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Börsencrash geht weiter Das war's noch nicht

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Es darf bezweifelt werden, ob das tatsächliche Ausmaß der Corona-Krise mit einem Minus von 20 bis 25 Prozent in den Börsenkursen schon voll eingepreist ist.

(Foto: imago images/STPP)

In den letzten Wochen lief an den Aktienmärkten eine typische Bärenmarktrally - eine zwischenzeitliche Aufwärtsbewegung in einem fallenden Markt. Die Börsen werden die Tiefs wohl noch einmal testen. Denn die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Wirtschaft sind enorm.

Glaubt man den Aktienkursen, dann ist es mit der Covid-19-Pandemie gar nicht so schlimm. In den USA notiert der Dow Jones gerade einmal 20 Prozent unter seinem Hoch vom 12. Februar. Umgekehrt ist das Standardwerte-Barometer seit dem Tief am 23. März schon wieder um rund 26 Prozent gestiegen.

S&P 500
S&P 500 3.351,69

Beim S&P 500, der die 500 größten in den USA börsennotierten Unternehmen umfasst, sieht es ganz ähnlich aus. Hier fällt das aktuelle Minus sogar noch etwas geringer als beim Dow Jones aus. Auch der Deutsche Aktienindex Dax passt in dieses Schema.

Das Interessante an den derzeitigen Kursniveaus ist, dass sie eigentlich nur einen Rückgang der Unternehmensgewinne in einer Größenordnung von 20 bis 25 Prozent einpreisen. Gehen die Profite stärker zurück, würden die Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGVs) steigen. Eine sogenannte KGV-Ausweitung ist jedoch in einer Rezession nur schwer vorstellbar.

Rezession ist schon da

Offiziell befindet sich eine Volkswirtschaft in einer Rezession, wenn sie mindestens zwei Quartale hintereinander schrumpft. Im ersten Quartal war das in Deutschland und den anderen Industrienationen aufgrund des Shutdowns garantiert der Fall. Das zweite Quartal ist zwar gerade erst angelaufen. Es ist aber mehr als absehbar, dass auch in Q2 ein "negatives Wachstum", wie es die Börsianer gerne bezeichnen, stattfindet.

Rohöl (WTI)
Rohöl (WTI) 41,17

Zwar liegen die Ergebnisse zeitlich bedingt noch nicht auf dem Tisch, aber faktisch befinden sich Deutschland, die Eurozone oder die USA bereits in einer Rezession - und zwar in einer tiefen. Ein Indikator dafür ist der Ölpreis - bei der Sorte WTI ist der Preis seit Jahresanfang um circa zwei Drittel kollabiert. Die entsprechenden Förderunternehmen haben bis auf Weiteres kein Geld mehr für Investitionen.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet in diesem Jahr mit einem Einbruch der Weltwirtschaft um drei Prozent. Zum Vergleich: Während der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise belief sich das Minus gerade einmal auf 0,1 Prozent. Damals verhinderten vor allem die Schwellenländer wie China eine noch schlimmere Rezession. Das wird diesmal wohl nicht der Fall sein. Der IWF sieht vor allem für die westlichen Industrieländer schwarz. In Deutschland soll das BIP 2020 um 7 Prozent schrumpfen, in den USA um 6,1 Prozent und in Frankreich, Spanien und Italien um 7,2, 8 beziehungsweise 9,1 Prozent.

Erodierende Unternehmensgewinne

Unter diesen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen werden die Unternehmensgewinne leiden. Verschiedene Bereiche wie Reiseveranstalter und Luftfahrtunternehmen dürften tiefrote Zahlen schreiben. Diese sind zwar volkswirtschaftlich nur wenig relevant, aber auch große Branchen wie der Automobil- oder Maschinenbau werden massiv unter Druck geraten - und zwar für längere Zeit.

Bei den Pkw-Herstellern ist es beispielsweise ausgesprochen komplex, die Produktion wieder hochzufahren. Hier drohen Ausfälle von wichtigen Zulieferern. Außerdem werden die Fabriken auf absehbare Zeit nicht mehr das Produktionsniveau von vor Corona erreichen. Ausgedünnte Schichten, Sicherheitsabstände und viel häufigeres Desinfizieren werden zulasten des Outputs gehen.

Dazu kommt, dass die Nachfrage gar nicht mehr in dem Ausmaß wie vor der Pandemie vorhanden sein wird. Menschen, die sich in Kurzarbeit befinden oder deren Restaurant gerade pleitegemacht hat, werden sicherlich nicht als Erstes an den Kauf eines neuen Fahrzeugs denken, wenn die Autohäuser wieder geöffnet haben. Selbst wenn sich die Krise in Deutschland noch vergleichsweise gut bewältigen ließe, wird es hier zu erheblichen Gewinneinbrüchen kommen. Denn für die hiesigen Unternehmen sind die Exportmärkte entscheidend - und da sieht es, bis auf China, noch schlechter aus als in der Bundesrepublik.

Bei US-Banken bricht Gewinn ein

Interessant wird die Entwicklung in den USA sein. Die Arbeitslosenzahlen sind auf jeden Fall schon in wenigen Wochen in die Höhe geschossen. Das ist für ein Land, dessen Wirtschaft zu 70 Prozent vom Konsum lebt, tödlich. Der Einzelhandelsumsatz ist im März in den USA mit einem Minus von 8,7 Prozent im Vergleich zum Vormonat bereits so stark ein eingebrochen wie seit fast 30 Jahren nicht mehr.

Einen Vorgeschmack auf die gerade gestartete Berichtssaison geben die Banken. Bei Instituten wie der Bank of America oder JP Morgan Chase ist der Gewinn im ersten Quartal um 45 beziehungsweise 69 Prozent zurückgegangen. Bei Wells Fargo, einer Bank mit vielen kleinen und mittelgroßen Unternehmens-Kunden, belief sich das Minus sogar auf 89 Prozent. Der Grund ist vor allem eine stark gestiegene Risikovorsorge zum Schutz gegen faule Kredite.

Kein neuer Zins

Vor diesem Hintergrund ist mit umfangreichen Kürzungen und Ausfällen von Dividenden zu rechnen. Die Gewinnausschüttungen der Unternehmen waren in den vergangenen Jahren eine wesentliche Motivation für den Kauf von Aktien. Die These, Dividenden seien der neue Zins, erweist sich als grundfalsch.

Die Flucht der Anleger in Sicherheit, implodierende Unternehmensgewinne und deutlich geringere Dividendenzahlungen in einem rezessiven Umfeld - das alles zusammen ist ein gefährlicher Cocktail. Ob der mit einem Minus von 20 bis 25 Prozent in den Kursen schon voll eingepreist ist, darf bezweifelt werden.

Über den Autor: Wolfgang Böhm arbeitet als freier Finanz- und Wirtschaftsjournalist in Berlin.

Quelle: ntv.de