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Auf der ganzen Welt könnten Tiere wie Afrikanische Elefanten oder Große Pandas regional verschwinden, genau wie zehntausende Pflanzen, Insekten und kleinere Lebewesen, die die Grundlage des Lebens auf der Erde bildeten, so der WWF.
Auf der ganzen Welt könnten Tiere wie Afrikanische Elefanten oder Große Pandas regional verschwinden, genau wie zehntausende Pflanzen, Insekten und kleinere Lebewesen, die die Grundlage des Lebens auf der Erde bildeten, so der WWF.(Foto: dpa)
Donnerstag, 15. März 2018

"Zu Lebzeiten unserer Kinder": Hälfte aller Arten droht auszusterben

Der Klimawandel wird einer WWF-Studie zufolge zu einer ernsthaften Gefahr für die Artenvielfalt in besonders schützenswerten Regionen. In sehr artenreichen Gebieten seien 25 bis 50 Prozent der Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht. Gibt es einen Ausweg?

Dem Klimawandel werden in den nächsten Jahrzehnten bis zur Hälfte aller Tier- und Pflanzenarten in den weltweit bedeutendsten Naturregionen zum Opfer fallen. Das ist das Ergebnis einer Studie der britischen Universität East Anglia und der James-Cook-Universität in Australien im Auftrag des WWF. Sie wurde in der Zeitschrift "Climatic Change" veröffentlicht.

Sollten die vom Menschen verursachten Treibhausgas-Emissionen weitergehen wie bisher, würde demzufolge bis zum Jahr 2080 jede zweite Art aus den untersuchten Gebieten verschwinden. Selbst wenn die Zwei-Grad-Begrenzung eingehalten würde, also das obere Limit der Beschlüsse des Pariser Klimaschutzabkommens, fiele der Rückgang der Artenvielfalt noch deutlich aus: Dann würde noch jede vierte Spezies in den Schlüsselregionen aussterben.

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"Naturparadiese wie der Amazonas oder die Galapagosinseln drohen noch zu Lebzeiten unserer Kinder weitreichend zerstört und der Hälfte ihrer Tier- und Pflanzenarten beraubt zu werden", sagt Christoph Heinrich, Vorstand Naturschutz beim WWF Deutschland. "Das ist kein Schicksal, sondern direkte Folge der menschengemachten Klimaerhitzung. Auf der ganzen Welt könnten ikonische Tiere wie Afrikanische Elefanten oder Große Pandas regional verschwinden, genau wie zehntausende Pflanzen, Insekten und kleinere Lebewesen, die die Grundlage des Lebens auf der Erde bilden."

Auswirkungen auf 80.000 Tier- und Pflanzenarten

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Für die Studie haben die Forscher die Auswirkungen des Klimawandels auf fast 80.000 Tier- und Pflanzenarten in 35 Regionen untersucht, die zu den artenreichsten der Welt zählen, darunter der Amazonas-Regenwald, das Kongobecken oder der Mittelmeerraum. Drei verschiedene Klima-Szenarien und ihre Wirkungen auf die biologische Vielfalt werden durchgespielt. Wenn es weiterginge wie bisher, erlebte die Erde einen durchschnittlichen Temperaturanstieg von 4,5 Grad Celsius (gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter) - das hätte die verheerendsten Effekte zur Folge. Ebenfalls betrachtet wurden ein Anstieg um 3,2 Grad, der den bisher zugesagten Klimaschutzmaßnahmen der Staaten entspricht sowie eine erfolgreiche Begrenzung der weltweiten Erhitzung auf maximal zwei Grad.

Besonders hart treffen wird es laut Studie die Miombowälder im südlichen und östlichen Afrika, den Amazonas-Regenwald sowie den Südwesten Australiens. Sollte es zu einem durchschnittlichen globalen Temperaturanstieg von 4,5 Grad kommen, auf den die Menschheit aktuell zusteuert, hätte das in diesen und weiteren Regionen dramatische Folgen:

- Aus den Miombowäldern verschwänden bis zu 90 Prozent aller Amphibien, 86 Prozent aller Vogel- sowie 80 Prozent aller Säugetierarten.
- Für den Amazonas-Regenwald rechnen die Forscher mit einem Rückgang der Pflanzenvielfalt um 69 Prozent.
- In Südwestaustralien stünden 89 Prozent aller Amphibien vor dem regionalen Aussterben.
- Auf Madagaskar wird ein Verlust von bis zu fast 60 Prozent sämtlicher Tier- und Pflanzenarten prognostiziert.

Gründe für Rückgang der Artenvielfalt

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Was aber sind die Gründe für den erwarteten enormen Rückgang der biologischen Vielfalt? Sie liegen laut der Studie vor allem in den veränderten Lebensbedingungen, die die Klimaerwärmung in den Regionen mit sich bringt und mit denen die Arten unterschiedlich gut umgehen können: Die Bestände des Afrikanischen Elefanten werden deutlich zurückgehen aufgrund steigender Temperaturen und sinkendem Niederschlag: Elefanten trinken pro Tag 150 bis 300 Liter und sind auf entsprechend hohe Wasservorräte angewiesen.

Auf ganz andere Weise betroffen sein werden die Tiger in den Sundarban-Mangroven Bangladeschs und Indiens. 96 Prozent ihres Verbreitungsgebietes auf dem indischen Subkontinent werden bei einem durchschnittlichen Temperaturanstieg von 4,5 Grad mittel- bis langfristig unter dem steigenden Meeresspiegel verschwinden.

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Um zu überleben, werden viele Arten gezwungen, sich anzupassen – entweder an die neuen Bedingungen vor Ort oder durch Abwanderung in andere Gebiete. Würde den Tieren und Pflanzen die notwendige Ausbreitung ermöglicht, errechnet die Studie einen Rückgang der lokalen Wahrscheinlichkeit des Aussterbens von 25 auf 20 Prozent (im Szenario eines globalen mittleren Temperaturanstiegs von zwei Grad). Nach Angaben der Autoren wird dies jedoch in vielen Fällen gar nicht möglich sein - aufgrund von menschlicher Infrastruktur, aber auch natürlicher Hindernisse wie Flüssen oder Bergen. Viele Arten werden zudem schlicht nicht in der Lage sein, sich über wenige Jahrzehnte hinweg anzupassen oder in andere Gebiete auszubreiten, darunter die meisten Pflanzen, Amphibien und Reptilien wie Orchideen, Frösche und Eidechsen.

"Um die Vielfalt an Leben auf der Erde zu erhalten, müssen wir die globale Erhitzung so gering wie möglich halten", so Heinrich vom WWF. "Die bisher von den Staaten zugesicherten Maßnahmen sind viel zu zaghaft und werden Mensch und Natur vor massive Probleme stellen. Das Ziel muss sein, so nah wie möglich an die in Paris anvisierten 1,5 Grad zu kommen. Wenn uns das gelingt und wir gleichzeitig die Lebensräume und Wanderwege schützen, können wir das schlimmste Artensterben noch abwenden."

Der WWF bekräftigte zudem seine Forderung an die Bundesregierung, aus Kohle, Öl und später Erdgas auszusteigen. Diese seien die Haupttreiber des Klimawandels.

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Quelle: n-tv.de