertvolle Zeit verspielt und sieht sich unter Umständen einem völlig außer Kontrolle geratenem Infektionsgeschehen gegenüber. Dies würde einen Kollaps des Gesundheitssystems mit allen daraus resultierenden Folgen bedeuten. Dazu gehören auch immense Schäden für die Wirtschaft.

Das bestätigt auch eine Studie des Institute for New Economic Thinking. Diejenigen, die verspätet reagierten oder zwischen den Strategien schwankten, hätten nicht nur sehr hohe Opferzahlen, sondern schädigten auch am stärksten ihre Wirtschaft, heißt es darin. Als Negativ-Beispiel nennen die Verfasser Großbritannien.

Mehr zum Thema

Es ist zwar auch kein geschriebenes Gesetz, dass ein harter Lockdown die gewünschte Wirkung zeigt. Aber Tschechien und andere europäische Länder beweisen, dass ein so konsequentes Vorgehen zu schnellen Erfolgen führen kann.

Deutschland sollte also wohl besser aufhören zu zögern und eine klare Entscheidung fällen. Möglicherweise ist eine Mischung aus hartem, aber kurzem Lockdown in Kombination mit einem konsequenten Schutz der Risikogruppen die beste Lösung, auch wenn sie schmerzhaft ist. Einen leichten Weg durch den Corona-Winter gibt es nicht und Deutschland muss sich jetzt schnell entscheiden, welchen Pfad es einschlägt.

Quelle: ntv.de