Wissen

Warum Viren schwere Gegner sind "Sensation, dass wir überhaupt etwas haben"

imago80130399h.jpg

Das Virus Sars-CoV-2 - bisher gibt es kein zugelassenes Medikament gegen den Erreger.

(Foto: imago/Science Photo Library)

Die Coronavirus-Pandemie offenbart: Wenn es um wirksame Medikamente gegen Viren geht, tut sich die Medizin immer noch schwer. Warum das so ist, das erklärt Arzt und Medizinjournalist Dr. Christoph Specht im Gespräch mit ntv.de - er sagt aber auch, welche Substanzen schon große Fortschritte im Kampf gegen Viren brachten.

ntv.de: Herr Dr. Specht, seit fast hundert Jahren machen Antibiotika Infektionen durch Bakterien zu einem lösbaren Problem. Doch die Forschung tat sich lange schwer damit, Medikamente gegen Viren zu entwickeln - worin besteht der Unterschied?

Dr. Specht: Viren sind ja deshalb so erfolgreich, weil sie im Vergleich etwa zu Bakterien oder gar Parasiten so extrem simpel aufgebaut sind. Sie sind ja eigentlich nur ein Schnipsel Genmaterial, das mehr oder weniger gut verpackt ist. Das bedeutet, Viren haben keinen eigenen Stoffwechsel, können sich selbst auch gar nicht vermehren. Sie müssen dafür eine Zelle infizieren, in sie eindringen und diese Zelle dann als ihre Fabrik benutzen. Weil aber Viren keinen eigenen Stoffwechsel besitzen, bieten sich auch weniger Angriffspunkte für mögliche Medikamente.

Und bei Bakterien ist das anders - die verfügen über einen Stoffwechsel ...

Gegen Bakterien vorzugehen ist zwar auch schwierig, weil diese gegen viele Substanzen Resistenzen entwickeln. Bakterien bieten aber viele verschiedene Angriffspunkte, ein wichtiger ist zum Beispiel ihre Zellwand. Aber eben auch der Stoffwechsel der Bakterien ist verwundbar. Bei den Viren haben wir diese Angriffspunkte so gut wie nicht.

Wie kann ein Medikament gegen Viren dann überhaupt wirken?

Ein Ansatz sind Medikamente, die verhindern, dass ein Virus in die Zellen eindringt. Andere Medikamente wiederum sollen das Virus daran hindern, sich in der Zelle zu vermehren. Es gibt noch den dritten Ansatz, bei dem unterbunden wird, dass die gebildeten Viren wieder aus der Zelle heraus geschleust werden. Das wären also drei mögliche Angriffspunkte. Aber das ist natürlich überhaupt nichts im Vergleich zu den vielen Angriffspunkten im Stoffwechsel eines Bakteriums. Dass wir überhaupt antivirale Medikamente haben, ist eine Sensation.

Gibt es unter den antiviralen Medikamenten bereits echte Erfolgsgeschichten?

Das wahrscheinlich erfolgreichste Medikament in dieser Hinsicht ist ein Medikament gegen Hepatitis C, das es noch nicht sehr lange gibt. Früher war Hepatitis C eine chronische Infektion, die man immer nur etwas herunterdrücken konnte. Seit einigen Jahren gibt es aber ein Medikament, womit man tatsächlich die Hepatitis-C-Viren komplett eliminieren kann. Das ist sensationell.

Unter den möglichen Medikamenten, die gegen das derzeit grassierende Virus Sars-CoV-2 eingesetzt werden sollen, tauchen oft Substanzen auf, die bereits gegen HIV entwickelt wurden - hat der Kampf gegen den Aids-Erreger die Wissenschaft also entscheidend vorangebracht?

Die HIV-Forschung hat tatsächlich sehr viel gebracht im Sinne der antiviralen Therapie. Auch die Ebola-Epidemie ab 2014 hat auch noch mal einen Schub gegeben. Es wird jetzt immer mehr Medikament gegen Viren geben. Aber es ist und bleibt tatsächlich sehr viel schwieriger, gegen Viren etwas zu entwickeln als gegen Bakterien.

Mit Dr. Christoph Specht sprach Kai Stoppel

Weitere Interviews mit Dr. Specht zum Thema Coronavirus finden Sie hier:

Quelle: ntv.de