Fußball-EM

Die DFB-Elf in der Einzelkritik Löws Spaßfußballer schießen sich Mut an

Nun ist Lettland kein Gigant in der Welt des Fußballs, aber eine spielfreudige DFB-Elf macht im letzten Test vor der EM keine Kompromisse und überzeugt im Duell zweier Teams, die jüngst gegen Nordmazedonien verloren haben. Ein Blick zurück zeigt, dass das ein gutes Zeichen ist.

Ob es wohl Spaß macht, als wesentlich bessere Fußballmannschaft einen Gegner deutlich minderer Qualität zu deklassieren? Stellt man diese Frage der deutschen Nationalelf, so lautet die Antwort: ja! Die Spieler von Bundestrainer Joachim Löw haben am Montagabend, acht Tage vor ihrem Auftaktspiel bei der Europameisterschaft gegen Frankreich, mit 7:1 (5:0) gegen Lettland gewonnen. Sie taten das zur Freude der trotz der Pandemie 1000 zugelassenen Zuschauer im Düsseldorfer Stadion und zu ihrer eigenen Freude. Und das darf getrost als gutes Zeichen gewertet werden. Denn das war nicht immer so. Der letzte Gegner vor der Weltmeisterschaft 2018 war jetzt auch nicht um Klassen besser, doch die deutsche Mannschaft offenbar nicht ganz so motiviert. Sie quälte sich zu einem 2:1 gegen Saudi-Arabien. Wie die Sache in Russland dann ausging, dürfte hinlänglich bekannt sein.

Nun aber stand die DFB-Elf fast die gesamte Zeit unter Spannung. Das ist immer noch die beste Art, seinen Gegner und sich selbst ernst zu nehmen. Robin Gosens eröffnete das Schützenfest in der 19. Minute, 120 Sekunden später traf İlkay Gündoğan zum 2:0, Thomas Müller erhöhte auf 3:0 (27.). Das 4:0 (39.) von Kai Havertz schob die UEFA hinterher dem bedauernswerten lettischen Torhüter Roberts Ozols in die Schuhe, Serge Gnabry (45.) sorgte für den Pausenstand. Fünf Minuten nach dem Wiederanpfiff erzielte der eingewechselte Timo Werner das 6:0, Leroy Sané schoss das 7:1 (76.). Für den lettischen Ehrentreffer sorgte Aleksejs Saveljevs (75.). Den nahm der Bundestrainer zum Anlass, trotz der positiven Stimmung kritisch anzumerken, dass man ein Gegentor, das einem Einwurf entspringt, sicher besser verteidigen könne. Früher hätte Löw darüber nur milde gelächelt.

Nun aber stehen die Zeichen auf Abschied, und den will er sich nicht versauen lassen, schließlich ist nach dem Turnier Schluss und sein ehemaliger Assistent Hansi Flick übernimmt. Also mahnte Löw: "In Momenten nicht aufpassen, nicht wachsam sein - genau das bestrafen unsere Gegner, die wir haben. Über 90 Minuten bei jeder Situation die Konzentration hochhalten - das ist sicherlich noch zu verbessern." Dann wünschen wir frohes Üben in Herzogenaurach, wo er und die 26 Spieler nun bis auf Weiteres ihr EM-Quartier haben. Und hier endlich die deutschen Spieler in der Einzelkritik:

Manuel Neuer: Bester Mann seiner Mannschaft. Ach nein, vertan, das ist ja meist der Torhüter des Teams, das hoch verloren hat, ein Klassiker in der Sportberichterstattung. Glückwunsch also an Roberts Ozols. Neuer aber hatte auch etwas zu feiern. Der 35 Jahre alte Schlussmann des FC Bayern gewann nicht nur mit 7:1, es war auch noch sein 100. Länderspiel. "Es ist unglaublich für mich, dass ich jetzt dreistellig bin." Die Kollegen und Betreuer standen schon vor dem Anpfiff Spalier, er klatschte sie ab. Sein erstes Länderspiel am 2. Juni 2009 ging übrigens 7:2 aus, seinerzeit waren die Vereinigten Arabischen Emirate der Gegner. Läuft also alles auf ein 7:0 im 200. Länderspiel hinaus. Kleiner Scherz. Er hatte im Düsseldorfer Zweitligastadion schlichtweg nichts zu tun und war beim Gegentor machtlos: "Es ist halt so, es war ein Traumtor." Geärgert hat er sich dennoch.

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Ginter, eine solide Bank.

(Foto: REUTERS)

Matthias Ginter: Wenn der Jubilar im Tor nichts zu tun hatte, dann lag das nicht daran, dass die Abwehr vor ihm alles abgeräumt hätte. Die hatte nämlich auch nichts zu tun, zumindest nichts, was damit zu tun gehabt hätte, etwaige lettische Angriffswellen zu brechen. Ginter, der 27 Jahre alte Innenverteidiger von Borussia Mönchengladbach kam in seinem 40. Länderspiel am rechten Ende der Dreierkette zum Einsatz und fiel nicht weiter negativ auf. Anfangs war er noch derjenige aus dem Defensivtrio, der sich am häufigsten nach vorne wagte, gleich in der ersten Minute gelang ihm ein schöner Pass auf Thomas Müller, der aber aus spitzem Winkel an Lettlands Tormann scheiterte.

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Hummels, Abwehrchef.

(Foto: imago images/Jan Huebner)

Mats Hummels: Der 32 Jahre alte Rückkehrer von Borussia Dortmund leitete in seinem 72. Länderspiel als zentraler Spieler der Dreierkette gleich zwei Tore mit einem langen Außenristpass auf die linke Seite ein, den sonst nur noch der Münchner Jérôme Boateng spielen kann. Warum ist der eigentlich nicht dabei? Er, also Hummels, hat an Eleganz nichts verloren. Defensiv kaum gefordert, wir erwähnten es. Gut, dass er wieder dabei ist. Er ist der Abwehrchef für die EM.

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Lufthoheit für Rüdiger.

(Foto: imago images/MIS)

Antonio Rüdiger: Nun ja, der 28 Jahre alte Champions-League-Sieger vom FC Chelsea war auch dabei, verrichtete seinen Job souverän, sauber und präzise - und kommt nun auf 41 Länderspiele. Wo ist eigentlich Jérôme Boateng? Nach einer guten Stunde war Schluss. Für ihn kam der 25 Jahre alte Niklas Süle vom FC Bayern in die Partie, nachdem er beim 1:1 (0:0) gegen Dänemark am Mittwoch in Innsbruck noch in der Startelf gestanden und gut gespielt hatte, eine Mitschuld am Gegentor aber nicht hatte leugnen können. In seinem 31. Länderspiel sah er beim Treffer der Letten zumindest unglücklich aus, weil er keinen Druck auf seinen Gegenspieler ausübte. Er verkörperte in dem Moment das Spiel der Mannschaft in dieser Phase: Sie ließ es für einige Minuten schleifen. Das nutzt dann selbst Lettland aus. Und deshalb war Löw so unzufrieden.

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Allzeit bereit: Kimmich.

(Foto: dpa)

Joshua Kimmich: Nun ist es also passiert, der 26 Jahre alte Alleskönner vom FC Bayern ist in seinem 55. Länderspiel auf den Flügel und damit streng genommen ans rechte Ende der Fünferkette gerückt. Der Bundestrainer hält sich zwar noch bedeckt, so kennt man ihn, aber es spricht viel dafür, dass dies auch eine ernsthafte Option für die Partie gegen Weltmeister Frankreich am 15. Juni in München ist. Er, also Kimmich, ist so präsent, dass er sich auch als außenverteidigender Mittelfeldstürmer einbringen kann. Kann so der Mannschaft am meisten helfen, weil er ganz nebenbei einen Platz frei macht für einen weiteren Weltklassespieler - ob er denn Toni Kroos, İlkay Gündoğan, Kai Havertz, Leon Goretzka oder wie auch immer heißt.

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Corona-genesen und zurück im Team: Kroos.

(Foto: AP)

Sorry Lukas Klostermann: Aber es ist besser so. Das Überangebot an guten Mittelfeldspielern sorgt also dafür, dass der Anführer zur Not als Außenverteidiger spielen muss. Das spricht für die Qualität des Teams und deutet auf eine Parallele zum FC Bayern auf dem Weg zum Gewinn der Champions League im vergangenen Jahr hin: Seinerzeit ließ sich Kimmich auch überreden und brachte sich als Alleskönner auf der rechten Seite ein.

Toni Kroos: Die 31 Jahre alte Passmaschine von Real Madrid hatte nach seiner persönlichen Corona-Pause als Dirigent in der Zentrale in seinem 102. Länderspiel jetzt nicht die eine brillante Aktion, von der hinterher alle schwärmen. Aber er war ballsicher wie eh und je, spielte schöne lange Pässe und hatte immer alles im Griff. Wer kann das schon von sich behaupten?

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Teamplayer und Torschütze: Gündoğan.

(Foto: imago images/Matthias Koch)

İlkay Gündoğan: Der Champions-League-Finalverlierer von Manchester City zeigte in seinem 46. Länderspiel, dass er schon auf Turniertemperatur läuft. Nicht nur, weil er mit einem prachtvollen Schuss von der Strafraumgrenze das 2:0 und somit sein elftes Tor für die Nationalmannschaft erzielte. Sondern auch, weil er es selbst gegen harmlose Letten schaffte, sich mit Marcis Oss anzulegen und so die Gelbe Karte zu sehen. Das schafft sonst nur der Kollege Kimmich. Er, also Gündoğan, scheint seine Topform mit in die Nationalelf zu nehmen. Nach einer guten Stunde durfte er sich ausruhen. Für ihn wechselte der Bundestrainer den 27 Jahre alten Emre Can von Borussia Dortmund ein, der die Partie gegen Dänemark angeschlagen verpasst hatte und nun auf 33 Länderspiele kommt.

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Dieser Einschlag kennzeichnet Gosens erstes Länderspieltor.

(Foto: AP)

Robin Gosens: Dürfte sich nach den Testspielen gegen Dänemark und jetzt gegen Lettland bei der Suche nach dem linken Außenverteidiger als Nummer eins durchsetzen. Der 26 Jahre alte Abwehrspieler von Atalanta Bergamo gab in seinem siebten Länderspiel noch einmal eine klasse Bewerbung ab: tolles Tor, Premiere im Dress des DFB, mit dem er das Netz schon mal vorwärmte für das 2:0 durch Gündoğan, der genau in dieselbe Ecke zielte. Bereitete das 3:0 durch Thomas Müller vor, weil er sich auch die Läufe bis zur Grundlinie zutraut. Sein Fazit: "Das war mein Ziel, dass ich mich hier empfehle." Nach 61 Minuten kam der 28 Jahre alte Freiburger Christian Günter für Gosens auf den Rasen und somit zu seinem dritten Länderspiel.

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Havertz kann einfach alles, sogar Streitschlichter sein.

(Foto: imago images/Nordphoto)

Kai Havertz: Ist der Gewinner des Spiels, weil sich keiner mehr fragte, warum eigentlich nicht Leroy Sané spielte. Okay, der Gegner hieß in seinem 14. Länderspiel nur Lettland, aber Havertz scheint derzeit alles zu gelingen - wie beim 4:0, bei dem der Torwart seinen Schuss ins Tor abfälscht. Sein goldenes Tor im Finale der Champions League für den Chelsea hat dem 21 Jahre alten Offensivspieler so viel Selbstbewusstsein gegeben, dass er sich selbst die kaum erfolgversprechenden Durchbrüche bis zur Grundlinie zutraut - wie vor dem 1:0, das er klasse vorbereitete. Diese Unbekümmertheit könnte auch gegen Frankreich helfen. Nach der Pause durfte sein vier Jahre älterer Klubkollege Timo Werner für ihn ran. Der erzielte in seinem 39. Länderspiel prompt seinen 16. Treffer, leitete das finale 7:1 von Leroy Sané ein und dürfte damit seinen Akku in Sachen Selbstbewusstsein aufgeladen haben.

Thomas Müller: Der 31 Jahre alte Angreifer des FC Bayern ist wieder durch und durch Thomas Müller - und das ist eine tolle Nachricht. Zudem: Überall und irgendwann macht er ein Tor, in seinem 102. Länderspiel war es das 39. Tor für die DFB-Elf und sein erstes Tor seit März 2018, damals auch in Düsseldorf. Sein Fazit: "Man hat ein sehr überzeugendes Spiel von uns gesehen." Und wie läuft die EM? "Wir wollen schwungvollen und attraktiven Fußball spielen. Sagen wir mal so: Wir haben uns bis Mitte Juli freigehalten." Das Endspiel findet am 11. Juli in London statt. In der 77. Minute kam sein 18 Jahre alter Vereinskollege Jamal Musiala in die Partie, es war sein drittes Länderspiel.

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Engagiert: Gnabry.

(Foto: imago images/Uwe Kraft)

Serge Gnabry: Der 25 Jahre alte Angreifer des FC Bayern fiel in seinem 22. Länderspiel erst nicht groß auf - und schoss dann das Tor zum 5:0, sein 16. insgesamt im DFB-Team. Es gibt Schlimmeres im Fußball - zum Beispiel, wenn es umgekehrt läuft. Zudem bleibt seine Quote fantastisch. Zur zweiten Halbzeit kam Gnabrys Klubkollege Leroy Sané. Der 25 Jahre alte Supertechniker sorgte in seinem 29. Länderspiel mit seinem Tor für die prompte Antwort auf das Gegentor. Respekt, es war sein sechster Treffer für die Nationalmannschaft.

Quelle: ntv.de

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