Politik

Erst Lockdown, dann Lockerungen Irland zeigt, wie man die Zahlen drückt

a04be329383e2f91445b0441cdf949ab.jpg

Eine Einkaufsstraße in Galway im Westen Irlands. "Murphy's Bar" darf besucht werden, aber nur, wenn man ein Gericht für mindestens 9 Euro bestellt.

(Foto: REUTERS)

Das Beispiel Irland zeigt, dass ein Lockdown funktionieren kann. Nun lockert die Republik die strengen Einschränkungen. Sorge bereiten allerdings volle Einkaufsstraßen und Restaurants am ersten Wochenende ohne strenge Maßnahmen.

In Dublins Innenstadt wimmelt es von Menschen. Viele tragen auch unter freiem Himmel Maske, andere halten das selbst in der Straßenbahn nicht für nötig. Mit Einkaufstüten bepackt, schlängeln sich die Iren durch die weihnachtlich beleuchteten Gassen. Wer in diesem Jahr dreieinhalb Wochen vor dem Fest noch nicht alle Geschenke online bestellt hat, muss anstehen. Im Laden geht das Gedränge weiter. Die gelben Pfeile auf dem Fußboden, die dafür sorgen sollen, dass sich der Strom in eine Richtung bewegt, werden häufig übersehen.

Es ist das erste Wochenende nach dem sechswöchigen Lockdown, hierzulande "Level 5" genannt, den Irland als erstes europäisches Land aufgrund immer weiter steigender Infektionszahlen in der zweiten Corona-Welle eingeführt hatte. Seit Ende Oktober waren nur wesentliche Geschäfte wie Supermärkte geöffnet, Friseure und Fitnessstudios geschlossen, Restaurants und Pubs durften Essen und Getränke nur zur Lieferung oder zum Mitnehmen anbieten. Niemand sollte sich weiter als fünf Kilometer von seinem Zuhause entfernen, der Besuch eines anderen Hauses oder einer fremden Wohnung war strikt verboten.

Damit dies auch eingehalten wurde, erhöhte die Polizei während der Geltungsdauer von "Level 5" vor allem ihre Präsenz, "um eine hohe Sichtbarkeit zu haben und die Öffentlichkeit zu beruhigen", sagt Kyle Stewart, Pressesprecher der Polizei in Dublin. Es sei darum gegangen, die Menschen an die Einhaltung der Vorschriften zu erinnern. Selbst Fahrradfahrer wurden angehalten. Nur wer eine spezielle Genehmigung dabei hatte, beispielsweise um zur Arbeit zu fahren, durfte den Fünf-Kilometer-Radius überschreiten.

Die Zahlen zeigen, dass der Großteil der Menschen sich an die Vorschriften hielt. Wurden am 18. Oktober, kurz vor dem Lockdown, noch 1284 Corona-Infektionen registriert, lag die Zahl am 31. Oktober bei knapp 400. Mittlerweile pendeln sich die Neuinfektionen bei 200 bis 300 Fällen pro Tag ein. Damit ist Irland das europäische Land mit der am längsten anhaltenden Abwärtskurve bei Corona-Neuinfektionen.

Nur für ein Guinness in den Pub, bleibt verboten - eigentlich

Auch mit der Mitarbeit der Bevölkerung zeigte sich Polizeichef Drew Harris zufrieden: "Während der gesamten Pandemie hat sich die Öffentlichkeit sehr gut an die gesundheitlichen Ratschläge und Vorschriften gehalten", sagte er am Montag. Proteste gab es aber auch in Dublin. Mal waren es 60, mal ein paar hundert Menschen, die im Stadtzentrum gegen die Corona-Auflagen protestierten. "Kein Lockdown mehr" und "Keine Masken mehr" stand auf Plakaten. Kritisiert wurden generell alle Maßnahmen, die Regierung, Polizei und die Medien. Wie bei vergleichbaren Veranstaltungen in Deutschland trugen dabei nur wenige der Demonstranten Masken oder beachteten den Mindestabstand. Auch einige Festnahmen gab es am Rande solcher Kundgebungen. Vergleichbar mit dem Ausmaß der Querdenker-Bewegung in Deutschland ist das, was in Irland passierte, allerdings nicht.

Polizeichef Harris sagte, nun sei entscheidend, dass dies auch bei "Level 3" so weitergeht. Das ist die aktuelle Stufe des im September von der Regierung entwickelten Plans zum "Leben mit Covid-19".

Denn auch wenn sich das Land nicht mehr in einem strengen Lockdown befindet, gibt es noch immer Einschränkungen. Wer kann, soll weiterhin von zuhause arbeiten. Zwar darf man sich nun weiter als fünf Kilometer von seinem Haus entfernen, allerdings muss man innerhalb seiner Region bleiben. Restaurants dürfen wieder öffnen, sogenannte "Wet Pubs" allerdings nicht. Das bedeutet, dass nur solche Lokale Gäste empfangen dürfen, die Gerichte in einem Wert von mindestens neun Euro servieren. Davon muss jeder Gast dann auch eins auf der Rechnung haben. Nur für ein Guinness darf man also keinen Pub besuchen.

In der Praxis sieht das allerdings anders aus. Der "Irish Times" zufolge wurde das am vergangenen Wochenende nicht in jedem Pub eingehalten. Während die Menschen teilweise über eine Stunde lang draußen anstanden, in der Hoffnung, doch noch einen Platz zu bekommen, wurden in einer Bar nur wenige Gerichte für neun Euro serviert; auf den meisten Tischen standen nur Getränke. Wer nicht reinkam, trank sein Bier einfach draußen. Noch spät in der Nacht waren die Straßen voller Menschen, die sich teilweise leicht schwankend langsam auf den Heimweg machten. "Ich hasse es, um halb elf nach Hause zu gehen, wenn meine Eltern noch auf sind", sagte eine junge Frau namens Aoife der Zeitung.

Vor allem nachts soll nun auch weiterhin vermehrt Polizei in der Innenstadt, aber auch tagsüber in den Einkaufsstraßen unterwegs sein. Polizeichef Harris appellierte an die Menschen, daran zu denken, dass es Corona noch immer gebe. "Wir alle müssen weiterhin unseren Beitrag leisten, indem wir die Ratschläge zur öffentlichen Gesundheit befolgen. Dies ist der beste Weg, uns selbst, unsere Lieben und unsere Nachbarn zu schützen", sagte Harris.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen