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Gefährliche Brocken aus dem All So stoppt man Asteroiden auf Kollisionskurs

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Eine schöne Darstellung eines katastrophalen Szenarios: Ein großer Asteroid schlägt auf der Erde ein.

(Foto: imago/StockTrek Images)

Vor 66 Millionen Jahren reicht vermutlich ein Asteroid, um die Dinosaurier auszulöschen. Dieses Schicksal kann auch für uns nicht ausgeschlossen werden. Weltraumforscher überlegen deshalb, wie man solche Objekte ablenken kann. Ganz falsch lag Hollywood mit "Armageddon" nicht.

An diesem Sonntag wird's für Sternengucker aufregend: Der Himmelskörper "2001 FO32" rauscht an der Erde vorbei. Gefährlich ist der Asteroid nicht. Er hat zwar einen Durchmesser von 500 bis 700 Metern, werde sich der Erde aber nur auf etwa fünf lunare Distanzen nähern, teilte die Nasa diese Woche mit. Eine lunare Distanz beschreibt die Entfernung von der Erde zum Mond. "Es besteht keine Kollisionsgefahr - weder jetzt noch in den kommenden Jahrzehnten", verspricht die US-Raumfahrtbehörde.

Das gilt aber nicht für alle Himmelskörper. "Die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwann ein Asteroid auf die Erde zurast, liegt bei 100 Prozent", sagt Asteroidenforscher Alan Harris vom DLR, dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". "Es wird auf jeden Fall passieren. Wir wissen aber natürlich nicht, wann und wie groß er sein wird."

Ein ganz großer Brocken mit einem Durchmesser von zehn bis zwölf Kilometern hat vor 66 Millionen die Dinosaurier ausgelöscht. So einen Riesen muss man im 21. Jahrhundert auf der Erde nicht mehr fürchten. Asteroiden mit einem Durchmesser von mehr als einem Kilometer sind schon zu 95 Prozent entdeckt und erfasst, schätzt Harris. Von denen rast keiner auf unseren Planeten zu.

Ab 50 Metern wird es "unangenehm"

Es gibt aber viele andere, die als "Potentially Hazardous", gelten, wie Asteroidenforscher Harris verrät. "Potenziell gefährlich" können schon vergleichsweise kleine Himmelskörper mit einem Durchmesser von etwa 100 Metern sein. Brocken von dieser Größe würden beim Eintritt in die Erdatmosphäre nicht mehr verglühen, sondern auf der Oberfläche einschlagen. Aber auch diese Himmelskörper sind eine Rarität: Sie rasen nur etwa alle 10.000 Jahre auf die Erde zu.

Die wirklich interessanten Objekte für Astronomen sind noch kleiner. Asteroiden mit einem Durchmesser von etwa 30 oder 40 Metern, denn ab 50 Meter wird es "unangenehm", wie Alan Harris sagt. "Das ist die Grenze, bei der man überlegen würde: Sollte man etwas unternehmen?"

Alan Harris, Senior-Professor am Institut für Planetenforschung des DLR

Alan Harris ist Senior-Professor am Institut für Planetenforschung des DLR

(Foto: Alan Harris)

Asteroiden dieser Größe kreuzen alle paar Hundert Jahre unsere Umlaufbahn, nehmen Kurs auf die Erde und richten großen Schaden an. 2013 ist ein etwa 20 Meter großes Objekt über der russischen Stadt Tscheljabinsk explodiert. Diese Explosion habe Tausende Gebäude beschädigt, erzählt Harris in "Wieder was gelernt". "Hauptsächlich sind Glassplitter und Bruchstücke durch die Luft geflogen, 1500 Leute haben medizinische Hilfe aufgesucht. Passiert das mit einem 50 Meter großen Asteroiden über einer Großstadt wie Berlin oder London, könnte es im schlimmsten Fall Millionen Todesopfer geben."

Kleine Brocken übersieht man schnell

Diese kleineren, potenziellen Großstadt-Killer kommen im All sehr viel häufiger vor als die großen Brocken, welche ein globales Ökosystem auslöschen können. Durch ihre geringe Größe kann man sie sehr schnell übersehen - wie im Fall Tscheljabinsk. "Astronomen entdecken jedes Jahr Hunderte neue kleine Asteroiden", erzählt Alan Harris. Je besser und raffinierter die Technik werde, desto mehr werden es.

"Wieder was gelernt"-Podcast

"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Bekommt die Deutsche Bank ihr Geld von Donald Trump zurück? Warum müssen manche Berufspiloten Geld für ihren Job zahlen? Warum ist Chiphersteller TSMC das wichtigste Unternehmen auf der Welt? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

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2020 zum Beispiel sind 2985 kleine Asteroiden katalogisiert worden, so viele wie noch nie. Darunter war auch ein 340 Meter breiter Gesteinsbrocken namens Apophis. 2029 jagt er das nächste Mal an der Erde vorbei, dann nur noch in 40.000 Kilometern Entfernung und damit in einer Region, in der einige sehr hoch fliegende Satelliten unterwegs sind.

Haben Astronomen am Himmel ein sich bewegendes Objekt aufgespürt, können sie mithilfe einer Software deren Position in den kommenden Nächten berechnen. Auf diese Weise erhält man schon ein paar Tage später eine ungefähre Umlaufbahn des Himmelskörpers. Sollte diese den Weg der Erde kreuzen, kommt der schwierige Teil: Wie verhindern man den Einschlag?

Atomwaffen? Vielleicht. Armageddon? Nein

Die bekannteste Methode stammt vermutlich aus dem Hollywood-Film "Armageddon": Dort schickt die Nasa eine bemannte Mission zum Asteroiden, das Team um Bruce Willis und Ben Affleck bohrt ein Loch und versenkt darin eine Atombombe. Boom, der Asteroid zerbröselt zu Weltraumstaub. Problem gelöst. Oder auch nicht. "Einen sehr großen Asteroiden würde man nicht auseinanderbrechen wollen, weil es viele große Bruchstücke geben könnte, die stattdessen auf die Erde fallen", erklärt Asteroidenforscher Harris die Gefahr.

Aber Atomwaffen sind tatsächlich eine Idee, die durchgespielt wird. Es wird überlegt, ob man sie kurz über der Oberfläche zünden könnte. Im Idealfall würde die Strahlung, die dabei entsteht, die Oberfläche des Asteroiden abkochen. Die würde sich ablösen und ins Weltall hinausschleudern. "Dann hätte man eine Art Düseneffekt, der den Asteroiden in die Gegenrichtung schieben und auf diese Weise ablenken würde", sagt Alan Harris.

Das Problem an solchen Überlegungen ist, dass niemand weiß, ob es wirklich funktionieren würde, denn für Atomwaffen gilt im Weltall aus einem nachvollziehbaren Grund ein Testverbot: Niemand möchte riskieren, dass etwas schiefläuft und plötzlich eine Atombombe auf die Erde fällt.

Testlauf im Juli 2021

Astronomen wie Alan Harris befürworten deshalb eine andere Methode, den kinetischen Impaktor. "Der ist ganz einfach", erklärt der Asteroidenforscher. "Man startet eine relativ schwere oder massive Raumsonde und lässt die in den Asteroiden einschlagen. Durch diesen Impuls kann man die Umlaufbahn ändern."

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Dass diese Methode funktionieren kann, wissen Alan Harris und das DLR aus eigener Erfahrung: Gemeinsam mit Kollegen aus Russland und den USA sowie Partnern aus Forschung und Industrie haben sie von 2012 bis 2016 das Projekt "Neoshield" durchgeführt. Dabei haben sie untersucht, wie sich ein Asteroid verhält, wenn eine Raumsonde auf ihm einschlägt, und entsprechende Missionen entworfen. Den ersten Praxistest gibt es im Juli: Dann will die Nasa erstmals eine kühlschrankgroße Raumsonde namens "Dart" ins All schießen. Mit einer Geschwindigkeit von 6,6 Kilometern pro Sekunde soll sie im September 2022 in den etwa 160 Meter breiten Minimond des Asteroiden Didymos krachen.

Bis man weiß, ob der kinetische Impaktor funktioniert, vergehen also noch ein paar Monate. Aber es gibt ja keinen Zeitdruck. Sollte tatsächlich mal ein größerer Brocken auf die Erde zurasen, werden wir mehrere Jahrzehnte vorher Bescheid wissen und können wahrscheinlich sogar noch Erkundungsmission dorthin schicken, um herauszufinden, woraus er besteht - und dann die perfekte Ablenk-Mission planen.

Podcast und Text sind in ähnlicher Form bereits im April 2019 auf ntv.de erschienen.

Quelle: ntv.de

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