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Teil-Shutdown reicht nicht Welche Corona-Maßnahmen wirken wirklich?

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Die AHAL-Regeln sind wichtig, genügen aber bei weitem nicht, um mit niedrigen Infektionszahlen durch den Winter zu kommen.

(Foto: imago images/Robert Poorten)

Der Teil-Lockdown führt nicht ans Ziel, weitere Maßnahmen sind nötig. Wenn sie das Land nicht komplett herunterfahren möchten, müssen Bund und Länder die effektivsten davon ergreifen. Studien zeigen, dass zwei Einschränkungen besonders wirksam sind - und Lockerungen zu Weihnachten keine gute Idee.

Der im November begonnene Teil-Shutdown hat nicht mal annähernd die gewünschte Wirkung gezeigt. Die Inzidenz sollte bundesweit auf 50 Neuinfektionen in der Woche pro 100.000 Einwohner sinken, doch aktuell liegt sie immer noch über 140. Der Anstieg der Neuinfektionen konnte nur vorübergehend gestoppt werden, inzwischen steigen die Zahlen schon wieder, in einigen Regionen sogar dramatisch. Dass sich dies bei einer weiteren Verlängerung der aktuellen Maßnahmen kaum ändern wird, zeigen verschiedene 14-Tage-Vorhersage-Modelle, die Forscher des Heidelberger Instituts für Theoretische Studien (HITS) und des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) auf der Online-Plattform German-Polish COVID-19 Forecast Hub gebündelt haben.

Bayern hat deshalb bereits Verschärfungen beschlossen, unter anderem verhängt der Freistaat nächtliche Ausgangssperren. Weitere Länder werden folgen, eine bundesweite Reaktion ist nur eine Frage der Zeit. Epidemiologisch am wirkungsvollsten wäre ein harter Lockdown wie im Frühjahr. Aber dies hätte immense wirtschaftliche und gesellschaftliche Schäden zufolge, die niemand möchte oder verantworten kann. Das ist aber auch nicht nötig, darin sind sich Experten weitgehend einig, man muss nur die richtigen, also wirkungsvollsten Maßnahmen ergreifen. Aber welche sollen das sein?

Quellen kaum noch aufzuspüren

Am einfachsten könnte man diese Frage beantworten, wenn man wüsste, wo und bei welchen Gelegenheiten sich die Menschen vor allem anstecken. Doch durch das außer Kontrolle geratene Infektionsgeschehen ist genau dies aktuell nicht der Fall. In fast 80 Prozent der Fälle, ist laut RKI nicht nachvollziehbar, wo sich Betroffene angesteckt haben. Das liegt zum einen daran, dass die Gesundheitsämter mit der Flut an Neumeldungen überfordert sind. Viele Menschen können sich aber auch gar nicht mehr erinnern, wo sie sich infiziert haben könnten.

*Datenschutz

Bei den Infektionen mit bekannten Quellen nennt das RKI neben Senioren- und Pflegeheimen vor allem private Haushalte, auch Arbeitsplätze sind verhältnismäßig stark vertreten. Allerdings heißt das nicht wirklich, dass sich jemand auch dort angesteckt hat beziehungsweise dort die Quelle war. Denn wenn sich beispielsweise eine Person in einem öffentlichen Verkehrsmittel auf dem Arbeitsweg infiziert hat, wird dies eher dem Arbeitsplatz angerechnet oder als "privat" verbucht. Ähnlich ist dies bei Schulen oder Restaurants, solange dort keine Fall-Häufung (Superspreading-Event) erkannt wurde.

R muss runter auf 0,7

Außerdem gibt es inzwischen nicht mehr überwiegend große Ausbrüche, die für die meisten Ansteckungen verantwortlich sind, sondern über die breite Fläche viele große und kleine Herde, die nicht mehr auseinanderzuhalten sind. Das ist vergleichbar mit vereinzelten Feuern, die sich zu einem Großbrand vereinen. Mit einer Cluster-Bekämpfung kommt man in so einer Situation nicht mehr weit, auch dazu wird eine niedrige Zahl von Neuinfektionen benötigt.

Wenn man die Reproduktionszahl kurzfristig auf 0,7 drücken könnte, würden zwei bis drei Wochen ausreichen, um die Kontrolle zurückzuerhalten, sagte Viola Priesemann am Sonntag in Berlin Direkt. Die Physikerin erstellt am Max-Planck-Institut in Göttingen epidemiologische Modellrechnungen. Ihre These bestätigt der Corona-Simulator der Universität des Saarlandes. Setzt man dort den R-Wert auf 0,7, errechnet er eine bundesweite 7-Tage-Inzidenz von ungefähr 50 am 2. Januar, eine Woche später läge sie bereits bei 37.

Schulschließungen sehr effektiv, aber ...

Wissenschaftler der Oxford-Universität haben die acht nicht-pharmazeutischen Interventionen in 41 Ländern untersucht und ihre Ergebnisse in einem Preprint veröffentlicht. Sie stellten fest, dass Schließungen von Schulen und Universitäten mit einem Anteil von 41 Prozent den größten Anteil an der Senkung des R-Wertes hatten.

Dabei geben die Forscher aber zu bedenken, dass sie nicht unterscheiden konnten, ob Schulen oder Unis wichtiger waren. Dem derzeitigen Stand der Wissenschaft zufolge sind dies vermutlich ältere Schüler und Studenten - erwiesen ist das aber noch nicht. Die genannten Werte sind außerdem Mittelwerte, die verschiedenen Maßnahmen erzielten in den Ländern unterschiedliche Erfolge.

Interventionen müssen auch nicht unmittelbar wirken, also beispielsweise Infektionen in den Bildungseinrichtungen verhindern. Sie können sie auch indirekt unterbinden, indem zum Beispiel Busse oder Züge leerer sind oder Eltern zur Betreuung zu Hause arbeiten müssen.

Je weniger Personen sich treffen dürfen, desto besser

An zweiter Stelle der Oxford-Forschung folgt, Versammlungen auf zehn Personen oder weniger einzuschränken. Hierfür ermittelten die Forscher einen Rückgang im Mittel um 36 Prozent. Bei 100 oder weniger sind es 28, bei bis zu 1000 Personen 13 Prozent. Es folgen die Schließungen von hochriskanten Betrieben mit 20 Prozent, die meisten nicht-relevanten Geschäfte dichtzumachen brachte im Mittel eine Reduzierung des R-Wertes um 29 Prozent.

Dass Beschränkungen auf Versammlungen mit möglichst wenigen Menschen besonders effektiv sind, spricht gegen Lockerungen an Weihnachten, auch wenn die Studie nicht explizit den Effekt bei einem Fünf-Personen-Limit beschreibt, spricht der steigende Prozentwert bei sinkender Anzahl für sich.

Wiener Studie kommt zu ähnlichen Ergebnissen

Wissenschaftler der Medizinischen Universität veröffentlichten Mitte November eine ähnliche Arbeit bei "Nature". Sie erstellten eine Rangliste nach verschiedenen Methoden und Datensätzen. Die effektivsten Maßnahmen dienen demnach ebenfalls dazu, die Versammlung kleinerer Menschengruppen zu unterbinden. Dazu gehören die Schließung kleiner Geschäfte und Restaurants, die Homeoffice-Pflicht oder die Beschränkung auf eine Höchstzahl (50 oder weniger).

Auch die jüngere Forschungsarbeit kommt zu dem Ergebnis, dass es sehr viel bringt, Bildungseinrichtungen zu schließen. Die Wiener Wissenschaftler beziehen sich dabei unter anderem auf eine US-Studie, die eine Senkung von Inzidenz und Mortalität von 60 Prozent ergab. Und laut einer südkoreanischen Forschung übertragen Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 19 Jahren in Haushalten das Virus eher als Erwachsene und kleinere Kinder.

Das Rundherum ist entscheidend

Forschungsleiter Peter Klimek sagte dem ORF allerdings, er halte hier die indirekten Effekte für entscheidend: "Wenn wir die Schulen hinunterfahren, dann reduzieren wir nicht nur die Kontakte in den Schulen selbst. Es werden ja auch rundherum alle Lebensbereiche heruntergefahren." Ob kleine Kinder auch für Erwachsene stark ansteckend sind, sei nämlich nach wie vor fraglich.

Der Wiener Studie zufolge sind außerdem Grenzschließungen, die Verfügbarkeit von Schutzausrüstung sowie die Einschränkung der individuellen Bewegungsfreiheit sehr effektiv. Ein nationaler Lockdown funktioniert auch, ist aber den Forschern nach nicht nötig, da mit der richtigen Mischung der anderen genannten Maßnahmen der gleiche Effekt erzielt werden könne.

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Damit ist die Aufgabe genannt, die sich Bund und Ländern jetzt stellt. Sie müssen die richtigen Instrumente auswählen, die bundes- oder landesweit beziehungsweise regional zum Einsatz kommen sollen, um spätestens im Januar die Neuinfektionen möglichst schnell zu senken, ohne dabei unverhältnismäßig anderen Schaden anzurichten. Die Verantwortlichen müssen bei ihrer Abwägung außerdem berücksichtigen, dass Maßnahmen sich oft gegenseitig beeinflussen, im Idealfall ergänzen.

Begründen besser als drohen

Dabei kommt es Klimek auch sehr stark auf die Kommunikation an. Wenn die Bevölkerung freiwillig mitzieht, sei dies besser als mit Bedrohungsszenarien zu arbeiten. Dies würde dem Präventionsparadox in die Hände spielen, sagt der Wissenschaftler. Also Menschen im Glauben bestärken, erfolgreiche Präventionsmaßnahmen seien überflüssig, weil es ja kaum Infektionen gäbe.

Quelle: ntv.de