Ratgeber

Anbieter setzen auf Trägheit Strompreisrekord trotz Rekordtief! Handeln!

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Wer jetzt trotz Preiserhöhungswelle nicht handelt, darf sich über steigende Stromkosten nicht beschweren.

(Foto: imago images/McPHOTO)

Die Corona-Krise hat die Preise am Strommarkt um 17 Prozent einbrechen lassen. Stromanbieter können so günstig wie seit Jahren nicht mehr einkaufen. Verbraucher zahlen dennoch Rekordpreise. Verbraucherschützer fordern Kunden zum Wechseln auf. Jetzt!

Während Corona für viele Schwierigkeiten sorgt, gibt es aktuell immerhin einen Anlass zur Freude: Die Beschaffungskosten für Strom sind so günstig wie seit Jahren nicht mehr. Seit Mitte Februar sind die Preise an der Strombörse um 17,3 Prozent gefallen. Ein Rekordtief – zuletzt waren die Preise 2018 so günstig. Gleichzeitig haben seit Jahresbeginn 674 Grundversorger Preiserhöhungen vorgenommen, viele davon das zweite Jahr in Folge. Die durchschnittliche Erhöhung liegt laut Check24 bei 6,8 Prozent. Mit dabei die jüngst verschmolzenen Branchenriesen Eon und Innogy, die ihre Preise teilweise sogar um bis zu 12 Prozent erhöht haben. Viele Anbieter hatten steigende Beschaffungskosten als Hauptursache der Erhöhungen genannt. Das traurige Resultat: Deutschlands Verbraucher haben damit den Stromkosten-Spitzenreiter Dänemark mit den teuersten Strompreisen in Europa überholt.

Laut Experten kommt bei Verbrauchern bislang nichts von den Einsparungen an, über die sich die Stromanbieter gegenwärtig freuen können. Ganz im Gegenteil, sie gehen davon aus, dass Versorger nicht nur an den stark erhöhten Preisen festhalten, sondern auch noch anstehende Preiserhöhungen wie geplant durchsetzen. Stromkunden von Anbietern wie EnBW, Drewag oder Rheinenergie müssen trotz stark sinkender Beschaffungskosten bereits ab dem 1. April noch mehr an ihren Anbieter zahlen.

Bei Gaspreisen ist die Situation sehr ähnlich. Einkaufspreise für Gasanbieter sind seit Mitte Februar um 17,2 Prozent gefallen. In Summe über die letzten 12 Monaten sogar um fast 40 Prozent. Die wenigsten Grundversorger haben die dramatisch gesunkenen Beschaffungskosten an ihre Kunden weitergegeben. Vielmehr bezahlen viele Gaskunden, die ihrem lokalen Versorger noch immer die Treue halten, die gleichen Kosten wie vor einem Jahr.

Verbraucher zahlen 1,2 Milliarden Euro zuviel

Seit Jahren hat sich am Prinzip nichts geändert: Die Strompreise werden von den meisten Grundversorgern jährlich erhöht. Verbraucher äußern sich frustriert, unternehmen jedoch nichts dagegen, selbst wenn die Preise signifikant steigen wie jüngst der Fall. Die Trägheitswette der Anbieter geht auf. Folglich haben sie auch künftig wenig Interesse, daran etwas zu ändern. Dafür ist das Geschäftsmodell zu lukrativ. Schließlich befinden sich noch immer 27 Prozent aller Haushalte in Deutschland in den teuren Grundversorgertarifen. Laut Check24 zahlen Verbraucher in diesen Tarifen in Summe 1,2 Milliarden Euro mehr im Jahr, als sie eigentlich müssten. Dabei sind die jüngst stark gefallenen Beschaffungskosten der Anbieter noch nicht einmal eingerechnet. Das lohnt sich und spült viele hunderte Millionen Euro in die Kassen der Anbieter – der Energieriese Vattenfall vermeldete erst im Februar 1,4 Milliarden Euro Gewinn.

Verbraucherschützer kritisieren Geschäftspraxis der Anbieter

Anbieter können, wenn sie wollen, durchaus günstiger. Vor allem in Städten außerhalb ihres direkten Einzugsgebietes bietet ein Großteil der lokalen Grundversorger wesentlich niedrigere Preise an. Der Grund: Hier sind Anbieter im Wettbewerb und müssen durch günstige Angebote punkten. In Berlin liegt das jährliche Sparpotenzial für eine Familie mit 4000 kWh Stromverbrauch gegenwärtig bei 250 Euro (Stand: 27.3.2020). Bei Gaspreisen sind die Preisunterschiede noch dramatischer: Bei einem Verbrauch von 20.000 kWh lassen sich aktuell 541 Euro sparen!

Verbraucherschützer kritisieren bereits seit längerem den einseitigen Umgang mit Stromkunden: "Bei sinkenden Beschaffungspreisen müssen die Kunden oft jahrelang warten bis diese Entwicklung auf ihrer Rechnung ankommt. Steigen die Preise, haben sie dagegen schnell Post vom Versorger im Briefkasten oder im Mail-Postfach", sagte Udo Sieverding, Energieexperte der Verbraucherzentrale gegenüber der dpa.

Durch Corona verbrauchen Haushalte noch mehr teuren Strom

Ein weiteres Ärgernis für Verbraucher: Nicht nur wird der Strom teurer. Sie werden dieses Jahr auch mehr davon im Haushalt verbrauchen, da aufgrund der aktuellen Corona-Krise mehr Zeit zuhause verbracht wird. Je mehr Verbraucher ihr Eigenheim als Remote-Arbeitsplatz mit Computer und Bildschirm ausstatten, desto höher der Verbrauch. Auch der Verbrauch aufgrund der längeren Zeit vor dem heimischen Fernseher schlägt durchaus zu Buche.

Verbraucherschützer Sieverding rät auch deshalb klar zum Anbieterwechsel. "Viele Verbraucherinnen und Verbraucher hatten das vielleicht ohnehin einmal vor, jetzt könnten sie die Zeit dafür nutzen, die sie durch die aktuellen Einschränkungen zu Hause verbringen müssen", so Sieverding im Gespräch mit dem Messengerdienst Energate.

Warentest empfiehlt Tarifaufpasser für bequeme Kunden

Sogenannte Tarifaufpasser halten kontinuierlich nach günstigeren Strom- und Gaspreisen Ausschau und schlagen im Falle einer Preiserhöhung Alarm. Stiftung Warentest rät daher: "Wenn Sie keine Lust haben, ständig selbst Strom­tarife zu vergleichen und sich jähr­lich um einen Wechsel zu kümmern, ist ein Wechsel­dienst eine gute Wahl. Er sucht jedes Jahr für Sie ein gutes und güns­tiges Angebot aus und wechselt für Sie den Anbieter – entweder ganz auto­matisch oder nach Ihrer Zustimmung." Dazu behalten diese Tarifaufpasser die Kündigungsfristen der Verbraucher im Blick und werden rechtzeitig aktiv, ohne dass man sich selber darüber Gedanken machen braucht. Der wesentliche Unterschied zu den klassischen Vergleichsportalen: man vollzieht nicht nur einmalig den Wechsel zu einem günstigeren Tarif, sondern landet jedes Jahr automatisch im besten Tarifangebot.

Die Tester hatten neun solcher Tarifaufpasser einem Langzeittest unterzogen und kam zu einem positiven Ergebnis: "Das ist bequem und lohnt sich". Die Dienstleister Esave, SwitchUp.de, Wechselpilot und Wechselstrom wurden von Stiftung Warentest im Test als "sehr empfehlenswert" bewertet. Während man bei der Mehrheit der Tarifaufpasser eine Anteil der Ersparnis als Gebühr bezahlt, findet sich unter den sehr empfehlenswerten Wechselassistenten mit SwitchUp.de auch ein kostenfreier Service, der laut Stiftung Warentest der Marktführer unter den Tarifaufpassern ist.

Mithilfe dieser Dienstleister können Verbraucher vor allem in Zeiten von Corona sicherstellen, dass die Stromkosten aufgrund des heimischen Stromverbrauchs nicht weiter explodieren, sondern von den stark gesunkenen Einkaufspreisen profitieren. Vielleicht gelingt es auf diese Weise auch, Anbieter zu einem Umdenken zu bewegen, damit diese nicht länger ihren treuesten Kunden die höchsten Preise berechnen.

Quelle: ntv.de, awi