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Startups schießen ins All Chinas heimliche Raumfahrt-Revolution

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Die Rakete des chinesischen Startups OneSpace bei ihrem erfolgreichen Jungfernflug im Mai 2018.

(Foto: imago/VCG)

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Während das Unternehmen SpaceX aus den USA zur technischen Meisterschaft reift, wächst in China eher wenig beachtet eine junge Raumfahrt-Industrie heran. Startups liefern sich einen Wettlauf ins All. Und sie scheinen keine Limits zu kennen.

Die Raumfahrt steht an der Schwelle zu einer neuen Ära: Private Unternehmen wie SpaceX spielen eine immer größere Rolle. Mittlerweile versorgt SpaceX regelmäßig die ISS mit Nachschub und transportiert tonnenschwere Satelliten in Erdumlaufbahnen. Mit der schweren Rakete "Falcon Heavy" flog ein Elektroauto der Firma Tesla werbewirksam sogar bis zum Marsorbit.

Doch während die Welt die raschen Fortschritte des US-amerikanischen Pioniers bestaunt, entwickelt sich abseits davon ein neues Biotop an Raumfahrt-Startups: in China.

Die Volksrepublik selbst hat seit dem ersten "Taikonauten" im All im Jahr 2003 mit den alten Weltraum-Supermächten USA und Russland gleichgezogen und baut ihr Raumfahrtprogramm rasant aus. "Die Chinesen haben eine sehr hohe Geschwindigkeit im Thema Raumfahrt vorgelegt", meint auch Dirk Hoke, Spartenchef für Raumfahrt und Rüstung bei Airbus, im Gespräch mit n-tv.

Mittlerweile fahren chinesische Roboter über den Mond und lassen dort versuchsweise Baumwolle sprießen. Bis 2022 soll eine komplette chinesische Raumstation aus mehreren Modulen um die Erde kreisen - die womöglich nach dem Ende der ISS der einzige Außenposten der Menschheit in einer Erdumlaufbahn sein wird.

Peking erlaubt privaten Raketenbau

Im Jahr 2014 verlieh Peking der heimischen Raumfahrt zusätzlichen Schub: Der Staat gab sein Monopol zum Bau von Raketen auf. Wie Pilze schießen seitdem Raumfahrt-Startups aus dem Boden. Sie profitieren von den gewaltigen Anstrengungen der vergangenen Jahrzehnte, durch die China - auch dank russischer Hilfe - zur Raumfahrer-Nation aufsteigen konnte.

Finanziert werden die chinesischen Raketenbauer vor allem durch halbstaatliche und private Kapitalgeber aus China selbst - laut Space Angels, einem auf die Luft- und Raumfahrtindustrie spezialisierten Finanzdienstleister, sammelten Chinas Startups im dritten Quartal 2018 bereits mehr Geld ein als die Konkurrenz in anderen Ländern.

Mit den Investments im teils zweistelligen Millionenbereich - wenn man in Euro rechnet - entwickeln und bauen die chinesischen Raumfahrt-Pioniere Raketen im Eiltempo. Hilfe erhalten sie dabei von vielen ehemaligen Ingenieuren aus dem staatlichen Raumfahrtprogramm Chinas.

Die ersten Raketen fliegen bereits

Im vergangenen Jahr stiegen bereits die ersten Privat-Raketen in Chinas Himmel auf. Den Auftakt machte das Pekinger Unternehmen OneSpace im Mai 2018. Es war der erste erfolgreiche Start einer von einem Privatunternehmen entwickelten Rakete.

Dem 2016 von chinesischen Raketenforschern gegründeten Unternehmen Interstellar Glory Space Technology - auch als iSpace bekannt - gelang im September 2018 ein weiterer Coup: Das Startup konnte mit einer selbst gebauten Rakete drei Mini-Satelliten in mehr als 100 Kilometern Höhe aussetzen. Ebenfalls eine Premiere.

Für die ersten erfolgreichen Flüge von OneSpace und iSpace wurden jedoch vergleichsweise kleine Raketen verwendet, die jeweils nicht mehr als neun Meter messen. Einen Orbit um die Erde erreichen diese nicht - was allerdings Voraussetzung dafür ist, um im Geschäft mit Satelliten-Starts mitmischen zu können.

Landspace baut gleich größer

Weiter ist da das Pekinger Unternehmen Landspace, dessen dreistufige Rakete "Zhuque 1" bereits für den Flug zu einem Orbit ausgelegt ist. Doch Landspace musste zuletzt einen Rückschlag verkraften: Die "Zhuque 1" stürzte vergangenen Oktober vor Erreichen ihres Ziel ab - und mit ihr die erste Fracht, der Satellit eines chinesischen Fernsehsenders.

Dennoch scheint Landspace auf dem Weg zu einem ernst zu nehmenden Mitspieler in der Branche zu sein. Westlich von Shanghai hat das Unternehmen gerade erst eine fast 500 Millionen Yuan (66 Millionen Euro) teure Fabrik eröffnet - 15 Raketen sollen dort pro Jahr hergestellt werden.

Und mit "Zhuque 2" entwickelt Landspace bereits ein Nachfolgermodell, das fast 50 Meter hoch ist und rund vier Tonnen Nutzlast in eine niedrige Erdumlaufbahn hieven soll. Der erste Start der "Zhuque 2" ist laut dem Unternehmen für 2020 geplant. Für die Finanzierung hatte Landspace nach eigenen Angaben im vergangenen November rund 43 Millionen Dollar eingesammelt.

Auch das Startup Linkspace sorgte für Aufsehen mit seinen Tests einer wiederverwendbaren Rakete. Damit überspringt es die Entwicklung von Wegwerf-Flugkörpern und versucht es SpaceX gleichzutun. Zuletzt wurde es jedoch ruhiger um die Firma. Ihr Ziel war zuletzt, im Jahr 2020 mit der zum Teil wiederverwendbaren Rakete "New Line 1" ins All zu fliegen.

Wachstumsmarkt Mini-Satelliten

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Experten sehen die chinesischen Firmen allerdings noch nicht in der Lage, in naher Zukunft eine echte Konkurrenz für SpaceX und große Weltraumagenturen wie die Esa mit ihrer "Ariane" zu sein. So sehen sich Firmen wie OneSpace selbst auch zunächst als Anbieter für Starts im unteren Segment: "Ich hoffe, wir werden der größte Klein-Satelliten-Starter der Welt", sagte OneSpace-Gründer Shu Chang einmal gegenüber "China Daily".

Worauf Chinas Raumfahrt-Startups bauen können, ist das boomende Geschäft mit Satelliten. Laut der Satellite Industry Association verdoppelte sich die Zahl der Satelliten um die Erde in den vier Jahren bis 2017 auf mehr als 1700.

Und besonders die von Chinas Startups ins Visier genommenen Mini-Satelliten, die zur Wetterbeobachtung, Telekommunikation oder Navigation genutzt werden können, stellen einen Wachstumsmarkt dar. Die Pariser Beratungsfirma Euroconsult geht davon aus, dass sich der Umsatz mit Mini-Satelliten von 100 Millionen Dollar 2017 auf 15 Milliarden Dollar im Jahr 2027 vervielfachen wird.

Nach den jüngsten Erfolgen entwickeln, bauen und testen die chinesischen Raketenfirmen bereits größere und leistungsfähigere Flugkörper. OneSpace will mit seinem neuen Modell "OS-M" bis Ende 2019 erstmals eine Erdumlaufbahn erreichen. Konkurrent iSpace arbeitet an einer leistungsstarken Flüssigtreibstoff-Rakete, die 2020 einen Orbit erreichen soll. Damit könnten sie sogar der US-Firma "Blue Origin" des Amazon-Gründers Jeff Bezos zuvorkommen: Diese plant den Erstflug ihrer Rakete "New Glenn" zu einem Orbit erst für 2021.

Traum von bemannten Flügen

Ob Chinas aufstrebende Raumfahrt-Branche es jedoch bei dem Transport von Mini-Satelliten belassen wird, darf bezweifelt werden. Sollten weitere Starts erfolgreich sein, scheint es kaum ein Limit zu geben. OneSpace, iSpace und Landspace - sie alle haben bereits durchblicken lassen, dass ihr Fernziel lautet, bemannte Raumschiffe ins All zu befördern. Auch in dieser Hinsicht eifern sie ihrem Vorbild SpaceX nach - nicht nur bei der Namensgebung.

Bei SpaceX könnte es schon bald so weit sein: Noch dieses Jahr sollen zum ersten Mal Astronauten mit der Kapsel "Crew Dragon" zur ISS befördert werden. Seit dem ersten erfolgreichen Start eine "Falcon"-Rakete in einen Orbit wird dann mehr als ein Jahrzehnt vergangen sein. Für Chinas Startups würde das bedeuten, dass vor 2030 an bemannte Missionen kaum zu denken ist. Aber bereits jetzt befinden sie sich mit der Raketen-Entwicklung auf der Überholspur. Möglicherweise wächst SpaceX schneller Konkurrenz heran, als manche glauben.

Quelle: n-tv.de

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