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40 Millionen Omikron-Fälle? Epidemiologe: "Wir sollten vom Worst Case ausgehen"

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Nie wieder Lockdown? Omikron könnte einen Strich durch die Rechnung machen.

(Foto: picture alliance / ZB)

Omikron breitet sich weiter rasant aus. Schon in wenigen Wochen könnte die Corona-Mutante auch in Deutschland vorherrschend sein. Besorgniserregend ist dabei, dass die Impfungen kaum vor einer Ansteckung schützen. Was das für das Infektionsgeschehen bedeutet, erklären Expertinnen und Experten.

Seit November hält die neue Omikron-Variante des Coronavirus die Welt in Atem. Nicht nur in Südafrika, wo die Mutante erstmals nachgewiesen wurde, nehmen die Infektionszahlen rasant zu - auch in Großbritannien und Dänemark steigen sie immer stärker an. Deutschlands nördlichster Nachbar registrierte inzwischen fast 3500 neue Omikron-Fälle. In Großbritannien liegt der Anteil der Variante bereits bei 20 Prozent. Erfolge in der Impfkampagne scheinen dabei kaum eine Rolle zu spielen. Für Deutschland bedeutet das nichts Gutes.

Vor allem das hohe exponentielle Wachstum bereitet Wissenschaftlern und Politikern Sorge. In Großbritannien verdoppeln sich die Omikron-Fallzahlen alle zwei bis drei Tage, die Regierung fürchtet Ende des Monats mehr als eine Million Infektionen durch die Mutante. "Das ist eine Geschwindigkeit, die wir von vorherigen Varianten nicht kennen", sagt Epidemiologe Dirk Brockmann bei einem Press Briefing des Science Media Center. Selbst wenn jetzt Maßnahmen ergriffen würden, seien sehr hohe Infektionszahlen kaum zu vermeiden, wenn die Omikron-Welle in Deutschland an Schwung gewinne.

Modellierungen von britischen Forschenden sagen für den Zeitraum von Dezember bis April voraus, dass das Virus 30 bis 40 Millionen Menschen infizieren könnte. Das ließe sich auch auf Deutschland übertragen und würde bedeuten, dass knapp 50 Prozent der Bevölkerung betroffen sein würden, erklärt Brockmann. Das seien zwar hypothetische Annahmen, aber sie zeigten, "wie durch Omikron sehr, sehr hohe Fallzahlen erreicht werden können".

Vieles deutet somit darauf hin, dass die Variante deutlich ansteckender ist. Ob sie allerdings auch gefährlicher ist, lässt sich mit Sicherheit noch nicht sagen. Erste Untersuchungen aus Südafrika deuten darauf hin, dass Infizierte eher nur leicht erkranken. "Für Deutschland haben wir noch keine systematischen Daten", sagt Virologin Sandra Ciesek. "Wir wissen also nicht, wie schwer die Erkrankungen tatsächlich sind." Die südafrikanische Bevölkerung sei nicht mit der in Europa vergleichbar. Die Südafrikaner sind eher jung. Der Kap-Staat hätte zudem eine deutlich höhere Infektionsrate gehabt, sagt die Wissenschaftlerin. Das bedeutet: Viele sind genesen. "Wie es in Deutschland wird, wisse man noch nicht." Das hänge stark davon ab, wer sich infiziert, wie alt sie sind und welche Vorerkrankungen sie haben.

Impfungen weniger wirksam

Das große Problem: Die immunologische Abwehr der deutschen Bevölkerung ist gering, da die Impfungen vor Omikron nicht mehr so gut schützen, wie vor ihren Vorgängerinnen. Virologin Sandra Ciesek hat die Wirksamkeit von Biontech, Moderna und Astrazeneca in Bezug auf die neue Variante in einer Laborstudie untersucht. Das erschreckende Ergebnis: Sechs Monate nach der zweiten Spritze weisen die Vakzine kaum mehr einen Schutz vor einer Omikron-Infektion auf. Booster-Impfungen sind daher unabdingbar. "Zwei Wochen nach der Booster-Impfung lag die Wirksamkeit der Impfstoffe bei 58 bis 68 Prozent", sagt Ciesek. Doch auch hier falle der Schutz nach drei Monaten wieder ab. Einen großen Unterschied bei den mRNA-Vakzinen konnte die Wissenschaftlerin dabei nicht feststellen.

Daten zur Wirksamkeit gegen einen schweren Verlauf sind hingegen optimistischer. "Die Immunantwort nach einer Impfung besteht aus zwei Pfeilern", erklärt Christoph Neumann-Haefelin, Leiter der Arbeitsgruppe Translationale Virusimmunologie am Universitätsklinikum Freiburg. Dem ersten Schutzwall der Antikörper könne Omikron sehr gut entkommen. "Aber dann gibt es auch noch die T-Zellen, die die Krankheit kontrollieren, sobald das Virus eingedrungen ist." Die Mutationen von Omikron verminderten die T-Zellen-Antwort deutlich weniger, sagt Neumann-Haefelin. "Eine konsequente Impfung kann daher schwere Verläufe verhindern." Ganz ausschließen kann man sie allerdings nicht. Laut einer aktuellen Studie aus Südafrika bietet eine zweifache Biontech-Impfung einen 70-prozentigen Schutz vor schweren Verläufen, die einen Krankenhausaufenthalt erforderlich machen.

Die Regierung braucht einen Notfallplan

Dass allein die Impfungen die drohende Omikron-Welle stoppen können, bezweifeln alle drei Expertinnen und Experten. "Selbst wenn sich heute alle Ungeimpften impfen lassen würden, würde es noch Wochen dauern, bis der Schutz da ist", sagt Ciesek. Das treffe auch auf das Boostern zu, das die Bundesregierung derzeit mit Hochdruck vorantreibt. "Es reicht nicht, sich nur darauf zu konzentrieren", mahnt die Virologin. "Das dauert viel zu lange, das Virus ist viel schneller."

Kommt Deutschland also um einen weiteren Lockdown nicht drumherum? "Man muss über alles nachdenken", sagt Epidemiologe Brockmann. "Wir sollten vom Worst Case ausgehen." Dann habe man im schlimmsten Fall zu viel getan, aber das Übel abgewendet. Er hat Sorge, dass eine Kaskade von Events einsetzt, die die Wissenschaft und die Politik noch gar nicht absehen kann. Es brauche daher einen Notfallplan. "Was passiert, wenn Omikron bis Januar dominant wird? Was, wenn täglich 3000 Leute hospitalisiert werden müssen?" Die Regierung müsse antizipatorisch und nicht reaktiv handeln. Denn bei Omikron werde auch keine wärmere Jahreszeit helfen, ist der Experte überzeugt.

Die Politik habe in der Vergangenheit zu spät gehandelt, kritisiert auch Ciesek. Eine Omikron-Welle könne man wohl nicht mehr aufhalten. "Aber man kann sie entschleunigen: mit Maske-Tragen, AHAL-Regeln und Tests - auch bei geboosterten Menschen." Denn auch eine Auffrischungsimpfung biete keinen 100-prozentigen Schutz vor einer Infektion. "Vor allem wenn man Kontakt mit Risikogruppen hat, muss man weiterhin vorsichtig sein", mahnt die Expertin.

Noch wisse man zu wenig über die neue Variante, sagt Neumann-Haefelin. Fakt sei aber, dass "die Intensivstationen schon jetzt voll sind. Wir haben 500 Todesfälle pro Tag." Auch wenn die Hoffnung groß sei, dass die Omikron-Variante weniger gefährlich ist als ihre Vorgänger: "Sich darauf zu verlassen, wäre sehenden Auges in die Katastrophe zu rennen."

Quelle: ntv.de

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