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Extrem steigende Zahlen Simulator blickt in düstere Covid-19-Zukunft

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Je weiter das Modell in die Zukunft blickt, desto ungenauer werden die vorausgesagten Werte.

(Foto: imago images/Rene Traut)

Die Universität des Saarlands entwickelt einen Simulator, mit dem man in die deutsche Pandemie-Zukunft blicken kann. Die Prognosen zeigen, dass nicht nur die Fallzahlen extrem steigen, sondern auch viele Menschen sterben könnten, wenn die beschlossenen Maßnahmen nicht greifen.

Die Zahl der Neuinfektionen steigt immer schneller, das Robert-Koch-Institut (RKI) meldet inzwischen fast täglich neue Höchstwerte. Wo soll das nur enden, wenn das so weitergeht? Wie viele Infizierte müssen schon bald ins Krankenhaus? Wie viele von ihnen brauchen intensivmedizinische Betreuung? Und wie viele Covid-19-Patienten werden sterben?

Wissenschaftler der Universität des Saarlandes haben einen Online-Simulator entwickelt, der aufgrund aktuell verfügbarer Daten diese Fragen beantworten soll.

Merkel könnte richtig gerechnet haben

Der Simulator ist frei verfügbar und einfach zu bedienen. Man wählt einfach ein Bundesland oder Deutschland als Ganzes aus und stellt ein Datum ein, bis zu dem die Entwicklung gezeigt werden soll. Dazu kann man noch bestimmen, welche Kategorien die Grafiken anzeigen sollen, und zusätzliche Werte wie die Reproduktionszahl einblenden.

Gibt man beispielsweise für Deutschland den 30. Oktober ein, sieht man, dass die von Kanzlerin Angela Merkel vorgerechneten 19.200 täglichen Neuinfektionen bis Weihnachten mehr als realistisch sind. Denn dem Simulator zufolge erreicht die Bundesrepublik bereits in ungefähr zwei Wochen diesen Wert. Die Zahl der im Krankenhaus behandelten Patienten wächst demnach von ungefähr 2400 auf knapp 6400. Von ihnen werden etwa 1200 auf Intensivstationen liegen, 760 künstlich beatmet. Auf die Todeszahlen wirkt sich das zunächst noch nicht stark aus: Das Modell prognostiziert für den 30. Oktober 29 Covid-19-Todesfälle.

1500 Corona-Tote an Weihnachten?

"Das kann das Land doch verkraften", sagen jetzt vielleicht einige, aber falls die jetzt beschlossenen Gegenmaßnahmen nicht greifen, ändert sich das möglicherweise sehr schnell. Zwei weitere Wochen später zeigt die Simulation mehr als 57.000 Neuinfektionen an, rund 18.500 Covid-19-Patienten werden im Krankenhaus behandelt, mehr als 3.400 benötigen intensive Betreuung, etwa 2000 müssen künstlich beatmet werden. Und die Zahl der täglichen Todesfälle wächst auf 84 an.

Das sind erschreckende Zahlen, aber es handelt sich um eine Simulation, die davon ausgeht, dass die Pandemie in Deutschland ungebremst weiterläuft. Und das Modell wird ungenauer, je weiter man in die Zukunft blickt. So zeigt es für den 24. Dezember fast 700.000 Neuinfektionen und rund 1500 Todesfälle an.

*Datenschutz

Derzeit seien vor allem jüngere Menschen infiziert, sagt Forschungsleiter Thomas Lehr. Entsprechend niedrig sei auch die Zahl der Patienten in Krankenhäusern und auf Intensivstationen. "Wir erwarten jedoch bereits in zwei bis drei Wochen eine Versiebenfachung der dann nötigen intensivmedizinischen Betreuung im Vergleich zum Sommer und gehen bundesweit von 200.000 Covid-19-Erkrankten, also aktiven Fällen aus, wenn die Infektionsraten so bleiben wie derzeit." Dann werde es auch wieder eine stärkere Durchmischung mit älteren Bevölkerungsgruppen geben.

Altersstrukturen nicht vorhersehbar

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"Die Zahl der Todesfälle steigt bereits jetzt auf beunruhigende Weise", sagt Lehr. "Sie könnte sich mit mehrwöchiger Verzögerung stark erhöhen, denn nach wie vor stirbt ein Fünftel der Covid-19-Intensivpatienten." Viel hängt davon ab, wie viele ältere Menschen über 60 Jahre sich in den kommenden Wochen anstecken. Doch die größte Schwäche des Modells ist wohl, dass sie künftige Altersstrukturen bei den Neuinfektionen noch nicht vorhersagen kann.

Für ihr Modell werten die Saarbrücker Forscher Zahlen des RKI, Angaben der Gesundheitsministerien sowie Daten der Kreis- und Landesgesundheitsämter und von über 8000 hospitalisierten Covid-19-Patienten aus mehr als 100 deutschen Kliniken aus. "Wir analysieren zudem, wie sich die politischen Interventionen während der Pandemie auf das Infektionsgeschehen auswirken", sagt Lehr. "In unseren Tabellen und Schaubildern lässt sich genau nachvollziehen, welche Effekte etwa die Kontaktbeschränkungen oder die Schulschließung hatten. Diese Erkenntnisse nutzen wir für unsere Prognosen und verbessern damit kontinuierlich das zugrundeliegende Simulationsmodell. Wir sind sehr erfreut, wie präzise unsere Berechnungen die tatsächliche Entwicklung vorhersagen können."

Quelle: ntv.de