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Forscher für Asteroiden-Abwehr "Ein Brocken könnte ganz Europa verwüsten"

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Der Einschlag eines großen Asteroiden könnte katastrophale Folgen haben.

(Foto: imago/Science Photo Library)

Mehr als 1000 Forscher fordern Anstrengungen zum Bau einer Asteroiden-Abwehr - einer davon ist Meteoritenforscher Kai Wünnemann. Mit n-tv.de spricht er darüber, welche verheerenden Folgen ein Einschlag in Europa hätte, gegen welche Brocken wir uns theoretisch wehren könnten und gegen welche nicht.

Die Europäische Weltraumagentur Esa plant die Mission "Hera" zu einem erdnahen Asteroiden, die das Wissen über diese so genannten Near Earth Objects (NEOs) vertiefen soll. "Hera" soll der erste Schritt zum Bau einer funktionierenden Asteroiden-Abwehr sein, welche die Erde vor katastrophalen Einschlägen schützen soll.

Mehr als 1000 Wissenschaftler betonen zuletzt ihre ausdrückliche Unterstützung für die "Hera" Mission - einer davon ist Meteoritenforscher Kai Wünnemann. Mit n-tv.de spricht er darüber, welche verheerenden Folgen ein Einschlag in Europa hätte, gegen welche Brocken wir uns theoretisch wehren könnten und gegen welche nicht.

n-tv.de: Herr Wünnemann, gemeinsam mit mehr als 1000 Kollegen fordern Sie die Umsetzung der noch nicht endgültig beschlossenen "Hera"-Mission der Europäischen Weltraumagentur Esa. Sie soll Wissen sammeln, um die Erde künftig vor gefährlichen Einschlägen durch sogenannte erdnahe Objekte oder Near Earth Objects (NEOs) schützen zu können. Ist die Gefahr eines Asteroideneinschlags wirklich so akut?

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Kai Wünnemann ist Leiter der Forschungsabteilung "Impakt- und Meteoritenforschung" am Museum für Naturkunde in Berlin.

(Foto: Carola Radke)

Kai Wünnemann: Unter den größeren Brocken, die wir beobachten und deren Flugbahnen wir kennen, gibt es keinen, von dem die akute Gefahr ausgeht, dass er in den nächsten 100 Jahren die Erde trifft. Jedenfalls nicht in Form eines Einschlags mit katastrophalen Dimensionen, die weit über das hinausgehen, was wir so an Naturkatastrophen kennen. Bei kleineren Körpern hingegen kann das ganz anders sein - der Meteor bei Tscheljabinsk im Jahr 2013 etwa ist praktisch aus dem Nichts gekommen. Ein Körper von solcher Größe könnte morgen erneut auf die Erde treffen - und wir könnten nichts dagegen tun.

Sie sprechen davon, dass von großen Asteroiden, die eine Gefahr darstellen, die Flugbahnen bekannt sind. Aber könnten wir nicht auch einen übersehen haben?

Das ist nicht völlig auszuschließen. Wir wissen, dass Asteroiden von ihrer Zusammensetzung her sehr unterschiedlich sein können, was wiederum Auswirkungen auf ihre Sichtbarkeit hat. Möglicherweise gibt es Körper, die sind so schwarz, dass sie schwer oder gar nicht zu sehen sind. Ich persönlich halte die Wahrscheinlichkeit aber nicht für besonders groß, dass uns größere Körper entgangen sind.

Ein Gedankenspiel: Wir würden morgen einen zwei Kilometer großen Asteroid mit Kollisionskurs auf die Erde entdecken - errechneter Einschlag wäre in zwei Jahren. Könnten wir mit heutigen Mitteln irgendetwas dagegen tun?

Bei dieser Größe würde ich sagen: nein. Wir könnten nur versuchen, den Schaden zu minimieren, indem wir uns entsprechend vorbereiten. Bei einer so verhältnismäßig kurzen Vorwarnzeit fehlen uns bei dieser Größenordnung bisher die Mittel.

Es gibt ja ein Beispiel für so ein NEO: Auf ihrer Risikoliste führt die Esa "1950 DA" weit oben. Dieser Brocken mit 2000 Metern Durchmesser könnte - allerdings mit einer sehr geringen Wahrscheinlichkeit - im Jahr 2880 auf der Erde einschlagen. Was hätte so ein Einschlag mitten in Europa für Auswirkungen?

Asteroiden, Meteoroiden und Meteoriten

Millionen von Asteroiden und Kometen rasen durch das Sonnensystem. Unterschieden werden sie vor allem anhand ihrer Zusammensetzung; ganz klar definiert ist der Unterschied allerdings nicht. ASTEROIDEN sind die kleineren Geschwister der Planeten, sie bestehen aus Gestein und Metallen. Weil sie klein und leicht sind, bleibt ihre Bahn um die Sonne nicht unbedingt konstant, sondern kann sich durch die Gravitationskräfte anderer Körper verändern. Für sehr kleine Objekte mit weniger als einigen Dutzend Metern Durchmesser wurde die Bezeichnung METEOROIDEN eingeführt.Verglühen sie beim Eintritt in die Erdatmosphäre nicht komplett, sondern erreichen noch den Boden, werden sie METEORITEN genannt. Jeden Tag gelangen etliche Tonnen kosmischen Materials auf die Erde, allerdings zum größten Teil als Staub.

Bei einem 2000-Meter-Brocken sind wir in einer Größenordnung wie beim Nördlinger Ries, ein fast 30 Kilometer großer Krater um die bayerische Stadt Nördlingen. Er wurde durch den Einschlag eines Asteroiden vor rund 15 Millionen verursacht, dessen Größe auf 1000 bis 1500 Meter geschätzt wird. Das war ein Szenario, das hat komplett Zentraleuropa verwüstet.

Wie kann man sich eine derartige Katastrophe vorstellen, würde sie heute erneut geschehen?

Wenn der Körper einschlägt, würde man als Erstes eine Art Feuerball am Horizont sehen. Für jeden, der ihn sieht, ist es jedoch das Letzte, was er in seinem Leben erblickt, denn er fängt auf der Stelle selbst Feuer. Bei einem Körper dieser Größe würde durch die Hitzestrahlung in einem Umkreis von 200 Kilometern alles in Flammen aufgehen, sogar die Kleidung am Körper von Menschen.

Es würde also ein Gebiet mit 400 Kilometern Durchmessern - von der Fläche her entspricht das etwa Schleswig-Holstein - komplett in Brand gesetzt. Was würde noch geschehen?

Auf den Feuerball würde eine massive Druckwelle folgen. Bis zu 100 Kilometer vom Einschlag entfernt werden von ihr alle Gebäude plattgemacht. Holz- und Glaskonstruktionen würden noch in bis zu 500 Kilometern Entfernung zerstört. Dazu kommt, dass durch den Einschlag Fragmente aus Gestein ausgeworfen werden, die wieder zu Boden regnen. In einer Entfernung von bis zu 60 Kilometern um den Einschlagsort werden diese den Boden komplett bedecken. Aber noch in bis zu 1000 Kilometern Entfernung können Fragmente vom Himmel fallen.

Wird auch das weltweite Klima davon beeinträchtigt?

Es ist schwierig vorher zu sagen, was in der Atmosphäre geschieht. Es wird natürlich einiges an Material verdampft und da hängt es davon ab, wie viel CO2, Schwefelsäure-Aerosole und Staubpartikel sich in der Atmosphäre ausbreiteten. Das könnte natürlich noch weitere, indirekte und globale vor allem aber regionale Folgen haben.

Aber derartige Katastrophen sind doch sehr selten?

Wie man es sieht. Auf der Erde geschieht das im Schnitt etwa alle ein bis zwei Millionen Jahre. Außerhalb von Europa sind derartige Einschläge gar nicht so lange her. In Ghana etwa gibt es den etwa 10 Kilometer großen Bosumtwi-Krater, der erst vor etwa einer Million Jahre entstand. In Kasachstan gab es womöglich einen ähnlichen Einschlag vor etwa 800.000 Jahren. Zudem finden wir Hinweise auf einen noch jüngeren Einschlag. Kleine Tropfen aus geschmolzenem Gestein hat man von Südasien bis Australien gefunden. Man vermutet, dass sie die Spuren eines sehr großen Einschlags sind, der aber vermutlich einen Ozean traf.

Gemeinsam mit der Nasa plant die Esa die Mission "Aida", mit der ab 2022 untersucht werden soll, ob Asteroiden durch den gezielten Beschuss mit Sonden von ihrer Flugbahn abgebracht werden können. Dazu gehört das erwähnte, noch nicht endgültig beschlossene Esa-Projekt "Hera". Sollte die Mission Erfolg haben - wird die Menschheit dadurch in die Lage versetzt, eine Katastrophe wie die von Ihnen geschilderte abzuwenden?

*Datenschutz

Man muss klar sagen: Einen ein bis zwei Kilometer großen Brocken werden wir mit der Technik, die bei der Mission "Aida" getestet werden soll, nicht abwehren können. Das Prinzip der Mission, dass man Asteroiden wie beim Billard durch eine kleine Kollision mit einer Sonde aus ihrer Bahn schubst, wird in diesen Größenordnungen nicht funktionieren. Aber es könnte uns damit vielleicht bald möglich sein, Körper von 100 bis 200 Meter Größe abzuwehren.

Das hört sich aber noch nicht sehr beruhigend an …

Wenn "Hera" kommt, werden wir natürlich auch danach weitermachen. Und die Technik wird sich weiterentwickeln, sodass wir in Zukunft vielleicht auch noch größere Brocken von ein bis zwei Kilometern Größe abwehren können. Aber es gibt immer eine Grenze. Ein zehn Kilometer großer Körper wie jener, der die Dinosaurier vor etwa 65 Millionen Jahren auslöschte, hat eine so hohe kinetische Energie - es gibt nichts, was wir mit heutigen Mitteln dagegen tun könnten. Dafür müssten erst völlig neue Technologien entwickelt werden.

Mit Kai Wünnemann sprach Kai Stoppel

Quelle: n-tv.de